Der Redakteur | 22.11.2018 Warum wird der Bio-Müll in den Biogasanlagen "vernichtet"?

Veronika Kirsche aus Wormstedt will wissen: Warum wird der Bio-Müll in den Biogasanlagen "vernichtet" und nicht mehr an Schweine verfüttert? Folgen Sie uns auf einer Recherche über Schweineställe, Biogas, ein kritisches Bundesamt und unsere Fehlwürfe an der Biotonne.

von Thomas Becker

Mal unter uns Städtern... Sie würden doch auch duschen, wenn Sie mal in einem Schweinestall zu tun haben? Und jetzt kommt die Überraschung: Sie müssen sogar duschen! Allerdings vorher, also bevor Sie hineingehen. Schweine sind nämlich - wenn alles ordentlich abläuft bei der Haltung - recht saubere Tiere und auch sehr empfindlich. Das geht soweit, dass Katrin Rau, Schweineexpertin der Thüringer Landesanstalt für Landwirtschaft, selbst keine Schweine halten darf, damit sie mögliche Krankheitskeime nicht in die Ställe trägt. Frisch geduscht und umgezogen darf sie sich dann aber um das Wohl der Tiere kümmern und zum Beispiel untersuchen, was man noch tun kann, um das Dasein der Tiere zu verbessern. Ohne die Massentierhaltung zu glorifizieren, es geht dort strenger zu als man als Außenstehender vermutet. Und auch die leckeren Specki-Eimer, die früher vor unserer Haustür vor sich hin müffelten, sind heute undenkbar.

Das Verfüttern von Küchenabfällen ist regelrecht verboten. Da gibt es eine Schweinepestrichtlinie in der EU seit 2006 und die sagt eindeutig, dass diese biogenen Abfälle nicht mehr verfüttert werden dürfen.

Katrin Rau, Schweineexpertin der Thüringer Landesanstalt für Landwirtschaft

Schweinefutter mit Zertifikat

Mal abgesehen davon ist das, was wir in die Biotonne tun sollen, nun auch wirklich nicht geeignet, vom Schwein zum Schnitzel verarbeitet zu werden. Dazu gehören unter anderem neben Essenresten auch Laub, Zweige, Eierkartons (um Feuchtigkeit aufzunehmen), Rasenschnitt oder Schnittblumen. Das will auch kein Schwein (fr)essen. Wenn schon Abfall aus unserer Nahrungskette, dann bitte mit Schleifchen.

Es ist nicht so, dass sie gar keine Lebensmittelabfälle bekommen. Sie bekommen zum Beispiel Backwaren oder Molke aus der Lebensmittelindustrie. Aber diese Dinge sind extra zertifiziert, müssen extra genehmigt werden und werden untersucht, damit sie auch frei sind von bestimmten Erregern.

Katrin Rau, Schweineexpertin der Thüringer Landesanstalt für Landwirtschaft

Damit ist also klar, dass die Lkw, die unsere Biotonnen leeren, nicht zu den Schweinemastbetrieben fahren werden. Ihr Ziel sind entweder Biogasanlagen oder Kompostanlagen. Wobei die Biogasanlage eigentlich auch nur ein Umweg ist, denn am Ende landen die Reste dann auch auf dem Feld oder auf dem Kompost.

Amtlich schlechtes Gewissen machen

Mit unserer Biotonne heizen wir also im besten Falle erst unsere Wohnung und düngen anschließend unseren Garten, besser geht's kaum?! Doch, sagt das Umweltbundesamt und macht uns ausführlich ein schlechtes Gewissen. Dabei fängt alles ganz harmlos an:  Das pflanzliche oder tierische Ausgangsmaterial wird mit Hilfe von Bakterien unter Ausschluss von Sauerstoff abgebaut. Es entsteht Biogas - in Abhängigkeit vom eingesetzten Material hat dies einem Methangehalt von 50 bis 75 Prozent. Entweder wird es vor Ort in einem Blockheizkraftwerk zur Wärme- und Stromproduktion genutzt, oder es wird auf Erdgasqualität aufbereitet und in das Erdgasnetz eingespeist. Was kann daran falsch sein? Dass mitunter die Pflanzen (Energiepflanzen) extra angebaut werden zum Beispiel. Oder dass in Biogasanlagen klimaschädliche und auch sonst schädliche Gase entstehen.

