Der Redakteur | 02.05.2019 Sind quietschende Gitarrensaiten gewollt?

Unser Hörer Gerhard Zenker aus Weißensee hat eine Frage zum Thema Musik. Oft erzeugen Gitarrenspieler eine Art Quitschen, wenn sie mit einem Finger über eine Saite gleiten. Herr Zenker fragt: Wenn es beim Umgreifen im Gitarrensolo quietscht, ist das ein Qualitätsmerkmal oder ein Versehen? Unser Redakteur für Hörerfragen - Thomas Becker - hat nachgefragt.

von Thomas Becker

Bei diesem Thema gehen die Meinungen auseinander und es spaltet auch die Welt der Gitarrenspieler. Die einen wollen den reinen Klang. Diese sind meistens eher in die Gruppe der klassischen Gitarrenspieler einzuordnen und sie bekommen Ohrenschmerzen, graue Haare und einen dicken Hals, wenn es quietscht. Auch haben die Freunde des sauberen Tons verschiedene Ansätze, das Quietschen zu verhindern. In der "Schule der Gitarre" von Abel Carlevaro, der in Uruguay geboren wurde und bis zu seinem Tod 2001 in Deutschland lebte und lehrte, kann man lesen, dass man auf die Technik des "Führungsfingers" verzichten soll, dann würde die Hornhaut gar nicht erst entstehen auf den Fingerkuppen, die Carlevaro für das Quietschen verantwortlich macht.

Aber auch beim Auflegen des Fingers auf die Saite gibt es zwei Seiten, den Finger selbst nebst Hornhaut und eben die Saite. Und wenn man dann beim Versetzen des Fingers im Kontakt mit der Saite bleibt, dann entsteht dieses typische Quietschen, das sich technisch ganz einfach erklären lässt. Denn die Gitarrensaite ist mehr als nur ein "Draht" oder eine "Angelsehne". Zumindest im Bereich der tieferen Töne. Ab Saite 4 von unten gezählt, wird es komplexer bei der Herstellung. Da reicht "ein Draht" nicht mehr aus.

Eine Saite besteht vereinfacht ausgedrückt aus einem Saitenkern und einer Umspinnung und diese ist zunächst immer ein Runddraht.

Uwe Prüßner, Produktmanager des Saitenherstellers Hannabach

Salopp gesagt ist das so, als würden Sie einen Strick um einen Stock wickeln. Es entsteht keine glatte Oberfläche, sondern eine "Berg- und Tal"-Struktur, die letztlich für das Quietschen verantwortlich ist, wenn man mit dem Finger darüber gleitet.  Es ist also meistens die linke Hand, "die quietscht".

Nun gibt es technische Möglichkeiten bei der Saitenherstellung, diese Geräusche zumindest zu minimieren, indem man die "fertig gewickelte" Saite abschleift, aber für den Rest des quietschfreien Klanges muss der Musiker dann doch wieder selbst sorgen. Wenn er denn eine solche Saite überhaupt will, denn es geht dabei immer ein wenig Brillanz verloren und Dynamik, das Ganze klingt etwas dumpfer und man wird eben dann einiger Möglichkeiten beraubt, die als Stilmittel durchgehen. Oder auch als Ausdruck der "Rebellion" wie in den 1960er-Jahren,  als die Musik etwas wilder wurde, so sieht es Uwe Prüßner und er kann sich durchaus daran erfreuen, wenn auch nicht in jedem Falle. Auch der Gitarrenlehrer  und Profimusiker Karl Epp ist ein wenig gespalten, was das Quietschen angeht.

Unsere Ohren sind auf Perfektion getrimmt. Wir leben in einer digitalen Welt, in der alles immer glatter wird. Man sehnt sich nach dem menschlichen Faktor. (…) Das ist wie an Atmen eines Sängers, ein Klappengeräusch eines Saxophonisten. Das sollte aber natürlich nicht zu dominant sein.

Karl Epp, Gitarrenlehrer und Profimusiker aus Weimar
Musikhochschule Franz Liszt in Weimar 6 min
Bildrechte: imago/Karina Hessland

Auch darf es kein Zufall sein, wenn es quietscht, sondern es muss eben gewollt als Stilmittel eingesetzt werden können. Das setzt voraus, dass man es auch ohne kann. Und bei einem Musikwettbewerb junger Musiker wird wohl auch der im Vorteil sein, der das gleiche Stück sauberer spielt, so Karl Epp. Und nicht etwas nur bei Bach könnte das Quietschen unpassend sein, auch bei Rock und erst recht, wenn man an der Popakademie in Mannheim studiert. Das ist sozusagen der Gegenentwurf zur Weimarer Musikhochschule "Franz Liszt". Die angehenden Gitarristen dort bekommen es mit Michael Koschorreck zu tun.

Gerade wenn man Musik hat, die leise sein soll und man eben die Stille 'hören' soll, dann ist ein Quietschen etwas, das man vielleicht rausschneidet.

Dozent Michael Koschorreck, Popakademie Mannheim

Aber es ist auch schon vorgekommen, dass das Quietschen am Ende extra hineingeschnitten wurde in einen produzierten Song, so Michael Koschorreck. Oder noch schlimmer, dass es gar nicht von einer Gitarre stammt, sondern künstlich erzeugt wurde. Es ist also ein bisschen wie mit den Jeans, die im Laden schon zerrissen angeboten werden. Wo es stilistisch hinpasst, ist alles gut. In der Oper aber vielleicht lieber doch nicht.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 02. Mai 2019 | 16:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 02. Mai 2019, 18:47 Uhr

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