Der Redakteur | 22.11.2019 Warum heißt es Samstag oder Sonnabend?

Die Frage zum Freitag kommt von Thomas Clemens aus Bad Langensalza. Er möchte heute wissen, wo, wann und warum wir Samstag bzw. Sonnabend sagen? Unser Redakteur Thomas Becker hat dazu recherchiert.

Kalender
Im Kalender, in Fahrplänen und im täglichen Gebrauch hat der Samstag die Oberhand. Bildrechte: Colourbox

Es gibt tatsächlich eine Art "Samstags-Äquator" in Deutschland, der von der anderen Seite gern "Sonnabend-Äquator" genannt wird. Es gilt die Grundregel, je südlicher, desto samstags. Zunächst erklärt sich die Verbreitung dadurch, dass sich in Süddeutschland der "Tag des Saturn" aus Griechenland kommend mit der Missionierung entlang der Donau durchgesetzt hat. Die romanischen Sprachen haben Entsprechungen, das Hebräische יום שבת = schabbath ist ähnlich, wir kennen den "Суббота" aus dem Russischunterricht und alles geht auf das griechische "Sambaton", bzw. "Sabbaton" zurück.

Der Sonnabend hingegen stammt aus dem Altenglischen und begrenzte sich ursprünglich auf den Vorabend des Sonntags. Irgendwann wurde die Bezeichnung dann auf den kompletten Tag ausgedehnt. In der DDR hieß es auch offiziell Sonnabend, weshalb wir mitunter etwas fremdeln mit dem Samstag. Überraschenderweise spricht auch das BGB an mindestens einer Stelle vom "Sonnabend":

(…)  fällt der bestimmte Tag oder der letzte Tag der Frist auf einen Sonntag, (…) oder einen Sonnabend, so tritt an die Stelle eines solchen Tages der nächste Werktag.

BGB § 193 Sonn- und Feiertag; Sonnabend

Wie der Samstag Deutschland eroberte

Warum hat sich aber trotzdem nun - gefühlt - der Samstag durchgesetzt in Deutschland? Also auch in den Kalendern (man denke an die Abkürzung Sa und So), Fahrplänen, im täglichen Gebrauch und sogar im Radio? Findet hier ein regionaler Identitätsdiebstahl statt?

Scrabbel-Buchstaben legen die Worte Samstag und Sonnabend 8 min
Bildrechte: MDR / MCS

Ein Tag, zwei Worte. In Deutschland gilt, je südlicher, desto samstags. Sozialwissenschaftler Jürgen Rinderspacher hat zum Thema ein Buch herausgegeben.

MDR THÜRINGEN - Das Radio Do 21.11.2019 16:50Uhr 07:36 min

https://www.mdr.de/mdr-thueringen/audio-samstag-sonnabend-interview-rinderspacher-100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Audio

Es ist viel einfacher und profaner. So gibt es zum Beispiel im "Sonnabendland" Radiosender, die Ihre Moderatoren anhalten, stets von "Samstag" zu sprechen, weil es akustisch einfach besser unterscheidbar ist vom Sonntag als der Sonnabend und erst recht der Sonnabend-Abend. Aber diese sprachliche Feinheit ist auch nicht der Grund für den Siegeszug des Samstags.

Dieser liegt in der Gewerkschaftsbewegung der 1950er-Jahre in der alten Bundesrepublik. Da ging es u.a. um die 5-Tage-Woche, so der Sozialwissenschaftler Jürgen Rinderspacher, der zum Thema ein ganzes Buch herausgegeben hat: "Der Samstag. Über Entstehung und Wandel einer modernen Zeitinstitution"

Das ist – glaube ich – nicht wirklich eine politische Frage, sondern Folge der Traditionen der Arbeiterbewegung, die stark über die IG-Metall verbreitet worden sind in der Samstagsfrage in Westdeutschland. Und die IG-Metall ist eben in Baden-Württemberg und NRW stark verbreitet. Und da heißt es eben Samstag.

Jürgen Rinderspacher, Institut für Ethik und angrenzende Sozialwissenschaften, Uni Münster

"Samstags gehört Vati mir"

Salopp gesagt wurden die Plakate der IG-Metall im Samstagsland gemalt und in die Tagesschau-Kameras gehalten. Und da stand in den 50er Jahren zum Beispiel der Slogan drauf: "Samstags gehört Vati mir." Und so etwas verbreitete sich auch ohne Social Media schnell in der ganzen Bundesrepublik, einschließlich Westberlins. Und den Interessenten war die Errungenschaft eines zusätzlichen freien Tages wichtiger, als eine sprachliche Befindlichkeit.

Aber egal, wie wir den Tag heute nennen, wirklich geschützt ist diese relativ neu errungene Freizeit immer noch nicht, was Jürgen Rinderspacher sehr bedauert. Er sagt, dass etwa ein Viertel der Arbeitnehmer samstags regelmäßig arbeitet und wenn die unregelmäßig Arbeitenden noch hinzukommen, sind es sogar 30 bis 40 Prozent.

Kinderprotest: Samstag gehört Papa mir
Der Kampf der Gewerkschaften um einen zweiten arbeitsfreien Tag in der Woche hat den Samstag geprägt. Bildrechte: dpa

Das Wochenende könnte schon Freitag beginnen

Wir sollten das Wochenende als zeitliches Biotop auch gesetzlich schützen. Aber ich sehe momentan weder eine Partei und nicht einmal die Gewerkschaften, die sich dafür stark machen würden. Das ist das Problem.

Jürgen Rinderspacher, Institut für Ethik und angrenzende Sozialwissenschaften, Uni Münster

Er verweist auf die Belastung unter der Woche von Montag bis Freitag, die ständig steigt und möchte das gern einbetten in die Diskussion um die Industrie 4.0 und die Frage: Wie regeln wir die Arbeitszeit unter den neuen technologischen Voraussetzungen neu? Und wenn wir das tun, dann bitte auch gleich noch mit über den Freitag nachdenken! Ganz ehrlich, dass ausgerechnet der Freitag ein Arbeitstag ist, das geht doch nun wirklich nicht!

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 21. November 2019 | 16:50 Uhr

1 Kommentar

Atheist vor 43 Wochen

Ich kann mich noch an eine Zeit erinnern als Vati, Mutti, Kind am SONNABEND bis Mittag auf Arbeit und in der Schule waren!
Scheint so man will bewusst unsere Generation vergessen und uns die Geschichte der Bundesrepublik einhämmern.
Nein, wir hatten andere Sorgen als „Samstag gehört Vati mir“ weil wir auch arbeitende Muttis hatten.