Die gefrorenen Frontscheibe eines Pkws
Ohne Autoheizung bleibt der Innenraum eiskalt. Bildrechte: IMAGO

Der Redakteur | 21.01.2019 Wie lange "reicht" die Heizung im E-Auto

Wie ist das bei batteriebetriebenen E-Autos mit der Heizung? Gilt das Motto: „Fahren oder heizen?“ und was passiert, wenn wie zuletzt auf der A9 geschehen hunderte oder gar tausende solcher Autos die Nacht auf der Autobahn verbringen müssen und morgens unter Umständen nicht mehr weiterkommen?

von Thomas Becker

Die gefrorenen Frontscheibe eines Pkws
Ohne Autoheizung bleibt der Innenraum eiskalt. Bildrechte: IMAGO

Es ist nicht so, dass sich die Autohersteller keine Gedanken machen um das Thema Batterie und Kälte. Letztlich geht es darum, die Grenzen der Physik immer ein stückweit hinauszuschieben. Denn wir wissen aus eigener Erfahrung, wie der Anlasser klingt, wenn die Temperaturen unter null Grad rutschen. Und Schuld ist vor allen Dingen die Batterie, deren Kapazität mit fallenden Temperaturen abnimmt. Nun stellen wir uns einmal vor, der Tank würde sich quasi über Nacht um ein Drittel leeren, aber ein vergleichbarer Effekt tritt beim Akku ein. Die Kollegen vom Burda-Verlag haben für ihre Portal Efahrer.com einen Reichweitenrechner entwickelt, auf dem jeder die Reichweiten der einzelnen E-Autos durchspielen kann. Und das in Abhängigkeit von Temperatur und Fahrstil. Der Rechner basiert auf den Reichweitenangaben der Hersteller.

Beispiel 1:

Der E-Golf mit knapp 36KWh Energie an Bord. Mit einem Durchschnittsverbrauch laut Hersteller von 12,7 kWh pro 100 Kilometer kommen wir also keine 300 km weit. Aber auch im Winter? Der Reichweitenrechner liefert erstaunliche Unterschiede. Vorausschauende Fahrweise, 50 km/h und 20 Grad Lufttemperatur: 477 km Reichweite. Bei null Grad sind es nur noch 234 km. Und da fahren wir noch nicht sportliche 110 km/h! Da bleiben nämlich plötzlich keine 100 Kilometer übrig und wenn wir die Temperatur auf -20 Grad absenken.

Beispiel 2:

Beim Tesla S75D mit 75 kWh Energie an Bord das gleiche Bild. Der „Tank“ ist also doppelt so voll, entsprechend ist auch die Reichweite bei 20 Grad und 50 km/h stattlich. 779 km sollen bei vorausschauender Fahrweise möglich sein. Bei sinkenden Temperaturen geht’s aber auch hier abwärts. 431 km Reichweite bei null Grad, bei minus 20 Grad sind es nur 298 km und auch diese lassen sich mit sportlicher Fahrweise und Tempo 110 locker halbieren. Das bedeutet: Eilig haben sollte man es im Winter mit dem E-Auto nicht, wenn man ankommen möchte.

Lkw an Lkw stauen sich auf der A9 zwischen Bad Lobenstein und Schleiz.
Wie lange hält die Batterie, wenn man stundenlang im Stau steht und die Heizung läuft? Bildrechte: MDR/ Marian Riedel

Deshalb haben viele E-Autos verschiedene Fahrmodi, die auch dazu dienen können, auf Temperaturen im Frostbereich zu reagieren. Dazu gehört eine reduzierte Heizleistung. Statt zum Beispiel den ganzen Fahrgastraum maximal zu heizen, wird dort die Temperatur um drei bis vier Grad abgesenkt und es wird die energiesparendere Sitzheizung und die noch sparsamere Lenkradheizung eingesetzt. Angeblich ohne Komfortverlust.

