Der Redakteur | 29.03.2019 Was passiert mit dem Müll auf den Feldern?

Auf Äckern und an Feldrändern neben den Straßen liegt oft viel Unrat. Wer entfernt den Müll? Machen das die Landwirte - oder wird der Abfall untergepflügt? Diese Frage hat uns Ingrid Hanisch aus Döllstädt geschickt. Und unser Redakteur für Hörerfragen, Thomas Becker, hat sich auf die Recherche gemacht.

von Thomas Becker

Beantworten wir die Frage mal mit einem eindeutigen "jein". Denn an dieser Stelle kommt es tatsächlich auf die Größe an. Zuständig für das Entsorgen von Müll am Straßenrand sind zunächst die sogenannten Straßenbaulastträger.

  • Für die Ortsstraße ist die Kommune zuständig,
  • für die Landstraße das Land.

Der Straßengraben gehört zur Straße und dahinter wird es individuell, je nachdem, wem der Grünstreifen bis zum Feld gehört und was die Anrainer vereinbart haben. Auch bei den Feldwegen sind manchmal die Kommunen zuständig, die Landratsämter oder eben der Landwirt. Auf seinem (gepachteten) Feld ist er es ohnehin. Untergepflügt wird der abgelegte Müll natürlich nicht.

Wir stellen Lebensmittel her und Futtermittel für die Tiere und da müssen wir natürlich auch darauf achten, dass die Felder eine ordentliche Grundlage dafür bilden.

Katrin Hucke vom Thüringer Bauernverband

Davon abgesehen, dass Farbeimer, Reifen oder Elektrogeräte die Geräte beschädigen würden. Vieles davon kann der Bürger kostenlos in den Wertstoffhöfen der Kommunen abgeben, der Landwirt muss - als Betrieb - dafür zahlen. Er bedankt sich also recht herzlich dafür, diese Zusatzleistungen erbringen zu dürfen. Dieser Dank kommt auch von den orangefarben gekleideten Mitarbeitern der Straßenmeistereien, die für den Müll in den Straßengräben zuständig sind. Was die Männer hier finden, das möchte man nicht einmal lesen, geschweige denn aufsammeln.

Unsere lieben und netten Auto- und Lkw-Fahrer entsorgen fast alles. Vom Kaffeebecher, über Zigarettenschachteln bis zu vollgepinkelten Flaschen, weil sie zu faul sind, auf die Toilette zu gehen, bis hin zu Babywindeln.

Sven Schorcht, Mitarbeiter Straßenmeisterei

Dabei ist die sichtbare Verschmutzung nur das optische oder hygienische Problem und wir sind bei dem eingangs erwähnten Punkt mit der Größe. Die Welt redet vor allen Dingen über die Verschmutzung der Weltmeere durch Plasteabfälle, aber die Verschmutzung unserer Felder mit Mikroplastik liegt um ein Zwanzigfaches darüber.

Kunststoff zersetzt sich langsam zu Mikroplastik

Darauf deuten jedenfalls aktuelle Forschungen hin. Vieles, was achtlos weggeworfen wird, fängt unter dem Einfluss von Sonne, Wind und Regen an, sich in seine Bestandteile zu zersetzen. Wer schon einmal extra eingerichtete Müllhalden im Wald inspiziert hat (zu erkennen am Schild: "Müll abladen verboten"), dem wird aufgefallen sein, dass besonders die Plastetüten und andere Kunststoffe sehr schnell blass und porös werden. Das ist der Punkt, wo Mikroplastik entsteht, die am Ende in unserem Wasserkreislauf und in unserer Nahrungskette landet.

Und hier "arbeiten" auch Menschen fleißig mit, die bis zu diesem Punkt des Artikels noch die Nase gerümpft haben, weil sie niemals auf die Idee kämen, ihren Müll im Straßengraben zu entsorgen. Dazu reicht es nämlich schon, das verfaulte Obst gleich mal mit Verpackung in die Biotonne zu werfen oder irgendwelchen zusammengekehrten Dreck im Klo herunterspülen. Einiges davon landet über den Umweg Kompost oder Klärschlamm dann auch wieder bei uns. Oder sogar in uns.

Forscher der Uni Bayreuth unter Prof. Dr. Christian Laforsch haben Felder untersucht. Dabei kam heraus, dass die Quellen für die Kunststoffteile sehr vielfältig sind und die Teile selbst in allen Größen vorkommen. Von sichtbar bis unsichtbar. Darunter waren Abrieb von Autoreifen, Kunststoffe aus dem Biomüll aber auch Granulate von Kunstrasenplätzen, die der Wind verteilt hat.

