Der Redakteur | 17.05.2019 Warum gibt es keinen Sendeschluss und kein Testbild mehr?

von Thomas Becker

Zunächst klingt das überzeugend. Alle machen um 23 Uhr das Licht aus und um 6 Uhr wieder an. Fernsehanstalten und Zuschauer gleichermaßen. Wir sparen Strom und CO2 und tun etwas für unser ökologisches Gewissen. Doch so einfach ist das leider nicht.

Einerseits gibt es tatsächlich eine ganze Reihe von Menschen, die auch einen Anspruch haben auf ein Programm, weil ihr Nacht-/ Tagrhythmus einfach nur ein anderer ist. Es sind sicher nicht so viele, dass sich reihenweise Live-Sendungen lohnen würden, aber Wiederholungen vom Thüringenjournal des Vortages zum Beispiel kosten bestenfalls nichts. Die Automatische Sendeabwicklung macht es möglich, einmal programmiert arbeitet sie ihren Sendeplan ab und nur wenn sie nicht mehr weiter weiß, ist der Notfalltechniker gefragt, der nachts im Funkhaus Dienst hat. Und selbst wenn man trotzdem ohne Rücksicht auf die Nachtschwärmer den Sendebetrieb einstellen und weder Bild noch Ton nach draußen schicken würde, bedeutet das nicht, dass sich dann auch die energieintensive Folgetechnik schlafen legt. Da sind nämlich viele externe Dienstleister dabei, die das Signal weiterverbreiten. Stichwort Sendemastbetreiber, Kabelbetreiber, Streamingdienste, Satellitenanbieter usw. Diese ganzen Systeme verarbeiten zudem nicht nur die Signale der Fernsehsender, sondern auch Radiosignale, die Signale von Funkdiensten, Datendiensten usw. und sie werden kaum ihre Systeme herunterfahren, nur weil das MDR-Fernsehen nachts schlafen will. Zumal dann das erforderliche Hochfahren sämtlicher Systeme ziemlich aufwändig wäre. Alleine schon aus Fernsehsicht.

Ein Herunterfahren würde bedeuteten, dass dann sämtliche technischen Werte neu eingemessen werden müssten.

Susanne Waldemeyer Redaktionsleiterin Programmkoordination MDR Fernsehen

Und damit müsste man sozusagen fast schon vor Sendeschluss beginnen, wenn man früh wieder senden möchte und eine ganze Armada von Technikern müsste nachts durcharbeiten. Und die wären ganz gewiss nicht mit Kerze und Rechenschieber unterwegs. Soll heißen: Der Stromspareffekt vom Abschalten würde sich ganz schnell ins Gegenteil kehren. Und der "Schnee von gestern" als nächtliches Fernsehbild stammt aus der Zeit vor der Erfindung der automatischen Sendeabwicklung. Also selbst das Wiederholen von Inhalten war deutlich aufwändiger gewesen als heute. Ein Beispiel dafür waren die technischen Sendepausen und Umschaltzeiten zum Beispiel von einer ARD-Sendeanstalt zur anderen durch das "Umzünden" von Richtfunkstrecken der Bundespost. Und die haben länger gedauert als so manche Sendung von heute.

1954 gab es die gute Nachricht, dass die Umschaltzeit von 15 auf 5 min verkürzt werden konnte. Was für ein Fortschritt. Und dann gab es noch den "Genfer Wellenplan" fürs Radio, der auch zur nächtlichen Zwangsruhe führte. Da nämlich die Radiofrequenzen weltweit mehrfach belegt sind, können Überreichweiten bei Doppelbelegungen der gleichen Frequenz zu einem ungewollten Mix führen. Eine Frequenz, zwei Sender. Das klingt nicht gut. Diese Überreichweiten treten besonders bei Nacht auf und deshalb hatten bestimmte Senderfrequenzen nachts Sendeschluss. Stecker raus und Ruhe ist's. Was für eine wundervolle Vorstellung in unserer lauten Welt. Und den Freunden des Sendeschlusses kann geholfen werden, besonders denen, die das gute alte Testbild schätzen. Vorab: Sie sind nicht alleine. Es gibt international eine ganze Reihe von Menschen, die Testbilder sammeln. Und wir reden da von vielen tausend Testbildern, die die Fernsehsender dieser Welt im Laufe der Zeit angehäuft haben. Herbert Kalser, Lehrer und Testbild-Sammler aus Österreich, ist sozusagen als Kind infiziert worden. Als österreichischer "Ossi" hatte er nur ORF 1 und ORF 2 im Angebot, von ARD und ZDF war der Osten Österreichs genauso weit entfernt wie der Osten Sachsens. Stattdessen waren Programme aus der CSSR und aus Ungarn zu sehen und die hatten auch eigene Testbilder mit komischen Streifen und Kreisen.

Es gab in Österreich die Initiative 'Rettet das Testbild!', das sagt auch einiges über unser Fernsehprogramm aus.

Herbert Kalser Lehrer und Testbild-Sammler aus Österreich

Heute hat er viele tausend Testbilder in seinem digitalen Archiv und die aus seiner Sicht schönsten auf seiner Internetseite. Mehrere hundert Mal am Tag wird die Seite aufgerufen, obwohl er aus Zeitgründen lange nichts Neues hochgeladen hat. Ein bisschen Fernsehromantik ist da ganz sicher dabei, auch was den Sendeschluss betrifft. Schließlich wurde der schon zelebriert, noch bevor der KiKa Bernd das Brot in seine Dauerschleife geschickt hat. Fernsehansager wünschten eine gute Nacht, Kuhlenkampff erzählte Gute-Nacht-Geschichten und die Nationalhymne wurde gespielt. Auch im Radio übrigens zum Sendeschluss. Das war in Österreich nicht anders als in der DDR oder in der alten Bundesrepublik. In der ARD, also im Ersten würde dieses Ritual übrigens in gut einem Jahr seinen 35.Geburtstag feiern.

Das Gemeinschaftsprogramm der ARD-Landesrundfunkanstalten Erstes Deutsches Fernsehen strahlt, beginnend mit dem heutigen Verfassungstag, täglich zum Sendeschluß die Nationalhymne aus. Vorgesehen sind verschiedene musikalische Fassungen mit Text, der entweder gesungen wird oder im Schriftbild zu sehen ist.

Pressemitteilung der ARD zum 23.05.1985

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 17. Mai 2019 | 16:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 17. Mai 2019, 15:50 Uhr

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1 Kommentar

19.05.2019 12:05 part 1

...schon vergessen oder nie gewusst...wenn früher der Fernseh- Techniker kam wegen einem Defekt am Gerät, hat er das Testbild dazu benutzt um die Bildschirmparameter am Röhrenfernseher neu einstellen zu können...