Der Redakteur | 03.05.2019 Wie lange braucht ein "Quietsche-Entchen" von der Werraquelle bis zum Bremer Weserstadion?

René Büchner wohnt in Eisfeld, in dessen Nähe die Werra entspringt. Er möchte wissen: Unsere Werra fließt doch am Bremer Weserstadion vorbei. Wenn man also ein Quietsche-Entchen in Eisfeld bzw. an der Quelle einsetzt, wie lange bräuchte das Entchen, bis es am Weserstadion ist?

von Thomas Becker

Hunderte bunte Badeenten auf Fluss in Erfurt
Nur ein paar Hundert Meter auf der Gera schwimmen alljährlich die Quietsche-Enten beim Erfurter Entenrennen. Bildrechte: MDR/Jana Hildebrandt

Man hätte es sich denken können: Der Weg in Richtung Meer ist lang von Thüringen aus und die Strecke für unser Entchen auch noch gefährlich. Deshalb ist es gar nicht so sicher, dass es auch wohlbehalten bzw. überhaupt in Bremen ankommt. Außerdem sind wir bei dem Thema direkt bei der Frage, was alles in unseren Flüssen schwimmt und dort eigentlich nichts zu suchen hat und warum man trotzdem nicht jedes Treibgut entfernen sollte.

Aber der Reihe nach. Zuständig (auch) für solche Fragen ist beim Thüringer Landesamt für Umwelt, Bergbau und Naturschutz Karsten Pehlke:

Werra und Weser zusammen haben rund 751 km Fließstrecke, und die Fließgeschwindigkeit ist im Mittel ein Meter pro Sekunde bei normaler Wasserführung. Da kommt man ungefähr auf neun Tage Dauer, bis es unten ist.

Karsten Pehlke Referatsleiter Wasserbau beim Thüringer Landesamt für Umwelt, Bergbau und Naturschutz

Die Fließgeschwindigkeit ist von verschiedenen Faktoren abhängig, die sich auch in Formeln gießen lassen. Die Herren Gauckler, Manning und Strickler haben sich darum verdient gemacht und lassen in die  Berechnung der Fließgeschwindigkeit in "offenen Gerinnen" den Rauheitsbeiwert, den hydraulischen Radius und das Gefälle einfließen. Letzteres ist naheliegend. Die Rauheit ist es eigentlich auch. Wenn nämlich Steine, Wurzeln usw. bremsend wirken, wird's nicht gerade schneller.

Der "hydraulische Radius" berücksichtigt sozusagen die Wassertiefe. Je tiefer der Fluss ist, umso "egaler" ist es dem Wasser mehrheitlich, ob da unten nun Steine liegen oder nicht.

So weit, so logisch und eigentlich wären wir damit am Ende mit der Ente. Doch alleine schon die Überlegung, eine Plasteente als Versuchskaninchen ins Wasser zu lassen, löst bei Karsten Pehlke keine positiven Gefühle aus. Denn Plaste und anderer (sorry, liebe Ente) Unrat sind Dinge, die leider viel zu oft in unseren Flüssen herumschwimmen. Vieles verfängt sich im Geäst an den Ufern, wird durch das nächste Hochwasser wieder freigespült, verfängt sich vielleicht wieder mal und kommt dann halb oder ganz zerfleddert und ausgeblichen in der Nordsee an und hat unterwegs einiges von der eigenen Materialfülle ans Wasser übergeben. Der viel gescholtene Plastemüll in den Weltmeeren einschließlich der Mikropartikel hat teilweise auch seinen Weg über die Flüsse genommen.

Deshalb würde Karsten Pehlke auch lieber darüber sprechen, wie lange das Wasser selbst braucht von der Quelle bis zur Mündung mit dem "Zwischenstopp" Weserstadion. Denn diese neun Tage sind - wie gesagt - nur eine Schätzung für "normale" Tage. Aber was ist eigentlich normal? Ein Hochwasser ist es nämlich auch aus Sicht der Natur und wichtig noch dazu. Hochwasser und die natürlichen Überflutungen der angrenzenden Auenlandschaften sind wichtige natürliche Prozesse, die die Lebensräume für Pflanzen und Tiere erhalten. Und auch für die Gewässerökologie ist das Hochwasser wichtig.

Das Hochwasser dreht die Sedimente um, das Kiesbett wird gereinigt. Es schafft neue Wege für den Fluss in der Aue, es entstehen Altarme usw. Das Problem ist der Mensch, der an diesen Stellen gesiedelt hat.

Karsten Pehlke Referatsleiter Wasserbau beim Thüringer Landesamt für Umwelt, Bergbau und Naturschutz

Und wenn sich künftig die extremen Wetterlagen mehren, dann werden wir auch häufiger Probleme bekommen in Flussnähe. Deshalb gibt es eine ganze Reihe von Maßnahmen einschließlich dazugehöriger EU-Vorgaben, die auch schon umgesetzt werden. Dort wo es geht, rudern wir zurück zur Natur, damit wieder alles im Fluss ist mit dem Fluss. Aber das ist eine Generationenaufgabe und eine für Herkules obendrein, denn alleine schon die Besitzverhältnisse verhindern ein einfaches Zurückbauen. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, dass unsere Ente durch ein Hochwasser nicht unbedingt gleich beschleunigt wird. Im Gegenteil.

Wenn ein Hochwasser anläuft, wird die Fließgeschwindigkeit zunächst langsamer. Weil das Wasser erstmal in die Auen strömt. Und wenn das Hochwasser dann voll da ist, dann wird es viel schneller Richtung Weserstadion fließen.

Karsten Pehlke Referatsleiter Wasserbau beim Thüringer Landesamt für Umwelt, Bergbau und Naturschutz

Auf dem Weg dorthin drohen dem Entchen übrigens weitere Gefahren, die nicht natürlicher Art sind. Das liegt auch an seinem Material und der leichten Ähnlichkeit mit profanem Plastemüll. Wasserbauwerke wie Wasserkraftwerke haben zum Eigenschutz und auch zum Schutz der Fische diverse mechanische Einrichtungen, die verhindern, dass die Turbine zum Häcksler wird. Mittels sogenannter Rechen werden zum Beispiel Plastegegenstände herausgefischt und mittels Container entsorgt. So schafft es die Ente niemals bis zum Weserstadion. Das bedeutet aber nicht, dass alles Treibgut aus dem Wasser gefischt wird. Vieles schwimmt gewollt an den Rechen vorbei oder darunter hinweg. Natürlicher "Schmutz" ist auch für den Fluss gesund.

Viele Organismen hängen vom Totholz ab. Wenn da Äste oder Bäume reinfallen, sind die eine ganz wichtige Lebensgrundlage. Wenn man das alles rausholen würde, wäre das nicht zielführend.

Also wenn schon, dann doch lieber kein Entchen, sondern ein Stöckchen in die Werra werfen und diesem dann eine gute Reise wünschen - auf dem Weg in die Nordsee, vorbei am Weserstadion.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 03. Mai 2019 | 16:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 03. Mai 2019, 17:00 Uhr

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