Der Redakteur | 14.11.2019 Was tun, wenn Autofahrer ein Tier verletzen?

Tobias Hein aus Vacha hat im morgendlichen Berufsverkehr versehentlich eine Katze angefahren. Sie war plötzlich vor seinem Wagen auf die Straße gerannt. Was tun? Und ist in so einem Fall eine Gefahrenbremsung angemessen?

von Thomas Becker

Ein Kätzchen auf der Straße.
Ein Kätzchen springt plötzlich auf die Straße - was nun? Die Reaktion des Autofahrers muss angemessen sein. Tierrechtler plädieren dafür, im Zweifelsfall das Tier zu schonen und lieber einen Blechschaden zu riskieren. Bildrechte: Colourbox.de

Hund, Katze Maus: Wer hat Anspruch auf eine Vollbremsung? Zunächst gilt - wie für alle Fragen, die einen juristischen Anteil haben - es sind immer Einzelfälle. Klar, mitunter sind Gesetze eindeutig, aber es gibt immer noch mindestens ein zweites, das da mit hineinfunkt. Deswegen muss man immer abwägen. Zunächst auf der Straße.

Der Einzelfall muss entschieden werden. Und da muss in Sekundenbruchteilen entschieden werden, kann ich ausweichen? Man kann das leider nicht pauschal sagen.

Rechtsanwalt Andreas Ackenheil, Tierrechtsexperte des Deutschen Anwaltvereins

Auch der Richter wird dann den konkreten Einzelfall beurteilen, wenn man sich nach einem Unfall vor Gericht wiedersieht. So wird man sich nicht darauf berufen können, an der Schneise der Verwüstung in der Fußgängerzone ist die Katze schuld, der man ausweichen musste. Denn in der Abwägung sind Leben und Gesundheit von Menschen höher zu bewerten als die Unversehrtheit einer Katze. So wurde vor Gericht schon die Stoßstange als eine Art Maßstab genommen, sprich: Alles was über die Stoßstange hinausragt, rechtfertigt eine Gefahrenbremsung oder ein Ausweichmanöver. Aber Vorsicht!

Das kann nur eine allgemeine Regel sein. Es gibt aber auch kleine Hunde und da muss sicher ein anderer Maßstab anzusetzen sein, als bei einer Maus, die über die Straße rennt. Es muss auch hier der Einzelfall entscheiden werden, aber diese Grundregel 'Stoßstange' gab es schon in Urteilen.

Rechtsanwalt Andreas Ackenheil, Tierrechtsexperte des Deutschen Anwaltvereins

Mit dem Bremsen ist man auf der relativ sicheren Seite, weil natürlich der Hintermann einen ausreichenden Sicherheitsabstand einzuhalten hat. Was nicht bedeutet, dass wegen einer Maus auf einer Landstraße bei Tempo 100 und dichtem Verkehr eine Vollbremsung hingelegt werden darf. Hier ist die Gefahr eines schweren Unfalls viel zu groß, mal abgesehen davon, dass die Beweisführung schwer werden dürfte.

Die Reaktion muss angemessen sein, mal kurz den Fuß vom Gas, ein leichtes Bremsen oder Lenken sind im Rahmen und durchaus auch geboten. Aus dem Stoßstangen-Urteil kann man nämlich auch nicht das Recht abzuleiten, in jedem Falle einfach draufzuhalten, so Rechtsanwalt Ackenheil. Das ist nämlich auch rechtlich relevant. Dafür muss man im Tierschutzgesetz gar nicht lange suchen:

Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen.

§1 Tierschutzgesetz

Das bedeutet natürlich auch, dass sich ein verletztes Tier nicht quälen darf. Zwar gilt der strafrechtliche Vorwurf der "unterlassenen Hilfeleistung" hier nicht, aber zumutbare Maßnahmen muss auch jeder ergreifen. Diese dürfen aber nicht so weit gehen, das Tier selbst zu töten, um es "zu erlösen", sagt Rechtsanwalt Ackenheil. Denn das kann nur ein Tierarzt sicher einschätzen.

Der Tierarzt Gabor Horvath und die Studentin der Tiermedizin, Malin Schmidt, behandeln  bei einer Schicht der Tierrettung München e.V. eine Katze im Tier-Rettungswagen.
Wie einem verletzten Haustier am besten geholfen wird, muss ein Tierarzt entscheiden. Bildrechte: dpa

Seine Empfehlung: Im Zweifel die Polizei rufen, die kümmert sich. Das gilt auch für den Fall, dass ein Wildtier zu Schaden gekommen ist. Erstens hat keiner die Nummer des zuständigen Jagdpächters bei der Hand und zweitens kommen hier noch weitere Faktoren hinzu. So muss sich niemand in Gefahr bringen und ein verletztes Wildschwein beispielsweise ist eine solche Gefahr. Auch kann es bei dem Gespräch mit der Polizei sehr gut um die Frage gehen, unter welchen Bedingungen man den Unfallort gegebenenfalls wieder verlassen darf.

Was ist mit der Haftung?

Egal ob Katze, Hund oder gar das Pferd: Haftbar gemacht werden kann der Halter des Tieres. Während bei Katzen üblicherweise die Privathaftpflicht greift (so man eine hat), muss für Hunde oder Pferde eine extra Tierhalterhaftpflichtversicherung abgeschlossen werden, um nicht plötzlich mitunter ruinösen Forderungen gegenüberzustehen. Da nützt es mitunter auch nichts, wenn irgendwelchen auffahrenden Verkehrsteilnehmern eine Teilschuld gegeben wird und man selbst 'dank' des Hundes oder der Katze auf einem großen Teil des Gesamtschadens sitzen bleibt. Und noch ein Thema ist spätestens im Sommer wieder relevant. Der Hund, der mit hängender Zunge im überhitzten Auto winselt.

Da gibt es Leute, die sagen: "Da schmeiß ich sofort die Scheibe ein! Ja, ich begehe eine Sachbeschädigung, aber das ist es mir wert, im Sinne der Verhältnismäßigkeit." Der Richter kann aber an dieser Stelle sagen: Es hat noch keine akute Lebensgefahr bestanden. Das Fahrzeug stand auf dem Supermarktparkplatz. Sie hätten zur Information laufen können und in zwei Minuten wäre der Halter da gewesen.

Rechtsanwalt Andreas Ackenheil, Tierrechtsexperte des Deutschen Anwaltvereins

Da sind wir wieder beim dem Punkt der Abwägung, die vor Gericht immer vorgenommen wird und ein Stückweit kann man diese eben auch schon selbst vornehmen. Ein kurzes Durchatmen und dann ohne Panik etwas Kluges tun. Und wenn es zunächst das Wählen der Nummer 112 ist.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 15. November 2019 | 16:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 19. November 2019, 10:25 Uhr

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