Der Redakteur | 05.02.2019 Warum spricht man 30 Jahre nach der Wende noch von den "Neuen Ländern"?

Dieter Stahl aus Berka/Werra möchte wissen, warum fast 30 Jahre nach der Wiedervereinigung noch im MDR von den "Neuen Ländern" gesprochen wird. Redakteur Thomas Becker hat nachgefragt.

von Thomas Becker

"Jetzt neu bei uns …" - Wenn so geworben wird, sollen sich die Menschen für das Produkt begeistern. Die gegensätzliche Werbung, man sollte doch bitte den alten Kram kaufen, die findet man doch eher selten.

Neu ist grundsätzlich nicht negativ besetzt. Es kling frisch und unverbraucht, bestenfalls riecht es gut und man hat auch keine Berührungsängste. Man fährt wohlwollend mit der Hand über den Neuwagen und dann geht der Daumen nach oben. Wo liegt also unser Problem mit den "neuen" Ländern? Zumal wir nicht alleine sind! New York ist auch nicht mehr neu, aber stolz auf sich, für die Neuenglandstaaten gilt das Gleiche.

Die Neuenglandstaaten bilden den Zipfel ganz oben rechts in den USA, bestehend aus Connecticut, New Hampshire, Maine, Massachusetts, Rhode Island und Vermont. Sie eint auch eine besondere Landschaft und eine besondere Geschichte. Geprägt hat den Begriff ein Herr Smith, der 1616 (!) ein Buch veröffentlichte mit dem Titel "A Description of New England". Mehr als 400 Jahre später ist keine Diskussion zu hören, mit dem Ziel, den Begriff abzuschaffen. Warum also bei uns?

Dr. Eckhard Meineke ist Professor für Geschichte der deutschen Sprache an der Uni in Jena. Er versteht Menschen, die "das Neue" nicht mehr erkennen können und einen anderen Begriff bevorzugen würden. Doch welchen soll man nehmen?

Welchen Begriff könnte man nehmen?

Variante 1: Mitteldeutschland. Der MDR geht da ja schon gut voran. Zur Wahrheit gehört aber auch, für Sachsen ist das schon sehr schmeichelhaft und wir warten schon auf die Beschwerden der ausgegrenzten Hessen, die da deutlich mehr in der Mitte liegen. Historisch gesehen war allerdings bei der Erstgründung des Mitteldeutschen Rundfunks 1924 Sachsen wirklich noch mittendrin. Und Braunschweig und Teile Preußens gehörten auch zum Empfangsgebiet.

Variante 2: Ostdeutschland. Das Schmuddelkind unter den Alternativbegriffen. Auch wenn im Osten die Sonne aufgeht, so richtig helle klingt das irgendwie nicht. Der Begriff "Osten" hat den Touch des Abgehängten, desjenigen, der noch was aufholen muss. Anatolien da, Sibirien dort, bei uns ist es der Osten halt. Dabei liegt Bayreuth viel östlicher als Erfurt, wie große Teile Bayerns sowieso östlich von Thüringen liegen.

Variante 3: Irgendwas Neues, Hippes, Aufstrebendes. Neubundesländer im positiven Sinne, das Silicon Valley der Bundesrepublik.

Variante 4: Nichts. Gar nichts. Ersatzlos streichen. Die Länder heißen Thüringen, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern und werden auch so bezeichnet. Das kann aber ganz schön lang werden, wenn deren gemeinsame Probleme diskutiert werden. Denn Sprache unterscheidet mit Begriffen, wenn Unterscheidungen nötig sind. Und Sprache gruppiert. Zum Beispiel manchmal auch in "Stadtstaaten" oder "Flächenländer".

Wann wird der Begriff verschwinden?

So lang das eigentlich ja juristische "Beitrittsgebiet" noch Probleme hat, die für dieses Beitrittsgebiet zu regeln sind, wird eben auch ein Begriff gebraucht, der für diese fünf Bundesländer steht.

Professor Eckhard Meineke für Geschichte der Deutschen Sprache

Bedeutet: Wenn die Probleme weg sind, wird auch der Begriff verschwinden. Von "Zonenrandgebiet" spricht auch kein Mensch mehr, das Thema war nach der Wiedervereinigung durch. Auch andere Begriffe sind über die Jahrhunderte verschwunden und keiner weint ihnen mehr eine Träne nach. So wie der Zähre zum Beispiel, die nicht einmal mehr von der Rechtschreibhilfe erkannt wird. Die Zähre stand nämlich früher für "Träne", so Professor Meineke.

Wörter veralten. Manche bleiben durch die gewisse literarische Kenntnisse noch erhalten, wie zum Beispiel "Minne" für Liebe. Sie sind aber aus dem Sprachgebrauch völlig raus.

