Ein leeres Klassenzimmer
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Der Redakteur | 12.04.2019 Gilt die Schulpflicht auch für die Schule?

Kinder im schulfähigen Alter müssen in Thüringen eine Schule besuchen. Das besagt die Schulpflicht. Aber gilt diese Verpflichtung umgekehrt auch für die Schule? Muss sie also den Unterricht unbedingt sicherstellen? Zwei Hörer haben diese Frage dem Redakteur gestellt, denn sie ärgern sich darüber, dass ihre Kinder häufig wegen Lehrermangels von Hortnerinnen betreut, aber eben nicht unterrichtet werden.

von Thomas Becker

Ein leeres Klassenzimmer
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Die Schulpflicht für die Schule - warum eigentlich nicht? Gleiches Recht für alle, schließlich sind auch schon Städte verklagt worden wegen anhaltender Luftverschmutzung. Dass an vielen Schulen ziemlich dicke Luft herrscht, das ist nur schwer zu widerlegen. Überall dort, wo Mangel verwaltet wird, müssen die verbliebenen Arbeitsfähigen mehr Last tragen. Ein Problem in Thüringen ist, dass unsere Lehrer entweder zu jung sind oder zu alt. Die Jungen werden schwanger und gehen in Elternzeit. Die Alten kommen an ihre körperlichen Grenzen, was ebenso Ausfallzeiten nach sich zieht. Die Lehrergeneration des "Mittelalters" wurde einst gar nicht erst eingestellt und nun haben wir den Salat.

Schulgesetz oder Bußgeldkatalog sehen keine Strafen für das Land vor, gleichwohl die Verfassung eine gewisse Verpflichtung des Landes, ein "ausreichendes und vielfältiges öffentliches Erziehungs- und Schulwesen" zu gewährleisten. Das könnte der juristische Ansatz sein, das Land dazu zu zwingen, mehr gegen Unterrichtsausfall zu tun. Indem es zum Beispiel privat organisierte Ersatzlehrer bezahlt, wie es ein Berliner Anwalt skizziert hat, oder indem es mehr Lehrer einstellt. Das Dumme: 

Lehrer gehören zu genau jenen Fachkräften, nach denen deutschlandweit händeringend gesucht wird. Trotzdem hörten wir auch heute wieder Geschichten, wo fähige und beliebte Referendare gern geblieben wären an der Schule, es aber verwaltungsseitig sehr gewichtige Gründe gab, die dagegen sprachen. In dieser Woche war eine große Wirtschaftsdelegation aus Thüringen in Vietnam, auch um dort angehende Fachkräfte abzuwerben. Lehrer werden da kaum dabei sein. Und hoffentlich kommen andere nicht auf die Idee, auch hier bei uns nach Fachkräften zu suchen. Auch unser Bildungsministerium würde ja nun mittlerweile gern neue Lehrer einstellen, aber sie sind einfach nicht da.

Wir finden zum Beispiel zu wenige Bewerber für Elternzeitvertretungen. (…) Wir unternehmen viel, um die Attraktivität des Lehrerberufes zu steigern. Wir haben die Verbeamtung wieder eingeführt und bieten damit mehr Sicherheit und mehr Geld, wir haben die Bezahlung der Regelschullehrer verbessert und Möglichkeiten geschaffen, dass Seiteneinsteiger in die Schulen kommen.

Frank Schenker, Sprecher Thüringer Bildungsministerium

Hohe Erwartungen an Pädagogen

Trotzdem werden offenbar Menschen, die eben genau diese Angebote machen, abgewiesen. In einem Beispiel eines Hörers reichte die fachliche Qualifikation eines Fachhochschulabschlusses offenbar zwar aus, um Lehrlinge auszubilden und von der IHK in die Prüfungskommission einberufen zu werden, aber um im Bereich der eigenen Kompetenzen den Unterrichtsausfall eines Gymnasiums abzufedern, dafür war dieser Abschluss offenbar zu wenig. Hochschule muss es schon sein.

Ein anderes Problem wurde aus Baden-Württemberg an uns herangetragen. 19 Jahre Lehrerdasein in Brandenburg waren nicht ausreichend, um dann im Ländle sofort vor die Klasse gelassen zu werden. So könnte der Eindruck entstehen, man weiß gar nicht so richtig, gegen welches der vielen Probleme nun am besten geklagt werden sollte.

In Baden-Württemberg hingegen hat sich eine Arbeitsgemeinschaft der Elternbeiräte gegründet. Diese ließ ihre Klagedrohung an das Land zunächst in einem 39-seitigen Rechtsgutachten formulieren. Garniert wurde das Ganze mit Vorschlägen, die man sofort umsetzen müsste und aus ihrer Sicht auch könnte, um der aktuellen Schülergeneration noch zu helfen. Denn der Instanzenweg ist lang in Deutschland. Schließlich fehlen auch bei Gericht die Leute.

Wir wollen endlich das durchsetzen, was seit Jahren gefordert wird.

