Der Redakteur | 21.11.2019 Wie werden Borkenkäfer bekämpft?

Veronika Kirsche aus Apolda fragt sich, wohin die Borkenkäfer krabbeln, wenn ihr Baum gefällt wird. Denn die fallen doch einfach aus der Rinde, oder? Thomas Becker hat recherchiert.

Fallen Borkenkäfer aus gefällten Bäumen und krabbeln zum nächsten Baum?

Borkenkäfer krabbeln zunächst vorzugsweise gar nicht von Baum zu Baum, sie fliegen. Und sie tun das in Schwärmen. Gekrabbelt wird nur, wenn es im Winter ans Eingraben im Boden geht. Was auch nicht alle tun. Ansonsten bohrt sich oft der Papa durch die Rinde einer Fichte, was die Mädels ziemlich betörend finden.

Zusätzlich angelockt von Pheromonen strömen sie herbei und man kann durchaus von Orgien sprechen, die sich da abspielen. Dann verschwinden die Weibchen unter der Rinde und fressen kleine Gänge in die Rinde, um dann dort ihre Eier abzulegen. Dann entwickeln sich Larven, später Käfer und die fressen sich durch die Rinde wieder hinaus. Dann geht’s im Massenflugbetrieb zum nächsten Baum und das Ganze beginnt von vorn.

Borkenkäfer normaler Teil des Waldes

Damit ist der Borkenkäfer ein ganz normaler Teil des Ökosystems Wald. Zum echten Schädling nach unserem Verständnis wird er immer dann, wenn die Populationen überhand nehmen. Das passiert, wenn es schön warm ist und trocken. Und wenn es lange schön warm ist und trocken, so wie in den vergangenen Sommern, dann schafft es innerhalb eines Jahres sogar noch die dritte Generation, groß zu werden, obwohl eine völlig ausreicht.

Dagegen ist kein Kraut gewachsen und auch kein Baum. Lieblingswirt unser Borkenkäfer ist wie gesagt die Fichte. Es gibt aber auch andere Spezialisten. Normalerweise gehen die Borkenkäfer nur an kranke Bäume. Mit ihrer Hilfe sterben diese zügig ab und bilden – wenn Sie dann umgefallen sind – die Grundlage für neues Leben. Das ist der normale Kreislauf der Natur. 

Er reinigt den Wald von diesen kranken Bäumen, die man noch gar nicht erkennen würde. Aber der Borkenkäfer merkt das. Da er sozusagen die Rindenbestandteile detektieren kann, merkt er, welcher Baum krank ist und welcher nicht.

Dr. Axel Schmidt Max Planck Institut für chemische Ökologie Jena

Bäumen fehlt Wasser zur Abwehr

Das ist auch nicht klug, an die gesunden Bäume zu gehen, denn diese wehren sich gegen die Eindringlinge, indem sie vermehrt Harz bilden und damit die Käfer abtöten. Nur dafür brauchen sie Wasser und das hat zuletzt gefehlt. Ein Teufelskreis in Zeiten des Klimawandels. Wir haben optimale Lebensbedingungen für die Käfer, ohnehin geschwächte Bäume, die sich dann auch noch gegen die  Invasion nicht wehren können.

Was den Borkenkäfer so gefährlich macht: Der Käfer bohrt seine Brutgänge in die Rinde, wo die Larven den Stoffwechsel des Baumes stören. Die Wurzeln werden nicht mehr mit Energie aus der Baumkrone verorgt.

Bis zu drei Borkenkäfer-Generationen können innerhalb eines Jahres entstehen. Die erste Generation bevorzugt Totholz, die weiteren Generationen befallen vitalere Bäume.

Monokulturen sind anfälliger für den Schädling, der sich auf eine Baumart spezialisiert hat. Die gefährlichsten Borkenkäfer sind der Buchdrucker und der Kupferstecher, die beide die Fichte befallen.

Lange Hitze- oder Trockenperioden führen zu einer massenhaften Vermehrung des Borkenkäfers, da die Bäume weniger Harz produzieren, das den Schädling abwehren würde.

Was also tun? Die chemische Keule herausholen?