Professor Eckhard Meineke für Geschichte der Deutschen Sprache

Aber kann man von einer Gesellschaft auch "verlangen", Begriffe nicht mehr zu verwenden? Ja, sagt der Sprachwissenschaftler und nennt Beispiele wie "Neger" oder "Sonderbehandlung", die nicht mehr zu einer "politisch korrekten Sprache" gehören, weil sie eben mit dem Missachten von Menschenrechten verbunden sind. Oder gezielt gebraucht wurden, um die Missachtung zu verharmlosen.

Aber das trifft bei dem Begriff "neue Länder" ja nun nicht gerade zu. Und die "Sonderbehandlung"? War da mal was? Ja! Damit wurde von den Nazis die Vernichtung der Juden sprachlich geschönt. Aber das wissen nur noch wenige. Auch "Jedem das Seine", die Lagertorinschrift von Buchenwald, hat es schon wieder in Veröffentlichungen geschafft, weil die Kenntnis über die eigene Geschichte über die Jahre eben auch verblasst. Leider, so Professor Meineke.

Das ist ein Generationsproblem. Unlängst wurde bekannt, dass 40 Prozent unserer jungen Leute nichts mehr mit den Dingen rund um Auschwitz anzufangen wissen. Das heißt nach 70, 80, 100 Jahren geht das Wissen langsam zu Grunde, wenn es nicht gepflegt wird. Von daher kommt ein Wort wie "Sonderbehandlung" wieder zum Zuge, nachdem es in den 1950er-, 60er- oder 70er-Jahren überhaupt nicht gebraucht werden konnte.

Professor Eckhard Meineke für Geschichte der Deutschen Sprache

Einige Wörter verschwinden aus dem Sprachgebrauch

Andere Wörter sind harmlos, bleiben aber wohl trotzdem dauerhaft verschwunden. So gab es früher die Unterscheidung zwischen dem Onkel mütterlicherseits (Oheim) und dem Onkel väterlicherseits (Vettere). Das lag an den unterschiedlichen rechtlichen Verhältnissen. Denn dem Bruder einer ledigen oder verwitweten Frau konnte die Vormundschaft übertragen werden, was dann auch rechtliche Folgen für deren Kinder hatte. Nach der Angleichung dieser Verhältnisse war eine Unterscheidung nicht mehr nötig, der französische "Onkel" hat sich durchgesetzt. Die beiden anderen Begriffe sind hingegen längst verschwunden.

Und diesen Weg könnte auch der Begriff "neue Bundesländer" nehmen, so der Sprachhistoriker. Wenn nämlich die Verhältnisse so sind, dass kein Wort mehr für die Unterscheidung gebraucht wird. Doch so lange es Zahlen (Ost) und Zahlen (West) gibt - Stichwort Rentenwert, Beitragsbemessungsgrenze, Löhne und Gehälter, wird es auch den Begriff geben.

"Vereinter Niedriglohnsektor" wäre also auch noch eine Möglichkeit, schließlich stehen wir laut Statistischem Bundesamt alle fünf vereint am Ende der Lohntabelle. Aber da klingt "neue Länder" dann doch etwas schöner. Vielleicht geht ja der Prozess der Abschaffung irgendwann schleichend über den Zusatz "ehemalig" oder "ehemals". Auf die DDR folgte die schließlich zunächst auch die "ehemalige DDR", später erst verdrängt durch die "neuen Länder". Und irgendwann sind wir vielleicht die "ehemals neuen Länder". Aber das klingt irgendwie doch auch etwas renovierungsbedürftig…

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 04. Februar 2019 | 16:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 06. Februar 2019, 10:44 Uhr

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2 Kommentare

06.02.2019 22:25 Burkhard Picker 2

Tolle Frage! Die Sprache unterliegt einer Dynamik. Sie wird Begriffe wie "neue Länder" auch wieder los. Darum schert man sich garnicht. Wenn, wie der Prof. sagte, die Gründe der Unterscheidung weg sind, ist derBegriff obsolet. Allerdings mutmaße ich, auch in 100 Jahren wird ein Rest Unterschied noch da sein. Und ehrlich uns hängt unsere Geschichte doch mindetens 150 Jahre an. Beispiele dafür gibt es genug.

06.02.2019 01:09 part 1

Weil die nachfolgende Generation nicht mehr mit wöchentlichen DDR-Bashing konfrontiert werden muß aus den ÖR-Medien, sie werden dann mit ihren eigenen gesellschaftlich Problemen zu kämpfen haben, egal ob im Ruhrgebiet oder der Lausitz. Auch wenn hier nur Begrifflichkeiten behandelt werden, so sind diese auch prägend, zumindest in der Geschichtsschreibung, die immer sehr einseitig behandelt wird, gell.