Mäusebussard, sitzend auf einem Zaunpfahl an einer Straße, Auto im Hintergrund.
Mäusebussard auf einem Zaunpfahl an der Straße. Bildrechte: imago/blickwinkel

Der Redakteur | 01.02.2019 Bussarde: Warum sitzen sie so traurig an der Straße?

Warum sitzen die Bussarde besonders im Winter auf hohen Stangen? Und warum stehen diese Stangen oft so dicht an gefährlichen Straßen? Das wollte Ramona Enders aus dem Thüringer Wald wissen. Thomas Becker recherchiert.

von Thomas Becker

Mäusebussard, sitzend auf einem Zaunpfahl an einer Straße, Auto im Hintergrund.
Mäusebussard auf einem Zaunpfahl an der Straße. Bildrechte: imago/blickwinkel

Da sitzt er also, der Mäusebussard. Ein bisschen wie bestellt und nicht abgeholt. Das Umland karg, der Wind fegt eisig über das abgeerntete Feld und unweit rauschen die Autos vorbei. Schön ist anders. Trotzdem ist alles in Ordnung für ihn, wenn man jetzt die ökologische Gesamtsituation einmal ausblendet. Dazu später mehr. Der Bussard ist nämlich kein Greifvogel, der gern durch "Rütteln" zu seiner Beute kommt. Rütteln? Das ist der Fachbegriff für die schnellen und kurzen Flügelschläge, mit deren Hilfe ein Greifvogel in der Luft "stehenbleibt". Das klingt klug, ist aber gerade im Winter nicht die beste Jagdmethode. 

Der Mäusebussard ist der typische Ansitzjäger. Also der wartet, bis etwas vorbei kommt. Das bewährt sich gerade im Winter, da kann er seine Energie aufsparen.

Falknerin Lisa Schubach, Falknerei am Rennsteig

Deshalb die Ansitzstange, als Ersatz für fehlende Äste. Gekreist oder länger geflogen wird eher in der Balzzeit, um die Mädels zu beeindrucken oder um das Revier beziehungsweise die Brut zu verteidigen. Ansonsten nimmt er halt den kurzen Weg zum Kühlschrank. Unsere Straßenränder werden zudem regelmäßig gemäht, das heißt, die Maus ist dort besser zu erkennen als im hohen Gras und auch besser zu greifen. Und die Landwirtschaft setzt auch vermehrt auf Greifvögel, wenn es darum geht, auf den nahen Feldern Mäusepopulationen zu reduzieren. Deswegen werden die Ansitzstangen gezielt aufgestellt.

Die Alternative wäre der Einsatz von Chemie. Alles schön also? Nein, denn bevor wir uns stolz auf die Schulter klopfen, müssen wir leider zur Kenntnis nehmen, dass wir die Mäuse erst dorthin gelockt, wenn nicht gar gezwungen haben. Wir ernten nämlich so gründlich, dass fast nichts mehr bleibt. Und unsere Felder in ihren oft riesigen Ausmaßen fallen als Lebensraum für viele Pflanzen und Tierarten ohnehin aus. Die Flucht ins Paradies Straßenrand ist da oft der einzige Ausweg - und das führt auch gleich wieder zu neuen Problemen, zu einem Ballungsraum für Tiere, die teilweise sogar schon zu "Schädlingen" für die Straßen werden. 

Eine der problematischsten Arten ist die Schermaus, eine sehr große Wühlmausart, die unterirdische Gänge gräbt, die dann zum Beispiel die Festigkeit von Autotrassen oder Böschungen beeinträchtigen. Um die Population in überschaubaren Größen zu halten, wird versucht, durch Ansitzstangen die Vögel dorthin zu lenken.

Matthias Krüger, Institut für Zoologie und Evolutionsforschung Uni Jena

Aber das ist die Geschichte mit dem zu kurzen Tischtuch. Wir ziehen an der einen Ecke und verlagern so nur das Problem. Unsere Einteilung in Schad- und Nutztiere - alternativ in Unkraut und Nutzpflanzen - hat zudem einen Hang zur Überheblichkeit und bringt das Ökosystem aus dem Gleichgewicht. Mit ernsten Folgen für seltene Arten. Denn die Flugkurven der Greifvögel schneiden sich allzu oft mit den Routen der Fahrzeuge. Während es beim Bussard - vom Einzelschicksal abgesehen - in der Gesamtheit noch nicht bedenklich wird, sind andere Arten regelrecht gefährdet.

