Manfred Krug in der Hauptrolle des Fernfahrers Frank Meersdonk in der TV-Serie "auf Achse".
Manfred Krug in der Hauptrolle des Fernfahrers Frank Meersdonk in der TV-Serie "auf Achse". Bildrechte: dpa

Der Redakteur | 05.12.2018 Was steckt hinter dem Kabinenschlafverbot für Trucker-Fahrer, das die EU plant?

Helmut Wenzel, LKW-Fahrer aus dem Saale-Holzland-Kreis, weiß aus eigener Erfahrung, dass die Trucker-Romantik nur noch ein schöner Traum ist. Aber was hat die EU gegen die Nächte in der Schlafkabine?

Manfred Krug in der Hauptrolle des Fernfahrers Frank Meersdonk in der TV-Serie "auf Achse".
Manfred Krug in der Hauptrolle des Fernfahrers Frank Meersdonk in der TV-Serie "auf Achse". Bildrechte: dpa

Franz Meersdonk sitzt in seinem blauen Benz und zieht eine meterlange Staubwolke hinter sich her. Es ist heiß in der Wüste. Böse Jungs sind genauso unterwegs wie helfende Hände. Und abends brennt das Lagerfeuer. Dieses Bild wurde seit 1978 dank Manfred Krug und "Auf Achse" in unsere Wohnzimmer transportiert und es schwingt nach wie vor mit. Doch von dieser Trucker-Romantik ist nicht viel übrig.

Lkws stehen auf einem Rastplatz an einer Autobahn
Lkw stehen auf einem Rastplatz an einer Autobahn Bildrechte: IMAGO

Es gibt heute stattdessen ein weit verbreitetes System von Preis- und Lohndumping. Osteuropäische LKW-Fahrer, die von ihren Unternehmen monatelang kreuz und quer durch Europa geschickt werden, ohne die Familie zu sehen. Wenn sie denn überhaupt dazu kommen, sich eine anzuschaffen. Passend dazu das Bild an den nachts chronisch überfüllten Parkplätzen der Autobahnen oder in der Nähe von Logistikzentren. Mit zum Teil verwahrlosten Männern, wachsenden Müllbergen und fast schrottreifen Trucks. Von daher, Daumen hoch, dass sich etwas tut. Leider misslang die Verkündung der EU-Pläne gründlich. Nach der Verkehrsministerkonferenz trat deren aktueller Vorsitzender vor die Presse und sagte erstaunliches:

Es gibt ein absolutes Kabinenschlafverbot in der gesamten Europäischen Union, harmonisierend und ohne Ausnahmen.

Norbert Hofer (FPÖ) Verkehrsminister Österreich

Kurz darauf trat eine Sprecherin des EU-Rates auf die Bremse und stellte klar, dass das natürlich nicht für die tägliche Ruhezeit gilt, sondern für die wöchentliche. Zum Glück. Denn wir haben schon die abendliche LKW-Karawane gesehen, auf der Suche nach einem gemütlichen Hotelzimmer mit Stellplatz gleich um die Ecke. Salopp gesagt geht es also nicht um die tägliche Nachtruhe, sondern um das "Wochenende", das nicht zwingend am Wochenende stattfinden muss.

Die tägliche Ruhezeit darf nach wie vor im Fahrzeug verbracht werden. Nur die regelmäßige wöchentliche Ruhezeit, die mindestens 45 Stunden betragen muss, die darf nicht mehr im Fahrzeug verbracht werden.

Prof. Dirk Engelhardt HGF Bundesverband Güterkraftverkehr
Drei LKW-Fahrer sitzen mit freiem Oberkörper zwischen ihren parkenden LKW. 6 min
Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk

Dirk Engelhardt vom Bundesverband Güterkraftverkehr zum geplanten Kabinen-Schlafverbot für Lkw-Fahrer.

MDR THÜRINGEN - Das Radio Mi 05.12.2018 10:20Uhr 06:28 min

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Allerdings ist diese Idee nicht neu, nachzulesen ist das alles schon im "Mobilitätspaket der Europäischen Union", das Ende Mai 2017 vorgestellt wurde und an dem die Verkehrsminister nach wie vor feilen, bis es dann irgendwann einmal Gesetz wird. Auch der Europäische Gerichtshof hat Ende 2017 noch einmal klar gestellt, dass diese wöchentliche Ruhezeit bereits nach der aktuellen Rechtslage nicht im Fahrzeug verbracht werden darf.

Nun muss man sich grundsätzlich von dem Gedanken trennen, ein LKW aus Rumänien, Bulgarien oder Polen fährt nach Deutschland, lädt seine Ware ab, lädt neue Ware für den Rückweg auf und fährt wieder nach Hause. In der Realität befördern diese LKW Waren in ganz (West-)Europa, aber im Verhältnis dazu eher selten Waren aus oder in die Heimat. Beauftragt werden sie indirekt von uns Sparfüchsen, weil wir es billig mögen und trotzdem sofort. Damit verleihen wir der Preisspirale immer neuen Schwung.

Wir kämpfen als Verband seit Jahren für faire Wettbewerbsbedingungen. (…) Von daher befürworten wir eine solche Regelung natürlich, weil die Unternehmen gezwungen sind, ihre Fahrer spätestens nach vier Wochen wieder nach Hause zu holen.

