Eine Hand hält einen Tablettenblister über einen Mörser. Daneben eine Kiste voller zu testender Medikamente.
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Der Redakteur | 05.07.2019 Was passiert mit angebrochenen Medikamentenpackungen?

Was passiert mit angerissenen Medikamentenpackungen, wenn sie nicht mehr benötigt werden? Der Arzt nimmt keine angefangenen Packungen zurück, die Apotheke auch nicht. Das ist doch eine riesige Verschwendung!

von Thomas Becker

Eine Hand hält einen Tablettenblister über einen Mörser. Daneben eine Kiste voller zu testender Medikamente.
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Es ist ganz sicher nicht befriedigend heute und wir begeben uns auf rechtlich dünnes Eis. Die ganz klare Ansage ist zunächst, dass es gesetzlich einfach keinen Spielraum gibt für die Apotheken.  

Es ist eine einfache Gewährleistungsfrage momentan: Wenn die Arzneimittel abgegeben sind, ist der neue Besitzer selbst verantwortlich dafür. Niemand kann diese Verantwortung zurückübernehmen. Wenn wir sie zurückübernehmen würden, müssen wir ja sicherstellen, dass damit nichts passiert ist, dass sie nicht zu warm gelagert waren oder zu feucht - wie auch immer.

Göran Donner, Apotheker

Dazu gehört auch, dass die Medikamente in der Originalverpackung abgegeben und gelagert werden müssen. Der Apotheker kann auch nicht einfach die Großpackung unter seinen Kunden verteilen. Deshalb gibt es ja auch verschiedene Packungsgrößen und diese sind auch an die Therapien angepasst. Wer dauerhaft einen Blutdrucksenker nimmt, der bekommt eben eine 100er-Packung für ein Quartal von seinem Arzt verschrieben. Kleinere Packungen vielleicht im Abosystem stückweise zu liefern, hält Göran Donner von der Bundesapothekerkammer für keine umsetzbare Idee, weil der Aufwand für die einzelnen Apotheken nicht händelbar wäre und man dann sich ja einen neuen Geschäftszweig, quasi die Versandapotheke aufmachen müsste.

Wenn es eine hohe Therapietreue gäbe, die Leute also das nehmen würden, was sie sollen, dann hätten wir auch nicht ganz so viel Müll.

Göran Donner, Apotheker

Natürlich reduzieren wir den Müllberg dann auch nicht auf Null, mit jeder Medikamentenumstellung bleiben am Ende Restpackungen übrig, das wird sich nicht so einfach lösen lassen. Auch nicht mit dem gut gemeinten Ansatz "für den guten Zweck" oder "für Bedürftige", schließlich hat bei uns jeder das Recht auf Medikamente erster Wahl. Denn letztlich - begeben wir uns auf die andere Seite - möchte auch niemand lebenswichtige Medikamente schlucken, deren Wirkstoffgehalt vielleicht nicht mehr zu 100 Prozent so ist, wie er sein sollte.

Eine Tablettenpackung 7 min
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Göran Donner von der Bundesapothekerkammer erklärt, warum die Apotheke angebrochene Medikamentenpackungen nicht zurücknehmen kann.

MDR THÜRINGEN - Das Radio Fr 05.07.2019 16:40Uhr 07:18 min

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Gerade bei besonders teuren Medikamenten ist einerseits der Leidensdruck groß. Es tut weh, diese wegwerfen zu müssen, nur weil der Medikamentenplan umgestellt wurde. Aber genau diese Medikamente sind es auch, die - anders als eine Kopfschmerztablette - nun wirklich auf den Punkt wirken müssen. Nun könnten wir anfangen, die Medikamente einzuteilen in Gruppen, die vielleicht mehr oder weniger empfindlich sind, verbunden mit der Möglichkeit, diese dann auf einem "Zweitmarkt" zu vertreiben. Aber da sind wir wieder bei dem Punkt, dass die Apotheker - wie beim Gebrauchtwagen der Händler - sich die Rückläufer nicht nur anschauen, sondern auch unter die Haube schauen müssen. Motto: Sind sie wirklich noch gut, die Tabletten?

Da müsste man stichprobenartig den Gehalt bestimmen und die Reinheit bestimmen, das geht alles in der Apotheke nicht.

Göran Donner, Apotheker

Medikamentenreste gehören in den Hausmüll

Nun mag es Apotheker geben, die Patienten zu ihren Ärzten schicken und es mag Ärzte geben, die durchaus die eine oder andere Pillenpackung weiterreichen. Das geschieht in dem Vertrauen darauf, dass man sich schon lange kennt und möglicherweise kennen sich sogar die Patienten. Offiziell wird das niemand zugeben, so wie auch niemand zugeben würde, regelmäßig bei Rot über die Ampel zu fahren.

Also bleibt letztlich nur die Entsorgung, bei der viele von uns übers Ziel hinausschießen. Irgendwie machen die Chemiecocktails ja den Eindruck, dass sie Sondermüll sind und so bringen wir unsere abgelaufenen Medikamente brav in die Apotheke zur "fachgerechten Entsorgung". Wir sind das Zeug los und haben ein reines Gewissen. Das Dumme ist nur: Wir machen dem Apotheker damit keine Freude, sondern Arbeit und Kosten verursachen wir auch noch. Denn er macht nichts anderes als das, was wir auch selbst tun könnten. Er wirft es in die Tonne. Blöderweise muss er dafür auch noch extra zahlen, weil es nun gewerblicher Abfall ist. Wenn Sie dem Apotheker Ihres Vertrauens einen Gefallen tun wollen, dann übergeben Sie die Restmedikamente einfach selbst der Mülltonne. Und zwar Ihrer. Wenn es erlaubt ist.

Da müsste jeder in seine Abfallsatzung gucken. Es gibt nicht wenige Städte, die das genauso machen. Die sagen: Medikamente können in den Hausmüll und werden über den normalen Müll entsorgt. Also verbrannt.

Göran Donner, Apotheker

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 05. Juli 2019 | 16:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 05. Juli 2019, 14:23 Uhr

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5 Kommentare

06.07.2019 21:46 Apotheker 5

Es ist gesetzlich verboten Arzneimittel ohne Prüfung wieder in den Verkehr zu bringen. Diese Prüfung würde auch um ein Vielfaches die Vergütung einer erneuten Abgabe übersteigen. Außerdem macht das neu eingeführte Securpharm System eine Rücknahme nicht möglich.
Ein Hinweis zur Entsorgung noch: flüssige Arzneimittel auch in den Restmüll, nicht ins WC oder Waschbecken! Und Vorsicht bei Kindern im Haushalt: sicherstellen, dass sie nicht dran kommen.

06.07.2019 12:27 Tom 4

@ Alice, was ist denn so schwer daran? Sie unterstellen, hier würde etwas falsch dargestellt und erzählen eine ganz andere Geschichte, die am Thema des Artikels vorbei geht. Der Artikel dreht sich nicht um Ärzte, sondern begründet ziemlich einleuchtend, warum Apotheker nicht einfach so Medikamente, die andere Leute zurück gegeben haben, erneut auszugeben dürfen, mit dem Ziel, dass weniger weggeworfen wird. Ich würde solche Dinge übrigens auch nicht haben wollen.