In Biogasanlagen sind erhebliche Volumina allgemein wassergefährdender Stoffe in Form von Gülle, Substraten oder Gärresten vorhanden. Trotz dieses Risikopotenzials sind bisher keine ausreichenden und rechtsverbindlichen Anforderungen zum Schutz von Umwelt und Nachbarschaft für die Errichtung und den sicheren Betrieb von Biogasanlagen festgelegt.

Umweltbundesamt, Veröffentlichung zum Thema "Biogasanlagen" vom 12.09.2018

Zumal, so das Umweltbundesamt weiter, auch das Methan in nicht unerheblichem Maße das Weite sucht. Im Schnitt entweichen etwa fünf Prozent des in Biogasanlagen produzierten Methans unkontrolliert in die Atmosphäre. Das klingt nach nicht besonders viel, Methan ist aber viel schlimmer als unser "beliebter" Klimakiller CO2.

Methan ist 25 mal stärker als CO2. Wenn man also nur wenige Prozent seiner Biogase verliert durch undichte Stellen, kann das schnell den Klimavorteil ausgleichen, den man dadurch gewinnt, dass man biogenes Material verarbeitet.

Tim Herrmann, Bioabfall-Experte Umweltbundesamt

Hinzu kommt, dass die Anlagensicherheit nicht überall auf dem Stand ist, wie es zum Beispiel heute bei Industrieanlagen der Fall ist, so Tim Hermann - besonders bei Anlagen, die vorwiegend Energiepflanzen vergären. Und es wird da ja mit ziemlich explosiven Stoffen gearbeitet. Und noch etwas dürfen wir nicht vergessen: Wir selbst sind für die Qualität des Endprodukts verantwortlich, für das Substrat also, das wir auf unsere Beete schütten oder für den Gärrest auf unseren Feldern. Auch wenn wir Sicherheiten eingebaut haben.

Die Bioabfallverordnung schreibt vor, dass bestimmte Hygienisierungen stattfinden müssen. Wenn man kompostiert müssen bestimmte Temperaturen erreicht werden. Mindestens 55 Grad über einen langen Zeitraum, sodass Krankheitserreger abgetötet werden. Was überlebt, sind die speziellen Bakterien, die kompostieren oder Biogas produzieren. Aber Krankheitserreger und Unkrautsamen zum Beispiel sollen abgetötet werden.

Tim Herrmann, Bioabfall-Experte Umweltbundesamt

Das gilt auch für Schimmelsporen, nicht aber für unsere "Fehlwürfe". Also Plastesäcke zum Beispiel, die gleich mit dem Strauchschnitt versenkt werden, sind genauso dämlich wie das Gurkenglas oder die Taschenlampe. Während das eine "nur" für Schnittwunden bei der Gartenarbeit sorgen kann, liefert die andere gleich noch einen ganzen Giftcocktail.

Wenn eine Batterie im Kompost landet, hat man ganz schnell höhere Schwermetallgehalte im Kompost.

Tim Herrmann, Bioabfall-Experte Umweltbundesamt

Und darin züchten wir dann unser "Biogemüse" im Garten! Na lecker! Immerhin schützen wir uns mit Laboruntersuchungen und Zertifizierungen vor uns selbst und hoffen inständig darauf, dass wir dort sorgfältiger sind als bei der Mülltrennung. Irgendwie saudumm unterm Strich!

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 22. November 2018 | 16:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 22. November 2018, 15:45 Uhr

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