Der Redakteur | 24.06.2019 Raimund sucht ein Buch

Raimund aus Anrode: Ich suche ein Kinderbuch, das aus den 1940er/50er-Jahren sein muss und irgendetwas mit "12 Monate" oder "Jahr" heißt. Zu jedem Monat gibt es ein sehr schönes Bild und einen Reim. "Der Januar kommt mit Schnee und Eis. Der Februar ist auch noch weiß" usw. Wer kennt das Buch oder hat es noch?

Cove des Buches die zwölf Monate
Das ist das Cover des gesuchten Buches. Bildrechte: MDR Thüringen

Kindheitserinnerungen sind prägend. Bilder, Bücher, Musik, Geschichten oder Filme – manchmal bleiben auch nur Bruchstücke im Kopf. Und damit das ganze Werk zu finden, das ist nicht einfach.

Wahrscheinlich heißt es "Die 12 Monate" - das war die Vorgabe, die wir bekommen haben und dann ging die Suche los. Eine gute Adresse ist die Deutsche Nationalbibliothek, die seit 1913 alles sammelt, das in deutscher Sprache gedruckt worden ist.

Das ist in die DDR übergegangen und weitergeführt worden, mit dem gleichen Sammelauftrag, der schon von den Gründervätern festgelegt wurde, nämlich alles Deutschsprachige zu Sammeln und aufzuheben. Und das haben wir auch in der DDR weitergeführt.

Jörg Räuber, Deutsche Nationalbibliothek

Nur unser Buch war dort nicht bekannt. Dafür sogar die Literatur aus dem westlichen Sprachraum, sprich: der alten Bundesrepublik, der Schweiz und Österreich. Schwierig war es natürlich, jedes Werk aus dem Westen zu bekommen, aber bei 90 Prozent der erschienenen Bücher der einstigen BRD ist das den Leipzigern gelungen.

Es gibt mittlerweile sogar eine gesetzliche Verpflichtung, zwei Exemplare eines jeden Buches bei der Deutschen Nationalbibliothek abzuliefern. Das deutschsprachige Gedächtnis soll möglichst vollständig sein und auch verfügbar für jedermann. Es gibt allerdings einen kleinen Unterschied zu anderen Bibliotheken: Die Bücher der Deutschen Nationalbibliothek verlassen ihr zu Hause nicht. Man muss in Leipzig oder Frankfurt/Main in den Lesesaal gehen und kann dort das Buch lesen, wenn es der Zustand des Buches erlaubt. Besonders empfindliche oder altersschwache Exemplare sind nur noch digital verfügbar.

Vor allen Dingen, wenn man an Zeitungen und Zeitschriften denkt. Ehe wir die noch einmal einer mechanischen Belastung im Lesesaal aussetzen, digitalisieren wir zum Schutz des physischen Originals.

Jörg Räuber, Deutsche Nationalbibliothek

Gerade bei Zeitungen weichen die Bibliothekare auch schon eine Weile von ihrem "Originalprinzip" ab, das heißt: Früher wurden die Zeitungen als Mikrofilm archiviert, heute sind es zumeist die E-Paper-Ausgaben. Und da es nach wie vor den Anspruch des Kompletten gibt, schwingt das Kapazitätsproblem immer mit. Digital mag das alles noch mit ein paar neuen Servern und Festplatten erledigt sein, so ein Bücherregal ist hingegen schnell voll. Deshalb ist der Standort in Leipzig schon viermal erweitert worden und der Standort in Frankfurt/Main hat zur Jahrtausendwende ein "Update" erhalten und nun Platzkapazitäten für die nächsten 50 Jahre. Nur eben nicht für unser Büchlein. Eigentlich ist das völlig untypisch und vielleicht der Tatsache geschuldet, dass es sich nur um eine geringe Auflage gehandelt hat. Und auch mehr ein Heft ist als ein Buch und von einem Autoren bzw. Zeichner geschaffen wurde, der offenbar keine weiteren Werke veröffentlicht hat.

Also stellte sich die Frage: Ist es vielleicht noch anderswo zu finden? Wir haben relativ rasch herausgefunden, dass es sich um das Buch "Die zwölf Monate" von Willy Etzold-Kuhfs handeln könnte, erschienen 1946, gedruckt in der Wiedemannschen Druckerei in Saalfeld, die es auch heute noch gibt. Was es dort nicht mehr gibt, ist das Buch selbst. Auch die Peter-Sodann-Bibliothek, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, alte Bücher zu erhalten und verfügbar zu machen, hat kein Exemplar dieses Buches in ihrem Haus. Nur ein Antiquariat in Sachsen mit einem Bestand von 34.000 Büchern hat unter der Archivnummer 21409L exakt ein einsames Exemplar dieses Buches im Regal, theoretisch. Praktisch wurde es vor kurzem online bestellt und dann wieder storniert. Für die internen Abläufe bedeutete das: Raus aus dem Regal und dann wieder hinein. Bei letzterem Vorgang muss dem Mitarbeiter ein Fehler unterlaufen sein, denn alles, was derzeit zu finden ist, ist die Lücke, die unser Buch gelassen hat.

Es ist also nicht verloren, nur verlegt und damit nicht bestellbar. Und als die Ernüchterung schon Raum greifen wollte, kam dann doch noch der Anruf aus der Deutschen Nationalbibliothek zu Leipzig. Den Kollegen dort hat die Sache keine Ruhe gelassen. Wie kann es ein Buch geben, das sie nicht haben?! Aber sie wussten sich zu helfen und wissen nun immerhin, wo eins steht. Nämlich in der Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz. Unter der Signatur 53 BA 501970 ist tatsächlich unser Buch gelistet. Es steht am Standort Westhafenspeicher und kann im Lesesaal bestaunt werden. Für alle Bücherinteressierten und Raimund aus Anrode gilt also das Fußball-Motto: "Berlin, Berlin - wir fahren nach Berlin!"

So könnte der komplette Text lauten, er ist aus der Erinnerung aufgeschrieben: Der Januar kommt mit Schnee und Eis,
der Februar ist auch noch weiß.
Im März da zieht der Frühling ein,
mit ihm das Osterhäselein.
April ist voller Unbestand,
im Mai wird grün das ganze Land.
Mit Blumen - Juni schmückt den Hut.
Im Juli wird die Kirsche gut.
Augusts reicher Sommersegen,
lässt im September Hände regen.
Oktober sieht gar bunt schon aus,
November kommt mit Sturmgebraus.
Dezember ist der allerbest,
er bringt das liebe Weihnachtsfest. "Die zwölf Monate" von Willy Etzold-Kuhfs

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 24. Juni 2019 | 15:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 24. Juni 2019, 17:17 Uhr

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