Der Redakteur | 28.01.2019 Warum Sperrlinien an Autobahnauffahrten?

Vor kurzem wurde im Bereich der Anschlussstelle Sömmerda-Süd der A71 in Fahrtrichtung Schweinfurt die Trennung der rechten und linken Fahrspur mit einer durchgezogenen Sperrlinie versehen. Nun kann man auffahrenden Pkw nicht mehr Platz machen. Das gibt es auch an den Auffahrten Bindersleben. Warum wird das gemacht?

von Thomas Becker

Das Autobahnkreuz Magdeburg von oben.
Bildrechte: MDR/Hanns-Georg Unger

Es ist nur ein Strich in der Landschaft, der die Gemüter erhitzt. Auf verschiedenen Autobahnen bundesweit gibt es ihn schon länger, in Thüringen tritt er nun auch vermehrt auf. Das Ansinnen ist klar: Das unbedachte Spurwechseln an Autobahnauffahrten soll eingedämmt werden und das mit Blick auf die Verkehrssicherheit.

Dazu ist es hilfreich zu wissen, wie sich Gefährdungslage und Unfallzahlen vor und nach dem Linienziehen entwickelt haben. Für die Auffahrt Sömmerda-Süd ist es für "das Danach" noch zu früh. Diese Auffahrt hat gerade erst die Trennlinie bekommen zwischen rechter und linker Fahrspur der bekanntlich zweispurigen A71. Die Auffahrten Arnstadt-Süd (gen Norden) und Erfurt-Binderleben (gen Süden) genießen dieses "Privileg" schon länger, etwas Besonderes zu sein.

Drei sehr verschiedene Kandidaten

Auffallend ist, die drei Auffahrten könnten unterschiedlicher kaum sein. In Arnstadt Süd gelangt man nach einem Halbkreis links und einer leichten Rechtskurve relativ geradlinig auf die ebenso gerade Autobahn. Der Standstreifen ist schmaler als der Beschleunigungstreifen.

Die Sömmerdaer Auffahrt liegt mit ihrem Beschleunigungsstreifen hingegen in einer leichten Linkskurve. Die Zufahrt zur Autobahn ist leicht bogenförmig, sodass ein relativ zügiges Beschleunigen möglich ist. Der folgende Standstreifen ist genauso breit wie die Beschleunigungsspur.

Ganz anders in Bindersleben. Hier kommt der Auffahrende aus einer 180-Grad Spitzkehre relativ langsam auf die Autobahn, der Beschleunigungsstreifen mündet dann - wie in Arnstadt Süd - auf einen deutlich schmaleren Standstreifen. Im Ergebnis bleiben hier verunsicherte Autofahrer "gern" stehen, wenn sie keine Möglichkeit zum Einfädeln gefunden haben.

Verschiedene Experten-Meinungen

Davon raten einige Experten allerdings ab. Während Christian Cohn von der Thüringer Autobahnpolizei darauf hinweist, dass der Standstreifen keine Fahrspur ist und nur in wirklichen Ausnahmefällen für wenige Meter als Verlängerung des Beschleunigungsstreifens benutzt werden sollte, plädieren die Unfallforscher deutlicher für "die Flucht nach vorn".

Die bessere Variante ist es, nicht stehen zu bleiben, sondern auf der Standspur ein Stück weiter zu fahren, bis man sicher reinkommt. (…) Denn wenn man einmal steht, wird es nur noch schlimmer.

Siegfried Brockmann, Leiter Unfallforschung der Versicherer (UDV)

Bei durchgezogener Linie zwischen den Fahrspuren wird es für "von null" startende Auffahrwillige nämlich besonders gefährlich, weil sich die Fahrzeuge auf der rechten Spur zwar sehr schnell nähern, aber nicht ausweichen dürfen. Sie machen es - das kann man beobachten - übrigens trotzdem und überfahren die Linie kurzerhand. Weil das die bessere Alternative zur Vollbremsung ist.

Der heranrauschende Verkehrsteilnehmer wird übrigens nur mit einem dezenten Ausrufezeichen im roten Dreieck nebst Hinweis auf einen Unfallschwerpunkt gewarnt. Eine Geschwindigkeitsbegrenzung gibt es nicht. Wie allerdings Unfallschwerpunkte auf einer neu geplanten Autobahn entstehen können und zwar im ländlichen Umfeld mit reichlich Platz, das bleibt wohl das Geheimnis der Planer. Arnstadt-Süd hat als erste Auffahrt die durchgezogene Linie bekommen. Das war 2010. Bis dahin hatte sich die Anschlussstelle zum Unfallschwerpunkt entwickelt. 