Eine weitere Möglichkeit ist der Einbau einer Wärmepumpe, die bei einigen Fahrzeugen standardmäßig verbaut ist, bei anderen ist es eine Zusatzausstattung gegen Aufpreis. Kostenpunkt: Mehrere hundert Euro. Die Wärmepumpe ist sozusagen ein Kühlschrank, der „rückwärts läuft“ und u.a. die Wärme nutzt, die der Akku eben auch abgibt. Das ist zwar nicht vergleichbar mit der Abwärme eines Verbrennungsmotors, aber im Zusammenspiel mit der E-Heizung kann einiges von dem wieder ausgeglichen werden, was durch die niedrigen Temperaturen der Batterie an Energie „gestohlen“ wird.

Raue Landschaft mit Gletscherzunge in Norwegen.
Ausgerechnet im kühlen Norwegen sind besonders viele E-Autos unterwegs. Bildrechte: IMAGO

Witzigerweise ist ausgerechnet Norwegen ein Land, in dem sehr viele E-Autos unterwegs sind und es ist auch  nicht bekannt, dass die Norweger darin reihenweise erfrieren. Letztlich ist es wie bei einer Tankanzeige und der Anzeige der Reichweite im Benziner oder Diesel. Auch die zur Verfügung stehenden Kilowattstunden lassen sich prognostizieren.

Und wenn man weiß, dass die Heizung eine maximale Leistung von 5 kW hat und der Akku 35 kWh zur Verfügung stellt, kann man sich ganz leicht ausrechnen, dass nach 7 Stunden Volllast der Ofen aus ist, im Winter aus den schon dargelegten Gründen schon etwas früher. Zum Glück greifen eben hier intelligente Systeme ein. Ob diese aber auch verhindern, dass im Katastrophenfall bei minus 20 Grad und 20 Kilometern Stau alle batteriegetriebenen E-Autos liegen zu Hunderten liegen bleiben, darüber scheinen sich noch nicht allzu viele Leute Gedanken gemacht zu haben. Zwar müssen ADAC und TWH im Ernstfall die Suppe auslöffeln, aber sie werden erst geholt, wenn es brennt oder in diesem Falle gefriert. Stattdessen müssen sich die örtlich zuständigen Behörden Gedanken machen.

Die Aufgabe des THW ist es, die örtlich zuständigen Behörden wie Feuerwehr oder Polizei bei solchen zu unterstützen. Und das THW würde dann schauen, welche Einsatzmöglichkeiten es gibt.

Michael Kretz, stellv. Pressesprecher THW

Vergleichbar ist das Ganze übrigens mit den Solardächern. Als diese aufkamen, mussten sich die Feuerwehren auch Gedanken machen, wie mit diesen Gefahren umgegangen wird und konnte nicht einfach den Schlauch drauf halten. So wird es auch sein, wenn wir alle auf batteriegetriebene E-Autos umgestiegen sind. Aber vielleicht setzten sich ja auch Brennstoffzelle und Wasserstoff durch, dann haben wir das Problem gar nicht in dieser Form.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 21. Januar 2019 | 16:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 21. Januar 2019, 17:12 Uhr

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13 Kommentare

23.01.2019 10:34 Bernd 13

Die Technologie ist bei weitem noch nicht alltagstauglich!
Elektroautos haben Lithium-Ionen-Akkus. Unter null Grad bewegen sich die Ionen deutlich langsamer und damit auch die chemischen Reaktionen im Akku. Die Reichweite verringert sich durchschnittlich um bis zu 50 Prozent. Das Laden dauert bei Minusgraden dafür länger. Was für ein Ausgleich!? E-Autos die über eine Wärmepumpe verfügen können ihre Reichweite schon mal 30 Prozent erhöhen. Aber mit was wird die Wärmepumpe angetrieben???
Sowie die E-Technik wirklich ökologisch und ökonomisch brauchbar wird, auch für Weit- und Vielfahrer mit Komfortanspruch, werde ich nicht zögern.

23.01.2019 09:08 martin 12

@7 bingo: Ein Pferd ist aber eine absolut unökologische Alternative zum Auto: Was das Tier an klimaschädlichem Methan aus dem Hintern pupst - und das auch noch ohne Katalysator.

Und dann noch die Feinstaubbelastung durch den Abrieb der Hufen.

Daher finde ich: Nein, das geht gar nicht :-)