Nein. Obwohl es würde es durchaus Angriffspunkte gibt beim Käfer. Eines wird auch schon getan, nämlich mittels Pheromonfallen werden die Käfer sozusagen um ihren Spaß betrogen, es riecht nur verführerisch. Das Problem: Es wird nur ein kleiner Teil der Population erwischt, aber zum Erfassen der Käferdichte sind die Fallen sehr gut geeignet. Denn es ist ja nicht so, dass der Borkenkäfer in Hubschraubergröße und zählbar durch den Wald brummt. Viele Arten sind nicht größer als ein bis zwei Millimeter.

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Dr. Horst Spoßmann vom landesbetrieb Thüringenforst erklärt, wie sich der Schädling im Wald ausbreitet und warum man den Käfer nicht zu jeder Zeit bekämpfen kann.

MDR THÜRINGEN - Das Radio Do 21.11.2019 16:50Uhr 09:42 min

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Unser "Freund" und Kupferstecher – so heißt er – bringt es auf rund fünf Millimeter. Aber wie so oft macht es die Masse. Und wenn sich zigtausende Tiere unter den Baumrinden entlangpflügen, ist der Baum nicht mehr zu retten. Dann hilft nur die radikale Tour: ab und raus aus dem Wald. Und zwar genau dann, wenn die Borkenkäfer unter der Rinde verschwunden sind und die nächste Generation noch nicht flugfähig ist. Und die Käfer und die Kinderlein sind dann tatsächlich unter der Rinde gefangen,  bis sie sich wieder durchgebohrt haben. Und deshalb muss es ja schnell gehen mit dem Waldaufräumen.

Außerhalb des Waldes im Abstand von 500 oder 800 Metern ist der Borkenkäfer unschädlich gemacht. Denn auch wenn er dort ausfliegt, kann er den Wald über die große Distanz nicht mehr erreichen.

Dr. Horst Spoßmann Thüringen-Forst

Borkenkäfer braucht frisches Nadelholz

Denn der Borkenkäfer braucht möglichst frisches Nadelholz. Als Nahrung und Lebensraum. Also im getrockneten Ofenholz zu Hause ist kein Käfer mehr und in Laubbäumen war noch nie einer. Er braucht "seine" Bäume, die bestimmte Stoffe haben, die lecker sind – für ihn und die Bakterien in seinem Darm. Die wiederum sorgen für die Pheromone, die er braucht, um Fortpflanzungspartner anzulocken.

Das ist auch ein Forschungsansatz, sozusagen an den Käfer und/oder an das Bakterium zu gehen. Doch das wäre letztlich diese chemische Keule, die unser Wald aber nun so gar nicht gebrauchen kann. Denn damit macht man am Ende noch mehr kaputt, als es der Borkenkäfer tut. Nicht nur deshalb findet Dr. Axel Schmidt den Baum-Ansatz spannender und auch ökologisch sinnvoller, zumal der uns auch beim Umbau des Waldes helfen kann. Axel Schmidt leitet eine Arbeitsgruppe, die zu Borkenkäfern forscht.

Wir brauchen Bäume, die resistenter sind als andere. Die mehr von einem bestimmten Harzfluss haben, von irgendwelchen Bestandteilen, die den Baum unattraktiv werden lassen für den Borkenkäfer und die Bakterien, die in ihm sind.

Dr. Axel Schmidt Max Planck Institut für chemische Ökologie Jena

Warum trifft es nicht jeden Nadelbaum?

Denn es gibt immer wieder das Phänomen, dass inmitten eines schlimm befallenen Waldabschnitts einzelne Bäume pumperlgesund dastehen. Die Frage ist nur, warum? Was haben die, was andere nicht haben? Diesen Fragen gehen Dr. Schmidt und sein Team nach. Dafür sind aufwändige Untersuchungen notwendig und man braucht Vergleichsmaterial. Also geht man beispielsweise in den Wald und nimmt Proben von 100 Bäumen, markiert diese eindeutig und analysiert die Proben bis hin zu genetischen Merkmalen. Und in den Folgejahren macht man genau das gleiche.