Einige der Mikropartikel hatten durchaus schon den Weg durch das Schwein oder den Mensch genommen und landeten dann als "Dünger" wieder auf dem Feld. Welchen Schaden sie im Organismus anrichten, darüber streiten die Gelehrten noch. Dass Spuren es schon bis in Organe wie die Leber "geschafft" haben, lässt aber Schlimmeres vermuten. Und auch das was anfangs "groß" ist, wird durch den Einfluss von Witterung und mechanischem Abrieb irgendwann so klein, dass es wieder in unseren Nahrungskreislauf gelangen kann.

Keine Plastikbeutel und Verpackungen in die Biotonne!

Die Forscher haben sich unter anderem ein Feld in Franken vorgenommen und spektroskopisch untersucht. Es liegt anderthalb Kilometer entfernt vom nächsten Ort und 50 Kilometer entfernt von Nürnberg. In den fünf Jahren davor war das untersuchte Feld mit Schweine- und Kuhmist sowie Ammoniumsulfatnitrat gedüngt worden. Für den Anbau auf dem Feld wurde kein landwirtschaftlicher Kunststoff verwendet. Angebaut wurden in dieser Zeit Weizen, Gerste, Luzerne, Senf und Mais. Das Ackerland wurde regelmäßig auf 20 bis 30 Zentimeter Tiefe gepflügt. 81 makroplastische (größere) Stücke wurden in dem untersuchten Bereich gefunden, hochgerechnet waren das 206 Partikel pro Hektar. Zwei Drittel der "Fundstücke" waren zwischen fünf Millimeter und fünf Zentimeter groß. Also in einer Größe, die niemand mehr aufsammelt.

Insgesamt wurden sechs verschiedene Kunststoffpolymere identifiziert. Der am häufigsten gefundene Polymertyp war Polyethylen (PE) mit 67,90% (55 Teilchen) aller makroplastischen Stücke, gefolgt von Polystyrol (PS; 13,58%, 11 Teilchen) und Polypropylen (PP; 9,88%, 8 Teilchen).

Quelle: Studie "Identification and quantification of macro- and microplastics on an agricultural farmland"

Verwendungsbeispiele der auf dem Feld gefundenen Kunststoffteilchen:

  • Polyethylen = Folien, Flaschen, Rohre
  • Polystyrol = Verpackung, Dämmmaterial
  • Polypropylen = Armaturenbretter, Fasern für Bekleidung, Kabelummantelung

Da kann man sich gut vorstellen, wo die Quellen zu suchen sind. Der Blick in die eigene Biotonne wäre der Anfang, das Entfernen der Verpackung sollte vor dem Einwerfen eine Selbstverständlichkeit sein. Und den gedankenlosen Zeitgenossen, die den "direkten" Weg der Entsorgung wählen und den Müllsack gleich in die Landschaft legen, denen sei gesagt: Den eigenen Lebensraum zu zerstören ist menschlich - so saudumm ist nämlich kein Schwein.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 29. März 2019 | 15:20 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 29. März 2019, 16:00 Uhr

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4 Kommentare

31.03.2019 16:05 Burkhard Picker 4

Na Klasse. Wieder ein Problem und keiner ist recht verantwortlich. Gegensteuern ginge,wenn unsere Gesellschaft das wollen würde. Als erstes das Problem mit den Kunststoffen,welches wir nicht hätten ,wenn die Industrie den Dreck nicht produzieren würde. Alle natürlichen Stoffe werden von der Natur recycelt. Zerlegt in Kohlendioxyd u.Wasser. Die Unart alles unterwegs zu entsorgen wäre gebessert, wenn auf den Verpackungen empfindlich Pfand wäre z.B. Zigarettenschachteln, Fastfoodverpackungen, Getränken , Kaffeebechern usw. Gute Alternativen nutzen: Papierbindfaden, Baumwollbeutel, Baumwollwindeln, Mehrwegpfandflaschen und und und. Aber wenn jeder Scheiß x-mal verpackt ist weil er in China gemacht wurde kann man den Müllbergen beim wachsen zusehen. Beschränkung des Konsums u. Verwendung nat. Materialien können helfen.

30.03.2019 13:25 Part 3

Mancher Müll stammt sogar von der Kolchose oder dem privatwirtschaftlichen Betreiber der landwirtschaftlichen Produktionsstätte und wird dann beim nächten Sturm aufs nächste Feld geweht, wo er liegen bleibt bis zum Sanktnimmerleinstag.