Tankstelle bei Nacht
Nahversorger gerade im ländlichen Raum: Tankstellen Bildrechte: imago/Panthermedia

Der Redakteur | 22.05.2019 "Sprit" rund um die Uhr? - Alkoholverkauf an Tankstellen

Noch schnell ein paar Bier von der Tanke? Nach Ladenschluss im Supermarkt ganz normal. Hildegard Koburger aus Sonneberg fragt sich, warum an Tankstellen überhaupt Alkohol verkauft wird: "Auto und Alkohol – das passt doch nicht zusammen." Unser Redakteur hakt nach.

von Thomas Becker

Tankstelle bei Nacht
Nahversorger gerade im ländlichen Raum: Tankstellen Bildrechte: imago/Panthermedia

Bei dieser Frage sind wir ganz schnell beim Grundsätzlichen. Alkohol ist ein Teufelszeug, eine legale Droge. Wir saufen uns die Gehirnzellen weg, fördern Krankheiten und trinken trotzdem. Und wir kaufen – wenn wir gewisse Altersgrenzen überschritten haben – überall Alkohol. Im Supermarkt, in der Tankstelle, am Kiosk oder per Mausklick mit anschließender Lieferung frei Haus.

In anderen Ländern gibt es aus religiösen oder grundsätzlichen Erwägungen wahlweise so gut wie keinen Alkohol oder diesen nur in bestimmten Fachgeschäften und das auch noch zu Preisen zum Abgewöhnen. Im Ergebnis boomen mitunter Schwarzbrennereien mit gesundheitlichen Risiken bis zum russischen Sofortdahinscheiden. Bedeutet: Die grundsätzliche Alkoholdiskussion in Deutschland müsste man wohl eigentlich auf dieser Ebene führen. So lange das nicht geschieht, sind die Diskussionen auf den kleinen Bühnen kaum zielführend. In diesem Fall die an der Tanke. Schon diese Verniedlichung im Sprachgebrauch zeigt, welche Bedeutung die Tankstelle mittlerweile gewonnen hat.

Wir als Tankstelle sehen uns als teilweise letzter Nahversorger gerade im ländlichen Raum. Da gibt es auf weiter Fläche keine Supermärkte, die ich noch schnell erreichen kann, wenn mir etwas fehlt.

Jochen Wilhelm, Geschäftsführer Tankstellen-Interessenverband

Und dieser ländliche Raum – so geht die Argumentation weiter – wird einerseits auf unterschiedliche Weise vernachlässigt und ist andererseits auf den Individualverkehr angewiesen. Jochen Wilhelm sieht auch keinen Unterschied zum Alkohol im Supermarkt, da könne man schließlich auch hinfahren mit dem Auto.

Er ist auch durchaus glücklich darüber, dass es noch ein Ladenschlussgesetz gibt. Fast jedes Bundesland hat ein eigenes Ladenschlussgesetz, das auch gern mal Ladenöffnungsgesetz heißt, aber im Kern die Supermärkte einschränkt und die Tankstellen nicht. Dabei dürfen Tankstellen eigentlich nur Reisebedarf verkaufen. Was das ist, das steht auch im Gesetz. Auch im Thüringer Ladenöffnungsgesetz.

§ 3 Thüringer Ladenöffnungsgesetz (ThürLadÖffG) (3) Reisebedarf im Sinne dieses Gesetzes sind Zeitungen, Zeitschriften, Straßenkarten, Stadtpläne, Reiselektüre, Schreibmaterialien, Tabakwaren, Schnittblumen, Reisetoilettenartikel, Träger für Bild- und Tonaufnahmen, Bedarf für Reiseapotheken, Reiseandenken und Spielzeug geringeren Wertes, Lebens- und Genussmittel in kleineren Mengen sowie ausländische Geldsorten.

Bei den Genussmitteln ist der Alkohol mit dabei und was kleinere Mengen sind, das sieht der Quartalssäufer sicher anders als der Genussmensch, dementsprechend ist halt vorrätig, was in die Regale passt. Aber wieviel verdienen die Tankstellen eigentlich nun womit?

Natürlich können wir nicht in die Kalkulation der Tankstellen schauen und die Zahlen nicht unabhängig überprüfen. Wir müssen uns also auf die Angaben der Tankstellenbetreiber bzw. ihrer Verbände verlassen. Die Zahlen, die aktuell immer genannt werden, gehen aber immer in die gleiche Richtung. Das eigentliche Kerngeschäft, nämlich der Verkauf von Kraftstoffen, wird mehr und mehr zum Randgeschäft. Die drei Säulen Kraftstoff, Shop und Waschgeschäft sind dabei unterschiedlich kräftig ausgeprägt.

Die Hand an der Zapfsäule
Von einem Cent pro Liter kann keine Tankstelle überleben. Bildrechte: imago/CTK Photo

Ein Cent je Liter Sprit gibt es für die Betreiber der Tankstelle als Provision, so die Zählweise des Tankstellenverbandes, und zwar unabhängig von der Höhe des Spritpreises. Davon alleine kann kein Betreiber leben. 60 % des Umsatzes steuert das Shopgeschäft bei, daran wiederum haben die alkoholischen Getränke einen Anteil von 11 %, so der Tankstellenverband. Heißt: Der Alkoholanteil am Gesamtumsatz einer Tankstelle ist eher im kleineren einstelligen Prozentbereich.

Könnte man also nicht doch einfach darauf verzichten? Das Land Baden-Württemberg hat das mit Blick auf die jugendlichen Komasäufer schon einmal versucht, aber das Verkaufsverbot wieder aufgehoben. Irgendwie hatte sich herausgestellt, gesoffen wird trotzdem, die Bezugsquellen sind nur eben dann andere. Damit wären wir wieder beim grundsätzlichen Problem mit dem Alkohol.

Gestatten wir uns abschließend noch einen Blick in die Zukunft der Tankstelle, einst geboren aus einer Apotheke, wo der Autofahrer seinen Sprit ganz am Anfang erworben hat. Die Tankstelle der Zukunft könnte alles Mögliche sein. Eine große Steckdose mit viel Strom, ein Wasserstoffspender mit eigenem Windrad, ein Supermarkt, eine Autowerkstatt, eine E-Auto-Batterie-Austauschstation, eine Car-Sharing-Station, ein E-Roller-Verleih? Oder von allem ein bisschen?

Vielleicht ist bis dahin der Alkohol grundsätzlich verboten oder gar ein alternatives Antriebsmittel? Wir wissen es nicht und die Tankstelle als solche wird auch noch einige Überraschungen bereithalten müssen, wenn sie dauerhaft überleben will.

Die Tankstelle weicht aus auf andere Geschäftsfelder, die über ihre zentrale Lage – und das ist der entscheidende Punkt – abgebildet werden können. (…) Beispielweise hatte in Wien ein Arzt an einer Tankstelle praktiziert. Das sind Dinge, die die Tankstellen in einer energiepolitische Neuzeit führen.

Jochen Wilhelm, Geschäftsführer Tankstellen-Interessenverband

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 22. Mai 2019 | 16:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. Mai 2019, 15:00 Uhr

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4 Kommentare

23.05.2019 11:03 J. Jacob 4

Alkohol wird nie verboten, dann käme mancher Bürger ja ggf. an das Hinterfragen mancher Sachen und das kann nicht gewollt sein von der Politik.

23.05.2019 10:46 Ralf 3

Die Antwort ist ganz einfach: Die deutsche Alkohol- und Spirituosenlobby ist daran interessiert, daß ihre Produkte möglichst immer und überall verfügbar sind. Versuche dies zu begrenzen, sind regelmäßig gescheitert.