Michael Mattig-Gerlach,  Arbeitsgemeinschaft Elternbeiräte an Gymnasien im Regierungsbezirk Stuttgart

Zum Beispiel wird in Baden-Württemberg gefordert, mit einer 110-prozentigen Unterrichtsversorgung in ein Schuljahr zu gehen. Das bedeutet: Man hätte zehn Prozent mehr Lehrer an den Schulen, als man eigentlich auf dem Papier benötigt, um den Unterricht abzudecken. Dann würde auch nicht die erste Schwangere gleich den kompletten Stundenplan über den Haufen werfen. Beklagenswerte Schuldirektoren, so Michael Mattig-Gerlach, wären schon froh, wenn Sie mit 95 Prozent Unterrichtsversorgung in ein Schuljahr gehen könnten. Was nichts anderes bedeutet, als dass man mit nicht ganz vollem Tank losfährt, wohlwissend, dass man damit niemals am Ziel ankommen wird. Auch in Baden-Württemberg sind die Hürden für hilfsbereite Quereinsteiger offenbar sehr hoch.

Und selbst die auf den ersten Blick wunderbar unbürokratischen Lösungen, die seit kurzem in Thüringen helfen könnten, Spitzen abzufangen, haben mehr Pferdefüße als ein Gaul. "Schulbudget" heißt das Zauberwort, das es seit dem Schuljahr 2018/2019 gibt. Seit  Anfang des Jahres  bekommen nun staatliche allgemein- und berufsbildende Schulen pro Schüler bzw. Schülerin 30 Euro zur "freien" Verwendung. Macht bei 500 Schülern x 30 Euro = 15.000 Euro. Könnte man nicht mit diesem Geld einfach einen großväterlichen pensionierten Mathelehrer anlocken und in die seit Wochen verwaiste Klasse stellen, die auf dem Weg zur BLF ist? Oder eine ehemalige Deutschlehrerein bezahlen, die der 1. Klasse die Schreibschrift beibringt? (Ist ein Insider-Witz). Natürlich nicht.

Es muss im Rahmen einer Arbeitsgemeinschaft stattfinden, da hängen wir juristische Fragen dran. Es darf keine reguläre Beschäftigung ersetzen. Dann bestehen diese Möglichkeiten im Rahmen des Schulbudgets.

Frank Schenker, Sprecher Thüringer Bildungsministerium

Hoher Verwaltungsaufwand für Schulen

Hausaufgaben-Betreuung ist demnach denkbar, "Projektbegleitung" auch, Unterricht nicht - das steht auf der Seite des Ministeriums zum Schulbudget. Und dort steht auch ganz klar, dass es aufgrund rechtlicher Regelungen und Rechtsprechung nicht möglich ist, die Mittel für Honorarverträge zur Unterrichtserteilung und -vertretung zu verwenden. Hier ist also wieder einmal hemdsärmelige Phantasie gefragt. Ein Mathelehrer erteilt Hausaufgaben, der Honorarlehrer "begleitet" deren Umsetzung. So könnte es vielleicht gehen. Aber geht das auch in der Unterrichtsstunde des ausfallenden Matheunterrichts? Das "Ja" des Ministeriumssprechers auf diese Frage fiel etwas zögerlich aus.

Der Blick auf die Bestimmungen für das Abrufen des Schulbudgets offenbart den Alltag unserer "eigenverantwortlichen" Schulen. Ein Drittel der 27 meistgestellten Fragen auf der Internetseite werden mit "nein" beantwortet und die Liste der Dokumente und Materialien enthält seitenweise Betätigungsfelder für Freunde der bürokratischen Bildung, beginnend mit der Checkliste für die Schulen und noch lange nicht endend mit der Anlage 2 der Dienststelleninformation (ausfüllbare PDF).

Checkliste (Stand 13.11.2018)

1. Entscheidung der Schulkonferenz über das außerunterrichtliche Angebot der Schule (spätestens vor Schritt 6)
2. Veröffentlichung der zu vergebenden Honorarleistung
3. Honorarkraft gewinnen, Leistung und Honorar festlegen
4. Honorarkraft auffordern zur Vorlage eines erweiterten Führungszeugnisses (Formular) und zum Ausfüllen der Anlage 2 der Dienststelleninformation (Formular)
5. Information des Schulträgers über Maßnahmen in der Schulanlage
6. Vergabevermerk erstellen (formlos) mit Angabe der erfolgten Beteiligungen  Entscheidung der Schulkonferenz (Schritt 1), ggf. Information des Schulträgers (Schritt 5)
7. Merkblatt zur Erhebung von personenbezogenen Daten dem Auftragnehmer übergeben
8. Vorhaben hinzufügen im Onlineverfahren getrennt nach Kalenderjahren
9. Dokumente hochladen im Onlineverfahren
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17. Per Post an das Schulamt Westthüringen senden: Bestätigte Rechnung (ggf. Teilrechnung) im Original, Honorarvertrag im Original
18. Prüfung und Zahlung des Rechnungsbetrags (durch das Staatliche Schulamt)

Füge Punkt 19 hinzu: Schöne Osterferien und erholen Sie sich gut.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 12. April 2019 | 16:41 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. April 2019, 17:57 Uhr

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