Wir haben leider auch eine erhöhte Zahl an Uhus, die auf den Straßen Aas fressen und nicht so schnell auffliegen können und selbst Opfer werden.

Matthias Krüger, Institut für Zoologie und Evolutionsforschung Uni Jena

Auch für den Rotmilan oder die Schleiereule könnte es kritisch werden. In Deutschland brütet die Hälfte der Weltpopulation des Rotmilans und wir zwingen die Tiere quasi in gefährliche Jagdgebiete auszuweichen. Und das sind Straßenränder in jedem Fall. Gerade im Winter, wo das Nahrungsangebot naturgemäß begrenzt ist, kommen noch weitere Gäste zu uns, die auch noch etwas abhaben wollen. Bussarde zum Beispiel sind Zugvögel, die teilweise aus Finnland oder Russland zu uns kommen und den Winter hier verbringen, während unsere einheimischen Bussarde so lange nach Süden ausweichen.

Diese Gastvögel sind - überspitzt gesprochen - an die enge deutsche Küche von wenigen Metern Breite, mit dichtem Verkehr und Tempo 100 direkt an der Tischkante, nicht gewöhnt. Das wird nicht nur lebensgefährlich für die Vögel. Der Zusammenstoß mit einem Greifvogel, der zum Beispiel direkt in die Frontscheibe fliegt, ist nicht ohne. Die Scheibe hält dem Aufprall nämlich meistens nicht stand. Dabei ist es in vielen Fällen nicht einmal ein Flugfehler, der dem Vogel zum Verhängnis wird.

Die werden durch den Sog der Lkw angesaugt und vor das Fahrzeug geschlagen, wenn sie Fallwild aufnehmen. Also zum Beispiel überfahrene Hasen.

Olaf Erich, Jagdschule Thüringen

Solche Unfälle werden wir wohl auch mit einer veränderten Landwirtschaftspolitik nicht verhindern, die natürlich ein verändertes Kaufverhalten voraussetzt. Denn die Tiere sind schlau genug und wissen es zu schätzen, dass an der Straße der Hase schon erlegt ist. Deswegen werden sie dort weiterhin auftauchen. Grundsätzlich wäre aber trotzdem eine andere Landschaftsgestaltung für alle Beteiligten die beste Lösung. Mittlerweile hat das Umdenken begonnen, sichtbar auch durch eine sich verändernde Förderpolitik der EU. Kleinteiligere Landwirtschaft ist ein erster Ansatz, die eben noch genügend Lebensraum für Pflanzen und Tiere bietet. Aber der Weg ist lang und umstritten.

Zum Beispiel freuen wir uns über Biogasanlagen, aber wenn für diese auf Riesenflächen schnellwachsende Pflanzen angebaut werden und schon "geerntet" wird, wenn zum Beispiel die Vögel noch brüten, geht das Ganze an dieser Stelle wieder nach hinten los. Deshalb sollten wir den Greifvogel auf seiner Ansitzstange auch als Mahnmal sehen, mit Blick auf unsere Rolle in der Natur. Als intelligentestes aller Lebewesen zerstören wir nach wie vor unseren eigenen Lebensraum.  Auf diese Idee käme selbst der dümmste Vogel nicht.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 01. Februar 2019 | 15:50 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 01. Februar 2019, 18:11 Uhr

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2 Kommentare

02.02.2019 19:13 Theodor Dienert 2

Danke für den sehr guten Beitrag, Herr Thomas Becker!
Durch die verbrecherische intensive Landwirtschaft werden die Greifvögel an die Straßenränder und in die Straßengräben getrieben, weil auf den Feldern kein Leben mehr existiert und werden deshalb dort häufig selbst zu Opfern.
Und das noch subventioniert mit unseren Steuergeldern!
Jetzt frage ich mich: Wo sind denn da unsere Grünen/innen/diverse ???
Hat sich in der Landwirtschaft etwas verändert, seit die sogenannten Öko‘s mitregieren in Thüringen?
Ich sehe immer mehr riesige Flächen totgespritztes Grünland sowie Mais- und Rapsflächen die lediglich zur Energiegewinnung angebaut werden und höre das Gejammer auf allerhöchstem Niveau dieser Industrielandwirte, denn Bauern kann man nicht mehr sagen. Bauern hatten noch ein Gewissen der Schöpfung gegenüber:

02.02.2019 16:45 Sachse43 1

Danke MDR für diesen guten Bericht.

[Lieber Sachse43, danke für das Lob. Wir wünschen Ihnen noch einen schönen Sonntag. Liebe Grüße, Ihre MDR.de-Redaktion]