Mitunter sehen die Probanden dann schon nicht mehr so gut aus und sind bewohnt oder gar schon in der Horizontalen gelandet, während der Nachbar von den Borkenkäfern verschmäht wird. So kommt man dahinter, welche genetischen oder sonstigen Eigenschaften die Setzlinge haben müssen, die bei Aufforstungen bzw. beim Waldumbau eingepflanzt werden sollten. Und praktisch kann das dann tatsächlich so aussehen, dass der Weg in den Wald durch ein Testlabor geht.   

Man schaut also zum Beispiel nach dem bestimmten Resistenz-Gen und kann der Baumschule im Vorfeld schon sagen, nehmt nicht von dieser Tüte, sondern von dieser! Mit der Wahrscheinlichkeit, dass die Bäume 40 Jahre später resistenter sind als die anderen.

Dr. Axel Schmidt Max Planck Institut für chemische Ökologie Jena

Borkenkäfer - Menschgemachtes Problem?

Der Waldumbau ist ohnehin ein Langstreckenlauf und die Probleme mit den Borkenkäfern haben wir uns mit unseren Monokulturwäldern erst geschaffen. Wir müssen deshalb wieder hinkommen zum Mischwald und der Natur die Chance geben, sich wieder selbst zu regulieren. Ein reiner Fichtenwald zum Beispiel wirkt wie ein Turbo, wie eine Futterweide. Reichlich ungenießbares Grün zwischendurch – Stichwort Laubbäume – wäre also gut. Und dass der Borkenkäfer auch gesunde Bäume anfällt, das passiert – wenn man so will – auch nur aus der Not heraus, weil die kranken Bäume einfach schon besetzt sind.

Ein Borkenkäfer kriecht über eine befallene Fichte 16 min
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Dr. Axel Schmidt vom Max Planck Institut für chemische Ökologie in Jena erklärt, warum Borkenkäfer vor allem Fichten gern befallen. Außerdem erklärt er, ob Fallen gegen den Schädling nutzen.

MDR THÜRINGEN - Das Radio Do 21.11.2019 16:50Uhr 16:12 min

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Ein gesunder Baum ist nämlich weder lecker noch der optimale Brutkasten für die nächste Borkenkäfergeneration, aber er ist immer noch besser als gar nichts. Und wenn diese gesunden Bäume auch noch am Waldesrand stehen und befallen werden, wird alles noch schlimmer, weil mit ihnen ja der Schutz verloren geht, wenn der Sturm kommt. Und dann liegt es wieder, das frische Holz, wehrlos aber lecker, aus Sicht der Borkenkäfer. Und unsere Forstarbeiter kommen mit dem Herausholen der befallenen Bäume nicht hinterher und das ist im Moment die einzige wirklich wirksame Möglichkeit, unseren Wald zu schützen.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 21. November 2019 | 16:50 Uhr

4 Kommentare

Ekkehard Kohfeld vor 43 Wochen

Sie sind ein Grüner,ich habe Verwandtschaft und Freund die selber Wald haben und ich wohne selber
im Wald an einer Trinkwassertalsperre da haben die Bäume keinen Wassermangel.
Zudem spreche ich fast täglich mit den Holzfällern die hier seid Monaten die zerfressenen Bäume fällen,versuchen sie mir nicht ein x für ein u vor zu machen sie haben hier keinen blöden Lemming vor sich.
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W.Merseburger vor 43 Wochen

Peter W,
leider haben sie in ihren Argumenten zu viele Konjunktive im Gepäck. Ich könnte es mir vorstellen, einmal die chemische Bekämpfung und zwar verantwortungsvoll für ein begrenztes befallenes Gebiet durchzuführen. Dann bekäme man belastbare Ergebnisse, auf deren Basis eine sachliche Diskussion möglich wäre. Weiterhin meine ich, dass die ausgesprochene extreme Trockenheit nur kleinere Flächen der neuen Bundesländern betroffen hat.

Peter W. vor 43 Wochen

Ich bin Waldbesitzer und kann sagen: Sie haben keine Ahnung vom Thema. Die Borkenkäferplage hat einzig und allein mit dem langfristigen Wassermangel der letzen Jahre zu tun. Hätte man großflächig eingegiftet wären die gleichen Bäume einfach stattdessen vertrocknet - und man hätte zusätzlich noch dem Wald mit dem Gift geschadet.