Prof. Dirk Engelhardt HGF Bundesverband Güterkraftverkehr

Hier sind wir im Bereich der sogenannten "Kabotagefahrten" unterwegs. Der Begriff kommt ursprünglich aus der Seefahrt, meint aber im LKW-Verkehr die Erbringung von Transportdienstleistungen durch einen ausländischen Spediteur innerhalb eines EU-Staates (kleine Kabotage) oder zwischen zwei EU-Staaten (große Kabotage).

Die EU plant hier eine weitgehende Liberalisierung, was durchaus auch sinnvoll sein kann, um so wenig wie möglich Leerfahrten zu haben auf den Straßen. Allerdings hat schon die aktuelle Regelung dazu geführt, dass es eben osteuropäische "Spezialisten" gibt, die aus Sicht einheimischer Speditionen zu ruinösen Preise ihre Dienstleistungen fast ausschließlich im Ausland anbieten. Für einen fairen Wettbewerb müssen deshalb überall ähnliche Vorschriften gelten zum Beispiel  bezüglich der Sozialstandards für die Mitarbeiter oder der KFZ-Steuer. Und wenn es weiter eine Kabotage-Begrenzung geben soll, zum Beispiel eine Höchstgrenze für solche Fahrten pro Monat, dann muss diese auch strenger kontrolliert werden. Das ist die Forderung der deutschen Lkw-Branche. Und eine solche Regelung dürfe auch nicht dadurch ausgehebelt werden können, dass man "mal eben kurz" über die Grenze fährt und dann beginnt die Uhr von vorn zu ticken.

Die Kontrollen müssen auf jeden Fall erhöht werden und wir fordern ein europäisches Kontrollsystem um Kontrollen effizienter zu gestalten.

Prof. Dirk Engelhardt HGF Bundesverband Güterkraftverkehr

Dazu gehört die Einführung eines neuen manipulationssicheren Tachographen (Fahrtenschreibers), der nun schon 2025 Pflicht werden soll und nicht erst - wie ursprünglich angedacht - 2035. Das Gerät überwacht dann nicht nur Geschwindigkeiten, Lenk- und Ruhezeiten, sondern es registriert auch automatisch die Lade- und Entlade-Tätigkeiten und merkt sich, wann und wo der Lkw eine Grenze passiert hat.

Womit wir auch direkt bei der Frage sind: "Was ist ein LKW?"

Denn es kann auch nicht im Sinne des Erfinders sein, dass zur Umgehung von neuen Vorschriften plötzlich ein Teil der Fracht auf Kleintransporter verlagert wird. Es gilt also viel zu beachten auf der Suche nach einer Lösung, mit der am Ende alle Beteiligten leben können. Denn natürlich haben auch die osteuropäischen Länder Interessen, die sie in Brüssel vorbringen.

Und wenn zur Bekämpfung von Lohndumping Regelungen getroffen werden, dass beispielsweise Lohnzettel mitgeführt werden müssen oder die Speditionen Lohnbuchhaltungen vorhalten müssen für die Länder, in denen sich ihre Fahrer längere Zeit aufhalten, dann gilt das Ganze natürlich auch für eine deutsche Spedition, die regelmäßig nach Portugal fährt und dort noch ein paar Aufträge annimmt.

Mehr Gerechtigkeit gibt nicht mit weniger Bürokratie. Und wenn am Ende des Prozesses wieder ein bisschen mehr Trucker-Romantik Einzug hält in der Branche, am besten mit familienfreundlichen Arbeitszeiten und höheren Löhnen, dann finden sich vielleicht auch wieder mehr Franz Meersdonks, um diesen Job zu machen. Sie würden jedenfalls mit Handkuss genommen.

Wir stehen stellenweise kurz vor dem Versorgungskollaps. Ich gehe fest davon aus, dass einige Waren in den nächsten Monaten knapp werden, weil wir einfach nicht mehr die Fahrer haben, um die Waren entsprechend zuzustellen.

Prof. Dirk Engelhardt HGF Bundesverband Güterkraftverkehr

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 05. Dezember 2018 | 16:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 05. Dezember 2018, 16:20 Uhr

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2 Kommentare

07.12.2018 12:36 SaltyCat 2

Art. 8(8) eg-vo 561/2006:
(8) Sofern sich ein Fahrer hierfür entscheidet, können nicht am Standort eingelegte tägliche Ruhezeiten und reduzierte wöchentliche Ruhezeiten im Fahrzeug verbracht werden, sofern das Fahrzeug über geeignete Schlafmöglichkeiten für jeden Fahrer verfügt und nicht fährt.

D.h. es ist seit 2006!! Nicht erlaubt, die reguläre wochenruhezeit im lkw zu nehmen. Und zwar europaweit!

06.12.2018 12:17 Luziesfather 1

Hinzu kommen noch die zahlreichen "Kleintransporter" mit Schlafkabine, mit denen das Sonntagsfahrverbot umgangen wird. Erbärmliche Zustände für die Fahrer, die Kojen sind für einen gesunden Schlaf einfacht zu kurz und zu klein. Die Fahrzeuge oft zu schnell und überladen unterwegs, die Fahrer übermüdet, da die Fahrzeiten wenig bis garnicht überwacht werden. Moderne Sklaverei, für die sich keiner interessiert.