Voller Einkaufswagen an einer Supermarktkasse
In die Stadt oder Online? Bildrechte: imago/Geisser

Der Redakteur | 12.06.2019 Wie viele alteingesessene Geschäfte gibt es in Thüringen noch?

Regina Schippers aus Friedrichroda möcht wissen, wie viele alteingesessene Geschäfte es in Thüringen noch gibt, die schon 100 Jahre alt oder älter sind?! Und wie deren Überlebens-Chancen stehen?

von Thomas Becker

Voller Einkaufswagen an einer Supermarktkasse
In die Stadt oder Online? Bildrechte: imago/Geisser

Es gibt sie noch, die guten alten Läden in Thüringen, die teilweise in der vierten oder fünften Generation geführt werden und allen Widrigkeiten getrotzt haben. Den harten Zeiten vor und nach den Kriegen, dem Sozialismus, dem Kapitalismus und dem Internet. Bisher, denn das scheint das größte Problem in unserer schnelllebigen Zeit zu sein.

Wenn ich bequem am Handy bestellen kann, wozu soll ich dann noch in die Stadt gehen, zumal es dort auch noch teurer ist und nicht einmal vorrätig? Das ist die eine Seite des Problems, die andere Seite ist der fehlende Nachwuchs. Es gibt immer weniger Menschen, die den Mut haben, in einer schwierigen Zeit in einem schwierigen Umfeld ins Risiko zu gehen. Aber auch das ist die Erkenntnis des heutigen Tages: Nicht einmal fünf Töchter sind ein Garant dafür, dass sich eine Nachfolgerin für den familieneigenen Schuhladen findet.

Frauenhand mit Zigarre
Bestellen oder im Laden aussuchen? Bildrechte: colourbox.com

Positiv ist, wir haben sie noch, die 100-jährigen Textilgeschäfte in Thüringen, die Läden, die "von der Schraube bis zum Kamm" so ziemlich alles anbieten, und wir haben das Hutgeschäft in Eisenach, das es schon im 19. Jahrhundert gab und noch immer gibt. Oder das Zigarrengeschäft in Schleiz, das in einer Nische zu Hause ist, die immer kleiner zu werden scheint. Was aber tun, wenn die Cohiba per Mausklick geordert werden kann, und der Online-Schuhhändler alles zur Auswahl schickt und das auch noch kostenlos? Was kann ich tun, wenn der Anteil des Onlinehandels im Spielzeugmarkt wächst und wächst und in meinem alteingesessenen Fachgeschäft verstauben die Kartons?

Wenn es ein Patentrezept gehen würde, dann hätten wir das Problem nicht. Interessant ist aber, dass es immer wieder Städte gibt, die einen Weg gefunden haben. Und solche Lösungen sind auch in kleineren Städten möglich, wie wir sie in Thüringen haben. Selbst dann, wenn man eine größere Stadt in der Nähe hat, die wie ein Magnet die Kaufkraft abzieht. Denn darum geht es nach wie vor!

Das Hauptmotiv in die Stadt zu kommen, ist das Einkaufen.

Boris Hedde Institut für Handelsforschung Köln

Und das ist überall so, in großen Städten, in mittleren und in kleinen. Und wenn man wie die Stadt Langenfeld in NRW, gelegen zwischen Köln und Düsseldorf, als Handelsplatz eigentlich gar keine Chance hat, muss man versuchen, wenigstens die eigenen Bürger zu halten. Ein wichtiges Element dabei ist ein Park- und Bonussystem, das es allen Bürgern der Stadt ermöglicht, unkompliziert und letztlich kostenlos sämtliche Parkhäuser zu benutzen.

Die Verwaltung möchte eine verkehrsberuhigte Innenstadt, der Handel genau das Gegenteil. Denn so lange wir keine anderen Systeme haben, ist der Kofferraum ein großes Gut. Große Tüten passen am besten in den Kofferraum.

Boris Hedde Institut für Handelsforschung Köln

Alternativ zum Kofferraum gäbe es noch die Möglichkeit, die eingekauften Waren nach Hause liefern zu lassen. Das kann natürlich nicht jeder Einzelhändler alleine stemmen. Aber wie wäre es mit einem zentralen Punkt in der Stadt, an dem man seine Tüten abgeben oder zwischenlagern kann, ein gemeinsamer Lieferant für alle Läden in der Stadt?

Außerdem wäre es ganz schön, wenn die Kinder mal eine Weile glücklich beschäftigt wären und beim Kleiderkauf nicht zwischen den Beinen herumwuseln. Wo aber ist das Bälle-Paradies in der Innenstadt? Es könnte ja genau dort sein, wo ich auch meine Einkaufstüten abgeben kann. Und auch das ist eine wiederkehrende Erkenntnis der Experten vom Institut für Handelsforschung in Köln: Jeder Standort hat sein eigenes Profil und seine eigene Zielgruppe und für die muss das richtige Angebot gefunden werden.

Ganz wichtig sind auch abgestimmte und vor allen Dingen verlässliche Öffnungszeiten. Auch da müssen sich alle in der Innenstadt an einen Tisch setzen. Und "alle" sind nicht etwa nur Läden und Gaststätten. Dazu gehören zum Beispiel Dienstleister, Kultureinrichtungen und sogar die Ärzte. Getreu dem Motto: Wenn ich einmal in der Stadt bin, dann kann ich auch noch mehr erledigen. Oder eben etwas erleben.

Das Denken muss weggehen vom reinen Verkaufen hin zu der Frage, was will der Kunde in der heutigen Zeit und in der Stadt? Das Stichwort "Kundenbindung" fiel dabei mehrfach und das "Anreize schaffen", nur das ist ein langwieriger Prozess, der aber eigentlich zu den Traditionsbetrieben passt. Zum Beispiel  wenn man - wo es geht - gleich mehrere Generationen anspricht und so letztlich auch an sich bindet.

Boris Hedde nennt das Beispiel eines Spielwarengeschäfts, das auch schon über 100 Jahre alt ist. Eigentlich ist es fast chancenlos in einem Bereich unterwegs, der Online am meisten wächst. Spiele kauft man heute im Internet oder dort, wo der Spiel-Spaß zu Hause ist.

Es wurden Abendveranstaltungen gemacht für die Eltern. Spieleabende für die Männer mit Dart-Wettbewerben oder Billard. Auf diese Weise wurde eine Bindung zu den Leuten aufgebaut. Und das ist auch eine Aufforderung an alle Händler: Weg vom Produkt, hin zum Kunden und da tun sich viele schwer.

Boris Hedde Institut für Handelsforschung Köln

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 12. Juni 2019 | 16:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. Juni 2019, 15:45 Uhr

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4 Kommentare

14.06.2019 13:13 Lydia 4

Vielleicht kann sich noch Jemand an die Kinderwagenaufbewahrung des Centrum Warenhauses in Erfurt erinnern. Dort haben super nette Mitarbeiterinnen nicht nur auf den Kinderwagen aufgepasst, sondern auch auf volle Einkaufstüten.
Jetz erfinden wir mal wieder das Fahrrad neu.

14.06.2019 08:55 Thüringer 3

[Kommentar gelöscht, da keine funktionierende Mailadresse angegeben – Sie hatten Post von uns bekommen, d.Red.]