Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken stehen nach der Bekanntgabe des Ergebnisses der Abstimmung zum SPD-Vorsitz im Willy-Brandt-Haus auf dem Podium.
Die SPD-Mitglieder stimmten für Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken als neue Vorsitzende. Bildrechte: dpa

Der Redakteur | 02.12.2019 Was ist besser an der Parteispitze: Erfahrung oder frischer Wind?

Im Zuge der SPD-Entscheidung will Philipp Bergmann wissen: "Gefährden unsere Parteien nicht die Demokratie, wenn sie Leute an die Spitze heben, die für Spitzenämter vielleicht gar nicht qualifiziert oder geeignet sind?"

von Thomas Becker

Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken stehen nach der Bekanntgabe des Ergebnisses der Abstimmung zum SPD-Vorsitz im Willy-Brandt-Haus auf dem Podium.
Die SPD-Mitglieder stimmten für Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken als neue Vorsitzende. Bildrechte: dpa

Der frische Wind - viel zitiert in diesen Tagen, und das noch im Herbst. Da will ihn keiner, in der Politik soll er es richten. Um im Bild zu bleiben, der SPD weht der Wind schon eine ganze Weile ins Gesicht. Nun hat man in einem aufwändigen Verfahren unter einer nicht gerade berauschenden Beteiligung der Mitglieder ein Vorsitzenden-Pärchen gewählt, das vielleicht eine andere Zusammensetzung gehabt hätte, wenn die beiden Kandidaten hätten einzeln ausgesucht werden können.

Nun sieht der Parteienforscher aber trotzdem nicht gleich die Demokratie gefährdet, wenn Parteien etwas ausprobieren, einschließlich unerfahrenen Personals. Immerhin hat der Wähler die Wahl, es gibt schließlich noch mehr Parteien.

Die werden voneinander lernen und sich das anschauen. Die SPD ist in einer schwierigen Lage, aber ich würde daraus keine pessimistische Prognose für die Parteienlandschaft insgesamt ziehen.

Dr. Gregor Zons Parteienforscher Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

Im schlechtesten Fall liefert die SPD ein Beispiel, wie man es nicht machen sollte. Das ist ja schon einmal ein wichtiger Erkenntnisgewinn für alle. Dummerweise scheint die SPD bei der Suche nach Vorsitzenden zuletzt immer die Wege gewählt zu haben, die nicht sonderlich weit führen. Damit sind wir direkt bei der Frage, wie denn die perfekte Person aussieht, die eine Partei führen sollte oder ein herausragendes politisches Amt bekleidet?

Gregor Zons arbeitet gerade an einem Forschungsprojekt, das genau diese Karrierewege in den unterschiedlichsten Parteien untersucht.

  • Wie kommt man nach "oben"?
  • Wie werden Posten besetzt?
  • Was für Karrieren gab es zuvor?
  • Welche Expertisen haben die Kandidaten?
  • Welche Wege nehmen die Parteien in den unterschiedlichen Ebenen, ihre Kandidaten für die Wahlen zu finden?

Alle diese Fragen führen auch zu der Frage nach dem Ideal. Und wie wichtig ist es, dass der oder die Neue über ausgewiesenes Expertenwissen verfügt? Muss also ein Parteichef schon mal Chef von irgendwas gewesen sein? Muss ein Verkehrsminister mehr haben als nur den Führerschein?

Man muss kein Spezialist sein. Ein Kultusminister muss nicht Berufsschullehrer gewesen sein. Sondern man muss die Fähigkeit besitzen, Tatbestände rasch zu erfassen und Kompromisse, wie sie täglich geschlossen werden müssen, sinnvoll herbeizuführen.

Dr. Bernhard Vogel (CDU), ehemaliger Ministerpräsident von Thüringen

Als Führungskraft sollte man schon mehr als ausprobiert haben. Das Expertenwissen eines Ministers zum Beispiel ist in seinem Ministerium in Form von Fachbereichen und Beamten vorhanden. Die Frage ist nur, ob man in der Lage ist, ihnen zuzuhören und nach dem Abwägen die richtigen Schlüsse zu ziehen. Auch dann noch, wenn aus anderen Fachbereichen oder Ministerien andere Argumente kommen.

Bernhard Vogel, CDU
Der einstige Thüringer Ministerpräsident Bernhard Vogel Bildrechte: imago/Rainer Unkel

Auch das Redenhalten ist wichtig, so der Parteienforscher und die Vernetzung innerhalb der Partei. Es gibt auch hier immer verschiedene Ansichten und Strömungen, die man einen muss: zuhören, vermitteln und entscheiden - und das am Ende auch für alle nachvollziehbar begründet. Denn letztlich muss ein Parteitag, eine Fraktion oder ein Parlament überzeugt davon sein, sonst wird es schwer mit der Zustimmung. Mehrheiten organisieren können ist die ganz dicke Überschrift, die Bernhard Vogel und Gregor Zons gesetzt haben. Und: Bernhard Vogel würde für den Weg nach oben zum Parteivorsitz die Leiter empfehlen, weniger den Lift. Und zwar Stufe für Stufe:

Von einem Kommunalparlament, über ein Landesparlament, den Bundestag oder auch umgekehrt. Indem man bereits in anderen Funktionen Erfahrungen und Fähigkeiten gesammelt hat und sich vielleicht auch den einen oder anderen zum Vorbild genommen hat, an dem man sich ausrichten kann.

Dr. Bernhard Vogel (CDU), ehemaliger Ministerpräsident von Thüringen

Irgendwie drängen sich nämlich Vergleiche auf, die vielleicht etwas drastisch daherkommen. Der Flug mit dem Flugzeug, der Schnitt des Chirurgen, der Klempner an der Gasheizung… setzen wir da auf den Erfahrenen oder wählen wir lieber den frischen Wind? Bernhard Vogel jedenfalls war "erschrocken" angesichts des Urwahl-Ergebnisses der SPD und sorgt sich um deren Gesamtzustand. Nicht aus Mitleid mit dem kleinen Bruder, sondern weil er es für wichtig hält, dass es zwei leistungsfähige Volksparteien gibt.

Der Parteienforscher war mit dem Verweis auf die erstarkten Grünen diesbezüglich etwas entspannter. Und deren Spitzenpersonal ist ja genau genommen auch noch aus der Abteilung "frischer Wind" - und besonders Robert Habeck wurde schon fast als Kanzler gehandelt. So schnell kann sich der Wind eben auch drehen.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 02. Dezember 2019 | 16:50 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 02. Dezember 2019, 18:38 Uhr

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