Der Redakteur | 19.03.2019 Warum sind Fluss-Namen mal weiblich und mal männlich?

Warum heißen manche Flüsse "der" und andere "die"? Wie zum Beispiel der Rhein und der Main aber die Elbe und die Saale? Das möchte Birgit Grabowski aus Eisenach von uns wissen.

von Thomas Becker

Das Geländer einer Brücke über einen Bach
Bildrechte: MDR/Sebastian Roth

Freunde des Ungefähren kommen heute auf ihre Kosten. Flussnamen und ihre Artikel gehören – zumindest teilweise – zu den größten Rätseln der Menschheit. Der, die, das Wasser ist eben mitunter tief und unergründlich. Der Grund: Wir alle waren bei der Taufe nicht dabei. Irgendwann vor mehreren tausend Jahren mag im Angesicht eines Flusses einer unserer Vorfahren einen Laut ausgestoßen haben, der von der Sippe künftig als "Wasser" oder "Fluss" oder "fließendes Wasser" definiert wurde. Wegen innerfamiliärer Streitigkeiten zersprengte sich die Sippe, der Laut wurde mitgenommen, verändert, paarte sich vielleicht mit ähnlichen Lauten, wir wissen es nicht. Und welches "Geschlecht" dann ein Fluss bekommen hat, das kann ganz unterschiedliche Ursachen haben. Das ist auch abhängig, in welchem Zeitalter man die Entstehung des Namens vermutet.

Mutmaßungen sind auch, dass die Bezeichnungen mit der Länge der Flüsse zusammenhängen. Lange Flüsse sind männlich. (…) Oder:  Wenn die Flüsse sehr wild und stürmisch sind, dann ist der Name männlichen Geschlechts. Ich habe auch schon beide Theorien schon zur Kenntnis genommen: Dass die ältesten Namen männlich sind und dass die ältesten Namen weiblich sind.

Dr. Elke Galgon, Lehrstuhl für Germanistische Sprachwissenschaft Uni Erfurt

Von Göttern und "Weißen Schimmeln"

Alles ist möglich. Die alte männliche Variante könnte übrigens damit zusammenhängen, dass Flüsse auch nach Göttern benannt wurden und die waren anfangs gerne Männer. Mitunter haben sich die Namen und Geschlechter aber auch geändert. Da wäre zum Beispiel die Donau. Sie ist zweifelsfrei ein Mädchen. Der Oberlauf hießt aber auch schon Dānuvius, männlich, Flussgott von Beruf. Überhaupt ist die Donau ein wunderbares Beispiel dafür, wie sich ein Flussname wandelt oder in Abhängigkeit vom Ort verändert. Die heutigen Namen der Donau lauten Dunărea (rumänisch), Dunav (bulgarisch, serbisch, kroatisch) oder Dunaj (ukrainisch) und gehen auf die gleiche sprachliche indogermanische Quelle zurück. Das Iranische und das Keltische stehen hier gleichsam unter Verdacht, ihre schlichte Bezeichnung für "Fluss" in die Donau eingebracht zu haben. Die daraus ebenfalls hervorgegangene ossetische Variante "don" klingt da am eindeutigsten und damit sind wir auch direkt beim Don selbst. Und der ist im Gegensatz zur weiblichen Donau nun wieder eindeutig männlich. Sprachlich fließt auch er einfach nur, denn genau das bedeutet dieses "Don". Doch auch die Endung "au" kann diese Bedeutung haben. Hier sind wir sehr dicht dran an dem Phänomen, dass spätere "Umbenennungen" von Flüssen sprachlich zur Katastrophe werden können. Zum Beispiel bedeutet auch "Saal" so viel wie "fließendes Wasser" und "Bach" ebenso. Der entstandene "Saalbach" wäre demzufolge ein "Weißer Schimmel", also eine Tautologie. Das passiert, wenn im Laufe der Jahre die Bedeutung mancher Bezeichnungen vergessen wird und dann irgendjemand das aktuell gebräuchliche Wort für ein Wässerchen an die historische Silbe hängt.

Hierzulande sind Flüsse meist weiblich

Neben der banalen Beschreibung, dass es sich um "Wasser" oder etwas "Fließendes" handelt, beschreiben viele Flussnamen – mitunter auch ergänzend – die Eigenschaften. Das erklärt auch, warum ein Fluss in seinem Lauf auch schon verschiedene Bezeichnungen hatte. So ist die Gera, in der frühgermanischen Deutung  "ger-aha" ein "gurgelnder Fluss"  und damals wie heute im Oberlauf sehr sauber. In Erfurt angelangt, konnte und kann von Trinkwasserqualität nicht mehr die Rede sein. Das erklärt, warum Erfurt nach einer braunen (erpisa) Brühe benannt wurde. Es gibt wahrlich schönere Attribute, die ein Fluss liefern kann. Die Elbe von indogermanisch "albhos" wie hell und weiß klingt schon besser, aber auch das kann einst eine trübe Brühe gewesen sein. Auffallend ist übrigens, dass die meisten Flüsse hierzulande weiblich sind. Das ist nur gerecht, denn viele große berühmte Flüsse wie Amazonas, Mississippi, Missouri, Ganges, Nil usw. sind Männer. Genauso wie der kleine liebliche Bach. Komisch eigentlich. Und so überrascht es fast beinahe gar nicht, dass auch der schon eine Geschlechtsumwandlung hinter sich hat, die in einigen Dialekten auch noch nicht abgeschlossen ist. Früher hieß das Bächle nämlich "die Bach."

Quelle: MDR THÜRINGEN

Ramm am Nachmittag

Zuletzt aktualisiert: 19. März 2019, 17:10 Uhr

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