Nachdem an der AS  Arnstadt-Süd, Richtungsfahrbahn Erfurt, 2006 von der Polizei acht Verkehrsunfälle gemeldet worden waren, ergab die Auswertung keine eindeutige Unfallursache. Vorsorglich wurde bestimmt, dass auf den auffälligen Bereich im Unfallgeschehen mit Zeichen 101 StVO (Gefahrstelle) und dem Zusatzzeichen ‚Unfallgefahr‘ hingewiesen wird. Nachdem jedoch 2009 weitere 13 VU erfasst und analysiert wurden, ergaben sich, wie oben genannt, die gleichen Unfallursachen. Da die 2006 umgesetzte Maßnahmen das Unfallgeschehen nicht im vollen Umfang zurückdrängen konnten, wurde 2010 die Änderung der Markierung angeordnet und ausgeführt.

Schriftliche Stellungnahme des Thüringer Landesamts für Bau und Verkehr, Referat 33

Mit Erfolg, bestätigt die Autobahnpolizei, die Stelle ist kein Unfallschwerpunkt mehr. Die zweite  Auffahrt mit Extra-Sperrlinie wurde 2012 die Auffahrt  Erfurt-Binderleben in Richtung Süden. Auch hier ergaben die Auswertungen des Unfallgeschehens eine Häufigkeit. Das rote Dreieck war offenbar nicht Warnung genug und deshalb gehen rechte und linke Fahrspur nun getrennte Wege. Der Erfolg ist allerdings eher mäßig, das zeigen jedenfalls die aktuellen Zahlen der Thüringer Autobahnpolizei.

An der Anschlussstelle Bindersleben haben wir in den letzten Jahren Unfälle gehabt, sowohl davor, als auch in der Anschlussstelle, die also beim Auffahren passiert sind und auch danach. Da muss man jetzt hinsetzen und jeden einzelnen Unfall analysieren, damit man dort die richtigen Schlüsse zieht.

Christian Cohn, Sprecher Autobahnpolizei Thüringen

Und das passiert in den nächsten Monaten und zwar in Teamarbeit. In Thüringen wird das Unfallgeschehen auf Autobahnen, Bundesstraßen und Landesstraßen durch die jeweils zuständigen örtlichen Unfallkommissionen untersucht, so die Mitteilung aus dem Landesamt für Bau und Verkehr. Im Falle der A71 sind Autobahnpolizei,  Straßenbaulastträger Autobahn und Straßenverkehrsbehörde Autobahn beteiligt. Das bedeutet auch: Gründlichkeit geht hier vor Schnelligkeit. Unfallforscher Siegfried Brockmann plädiert übrigens dafür, auch an den betroffenen Stellen etwas das Tempo herauszunehmen.

Die ideale Möglichkeit aus meiner Sicht wäre, wenn ich da wirklich Problemzone habe: Bevor ich da eine Linie aufmale, sollte ich dort die Geschwindigkeit begrenzen und so für eine gewisse Entspannung sorgen.

Siegfried Brockmann, Leiter Unfallforschung der Versicherer (UDV)

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 28. Januar 2019 | 16:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 28. Januar 2019, 20:32 Uhr

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15 Kommentare

30.01.2019 08:50 Sven Brenner 15

Ich fahre fast täglich in Arnstadt Süd vorbei. Da das wechseln der Fahrspur verboten wird, wechseln viele Autofahre, ich auch also im Vorfeld auf die Linke Spur, um nicht von einem Auffahrenden behindert zu werden. Ärgerlich für diejenigen, die etwas zügiger fahren. 200 fahren hier im übrigen die wenigsten. Solche Auffahrten sind mal wieder ein Beispiel für klassische Fehlplanungen, zu Kurze Beschleunigungsstreifen. Dann wird mit Regulierungswahn versucht das auszubessern. 1er von 10 Auffahrenden nutzt den Standstreifen zum beschleunigen, die restlichen 9 fahren am Ende der Spur auf, koste es was es wolle. Leittragende sind oft LKW-Fahrer auf der Hauptfahrbahn, die müssen dann bremsen.

30.01.2019 07:10 rene bertram 14

@ Thüringer, sehn Sie, da haben wir das Dilemma.
Auch bei normaler Reisegeschwindigkeit, und normalen Verkehrsaufkommen muss man, wenn man nicht auf eine ander Spur ausweichen kann, mehr als notwendig die Geschwindigkeit verringern, sprich abbremsen, und das setzt sich bekannterweise nach hinten fort, immer weiter.
So können Gefahrensituationen geschaffen werden.
(Apropos Heimvorteil, ne ne, AB ist AB)

Wie Sie schon angesprochen, manche können es einfach nicht, richtig beschleunigen und sich in den fliessenden Verkehr einordnen. Sie sind damit einfach überfordert.
Analog der Beschleunigungsspur bei Auffahrten Ortsumgehungen u.ä. , bis zum Ende deren dahintuckeln und dann anhalten, und da sind die Geschwindigkeiten auf der Fahrstrecke weit aus niedriger (dadort auf 80 begrenzt)
Wenn man hinter so einem/-er ist, das ist schon gefährlich, da könnte man schon ins Lenkrad beissen.... schon vor der Notbremsung.