Der Fluss aus der Perspektive eines Bootes, was auf dem Fluss schwimmt.
Rudern auf der Ilm: Nicht überall auf seiner gesamten Länge ist der Fluss zu sehen, mancherorts versickert er während großer Trockenheit. Bildrechte: MDR/Mayte Müller

Der Redakteur | 06.11.2018 Der verschwundene Fluss: Warum die Ilm stellenweise weg ist

Die Ilm verschwindet bei Stadtilm fast spurlos und taucht ein paar Kilometer später flussabwärts wieder auf. Dieses Phänomen hat unser Hörer Ralf Müller aus Großrudestedt beobachtet. Er möchte wissen, was dahinter steckt. Thomas Becker hat die Antwort herausgefunden.

von Thomas Becker

Der Fluss aus der Perspektive eines Bootes, was auf dem Fluss schwimmt.
Rudern auf der Ilm: Nicht überall auf seiner gesamten Länge ist der Fluss zu sehen, mancherorts versickert er während großer Trockenheit. Bildrechte: MDR/Mayte Müller

Ilmversinkung ist der Fachbegriff für ein Phänomen, das der Ilm tatsächlich widerfährt. Abhängig vom Wasserstand "verschwindet" die Ilm tatsächlich ganz oder teilweise im Nichts und taucht dann Kilometer später wieder auf. Meistens fällt das gar nicht auf, weil ein Teil des Wassers trotzdem noch weiterfließt, aber in Trockenzeiten wie derzeit kann es durchaus vorkommen, dass abschnittsweise gar kein Wasser mehr zu sehen ist.

Der Fluss mit dem Ausschnitt eines Gartens im Hintergrund.
Die Ilm fließt auch durch den Schlosspark in Tiefurt. Dort "verschwindet" sie allerdings nicht unter der Erde. Bildrechte: MDR/Mayte Müller

Das passiert zum Beispiel zwischen Griesheim und Kranichfeld und dann noch einmal zwischen Bad Berka und Weimar. Schuld sind geklüftete und verkarstete Gesteine des Muschelkalkes. Dort kann das Wasser prima versickern, aber eben nicht auf Nimmerwiedersehen. Denn unter den durchlässigen Gesteinsschichten befindet sich sozusagen das "Untergeschoss" der Ilm, der sogenannte Hauptgrundwasserleiter, gebildet von Kalk- und Kalkdolomitsteinen des Unteren und Mittleren Muschelkalks. Bekannte Versinkungsstellen gibt es in Griesheim, in Dienstedt, südlich von Barchfeld am Felsenkeller sowie bei der Martinskirche in Hetschburg, berichtet Annett Peters, Referentin bei der Thüringer Landesanstalt für Umwelt und Geologie. Dieser ganze Bereich ist Teil der sogenannten Gothaer-Arnstadt-Saalfelder-Störungszone, in dem die Ilm aber nicht "verschwindet". Denn das Wasser taucht anderswo wieder auf.

Ein Teil des bei Griesheim versinkenden Wassers der Ilm tritt in der etwa zwei Kilometer entfernten Quelle "Oberwillinger Spring" wieder zutage. Es wird vermutet, dass ein weiterer Teil des Wassers in entgegengesetzter Richtung fließt und die Quelle von Sundremda im Einzugsgebiet der Saale speist.

Annett Peters, Referentin bei der Thüringer Landesanstalt für Umwelt und Geologie

Die "Verluste" wurden auch schon gemessen, 42 Prozent gehen bei Niedrigwasser "verloren" und bis zu 26 Prozent bei normaler Wasserführung der Ilm. Und man hat auch tatsächlich genau untersucht, wo das Wasser wieder auftaucht, das die Ilm unterwegs eingebüßt hat. Dazu werden Markierungsversuche durchgeführt, das Oberflächenwasser wird eingefärbt und dann kann man sehen, wo es wieder auftaucht. Aber auch Wasserproben helfen. Wenn man die mineralische Zusammensetzung untersucht, lässt sich die Herkunft auch ganz gut bestimmen.    

Muschelkalkwasser zeichnet sich eben durch hohe Härte aus, durch hohe Kalziumgehalte, was ganz anders ist als Wasser aus Buntsandstein oder aus dem Thüringer Wald. Da sind bestimmte Markierungsstoffe natürlich enthalten, die man zuordnen kann, aus welchem Grundwasserleiter das Wasser kommt.

Annett Peters, Referentin bei der Thüringer Landesanstalt für Umwelt und Geologie

Es gibt auch ein Landesmessnetz, das die Bedingungen überwacht und man kann so erkennen, was ist natürlich oder was ist durch menschliche Einflüsse ins Wasser gelangt. Schließlich ist der größte Teil unseres Trinkwassers Grundwasser und da möchten wir eigentlich nichts von dem drin haben, was wir auf unsere Felder kippen oder im Winter auf unsere Straßen rieseln lassen. Und was unsere verschwindende Ilm betrifft, sie ist nicht die einzige U-Bahn im weitverzweigten Thüringer Unterwassernetz.

Das haben wir auch in der Gera oder in anderen Gewässern, wo der Untergrund durchlässig ist und das Gewässer die Chance hat, zu versinken. Und dann muss es ja auch irgendwo wieder zu Tage treten.

Annett Peters, Referentin bei der Thüringer Landesanstalt für Umwelt und Geologie

Und das sind dann benachbarte Quellen, die üblicherweise ein bisschen tiefer liegen als der "Einlauf" im Fluss, wo das Wasser einst verschwunden ist. Schade eigentlich, dass damit das mystische so mancher Quelle ein bisschen verloren geht, wo plötzlich klares Wasser zu entstehen scheint. In Wirklichkeit ging es unten einfach nicht mehr weiter.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 06. November 2018 | 16:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 06. November 2018, 16:40 Uhr

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4 Kommentare

08.11.2018 21:01 martin 4

@2 augu: Soweit ich mich recht erinnere, ist die Rhumequelle kein "Wiederauftauchen" eines versickerten Flusses, sondern hauptsächlich Niederschlagswasser des Brocken, das dann unterirdisch abfliesst, bis es in Rhumspringe an die Oberfläche kommt.

07.11.2018 14:29 augu 3

ich hätte gern von einem Fachmann Geologie/ Hydrologie die Antwort auf folgende Frage:
Wenn in einer tiefreichenden Störungszone Niederschlagswasser bis unter NN versickert, was passiert dann ? Unterirdischer Abfluss bis in ein nahe liegenden Meeresteil ist wohl aus hydrostatischen Gründen nicht möglich, also bleibt nur Anstau bis Wasserspiegel über NN liegt, es entstünde dann ein tiefreichender Grundwasserhorizont bzw.ein sehr tiefer unterirdischer See, der in der Höhe des Wasserspiegels auch zum Meer abfließen könnte. Gibt es so etwas im Karstgebirge an der Adria ? (auf der mexikanischen Halbinsel Yukatan existieren wohl starke unterirdische Flüsse).