Der Redakteur | 16.05.2019 Wie werden alle Küken gleichzeitig fit?

von Thomas Becker

Auch wenn die Logik der Frage absolut nachvollziehbar ist, leider hält sich die Meise nicht daran. Das Geheimnis des gemeinsamen Aufbruchs ist nämlich nicht die gleichberechtigte Fütterung. Sondern es hat etwas mit dem Startpunkt des Brütens zu tun. Zunächst legt das Weibchen seine Eier natürlich nicht auf einen Schlag, sondern über einen Zeitraum von mehreren Tagen. Sechs bis 14 Tage dauert das, da auch die Meise für ein Ei 24 Stunden braucht. Am Ende liegen dann alle Eier im Nest. Wobei "Nest" bei der Kohlmeise etwas irreführend ist, sie bevorzugt kleine Spalte und Höhlen in Bäumen, die zum Beispiel Spechte hinterlassen haben.

Kohlmeise
Kohlmeise Bildrechte: Colourbox.de

Und auch wenn 14 Tage lang täglich ein befruchtetes Ei gelegt worden ist, dann bedeutet das nicht, dass da zuvor täglich Party war. Es ist leider so, dass die Eier quasi alle auf einen Streich befruchtet worden sind. Und zwar natürlich vor der Legezeit und bevor die Eizelle in die Schale gepackt wurde. Das bedeutet: Das Weibchen hat eine innere "Lagerhaltung" für den Samen. Nach dem Legen folgt das Brüten und damit das nicht schon passiert, bevor alle Eier gelegt worden sind, ist Vorsicht geboten. Die werdende Meisenmama muss dafür sorgen, dass sie nicht etwa bei den ersten Eiern "aus Versehen" schon zu zeitig mit dem Brüten anfängt.   

Sie verlässt entweder das Nest oder steht über den Eiern und dadurch erreichen die Eier nicht die Bruttemperatur, die nötig ist, damit sich der Embryo entwickelt.

Dr. Moritz Hertel, Neurobiologe am Max Planck Institut für Ornithologie

Küken werden "im Takt" gefüttert

25 Grad mindestens müssen da erreicht werden und das passiert, wenn sich die kleine Henne endlich niederlässt und sitzen bleibt. Und weil das Brüten nun für alle Eier zum gleichen Zeitpunkt beginnt, legen auch alle Zellhaufen mit ihren jeweils 30.000 Zellen gemeinsam los. In der Folge schlüpfen dann alle Küken nahezu gleichzeitig und werden "im Takt" großgezogen. Wenn alles gut geht. Denn an dieser Stelle ist die Natur grausam. Wer es nicht schafft, den Schnabel immer weit genug aufzureißen, der bleibt auf der Strecke. Die werden dann aus dem Nest geworfen oder einfach zur Seite geschoben.

In schlechten Jahren, wenn es zu wenige Insekten gibt, um die ganze Brut zu füttern, ist es tatsächlich so, dass viele von diesen geschlüpften Vogelküken sterben.

Nur Drängler sind erfolgreich und leben

Es werden also gar nicht alle gleichzeitig flügge, sondern nur die, die bei den Fütterungen hellwach waren. Also auch bei den kleinen niedlichen Kohlmeisen steigen am Ende nur die zu Höhenflügen auf, die zuvor schon als Schreihälse und Drängler erfolgreich waren. Diese und andere Erkenntnisse aus dem Vogelleben verdanken wir Dr. Moritz Hertel und seinen Forscherkollegen, die u.a. das Verhalten der Kohlmeisen erforschen und die aktuell auch wirklich draußen unterwegs sind und die Vögelchen beobachten. Zum Beispiel mit Hightech-Nistkästen, die jede Flugbewegung registrieren.

Die gewonnenen Erkenntnisse werden aber nicht etwa auf den Festplatten der Wissenschaftler bleiben. Dr. Moritz Hertel berät derzeit das neue BIOTOPIA-Naturkundemuseum in München bei der Aufbauplanung. 2025 soll der Neubau eröffnet werden. Es wird dann weltweit das erste Museum sein, das die Verhaltensweisen in der Natur in den Mittelpunkt stellt, also das Fressen, Schlafen und Fortpflanzen. Es ist also ein Museum, in dem sich letztlich alles um Fragen dreht, wie die heutige.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 16. Mai 2019 | 16:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. Mai 2019, 15:59 Uhr

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