Der Redakteur | 18.03.2019 Was steckt hinter den Upload-Filtern, gegen die derzeit demonstriert wird?

Video im Internet hochladen? Fehlanzeige! Upload-Filter verhindern das. Doch wozu gibt es sie und warum rufen sie derzeit soviel Protest hervor? Das möchte unser Hörer Alexander Hoyer aus Erfurt wissen.

von Thomas Becker

Wir erinnern uns noch gut an die "gute alte Zeit". Da hatten wir die Hand an der Pausentaste des Kassettenrecorders und haben fleißig die Musik aus dem Radio mitgeschnitten. Gedacht war das schon damals anders. Nämlich so, dass sich der Musikliebhaber bitte die Originalkassette oder Langspielplatte kauft, später dann die CD. Dahinter steckt der Gedanke, dass auch ein Sänger nicht allein von Luft und Liebe zur Musik leben kann. Dazu muss man auch wissen, dass - wie bei Fußballern - nur die wenigsten Akteure zu Millionären werden.

Um zumindest einen gewissen Ausgleich zu schaffen, gab es für die Kassetten die "Leerkassettenvergütung", eine Abgabe, die über den Kaufpreis eingesammelt und von den Verwertungsgesellschaften wie der GEMA an die Künstler weitergereicht wurde. Solche Abgaben gibt es heute noch und nicht nur im Musikgeschäft. Beim Kauf eines externen CD- oder DVD-Brenners sind 2,50 Euro fällig, die auf gleichem Wege durchgereicht werden.

CDs, DVDs usw. steuern je nach Datenkapazität und technischer Ausrichtung zwischen einem und zehn Cent pro Stück bei. Auch für Drucker, Kopierer, Festplatten, Scanner MP3-Player muss diese Pauschalabgabe entrichtet werden. Letztlich ist sie Teil der Kalkulation des Herstellers - der muss sie abführen, der Kunde bezahlt.

Nun haben wir spätestens seit der Entdeckung des Neulands durch Angela Merkel die Situation, dass die schnöde Raubkopie nebst Vervielfältigung gar nicht mehr das Problem ist. Vereinfacht gesagt kann sich jemand die DVD eines Films kaufen, diesen Film auf seinem YouTube-Kanal hochladen und die ganze Welt kann nun gucken. Dank vieler Abonnenten platziert YouTube Werbespots vor dem Film. Das Dumme nur: Die Anteile an den Einnahmen bekommt - theoretisch - nicht der Filmproduzent, sondern der "Raubkopierer", dem der Kanal gehört.

Das kann natürlich nicht sein, deshalb machen Musikindustrie, Filmindustrie, aber auch die Lizenzinhaber in Sachen Bundesliga oder Championsleague sehr viel Druck auf die Webkanäle, solche Machenschaften zu unterbinden. Aus diesem Grund gibt es schon jetzt Filter, die in der Lage sind, solche Inhalte zu erkennen und auch zu sperren, oder - andere Variante - die Einnahmen werden durch YouTube einfach umgeleitet, nämlich an die wahren Rechteinhaber.

Ist also eigentlich alles schon geregelt? Eben nicht, zumindest nicht per Gesetz. Man möchte eine Regelung, die aus dieser gewissen Freiwilligkeit oder aus dem Bilateralen (z.B. zwischen YouTube und den Rechteinhabern) eine EU-Richtlinie macht. Das ganze EU-weit und nicht national zu lösen, ist angesichts des ja wohl dann doch weltweiten Internets die bessere Variante. Die Kritiker solcher Filter bemängeln, dass diese ziemlich eindimensional agieren. Es gibt Filter für Texte, Audios, Fotos oder Videos und immer geht es darum, Schlagworte oder digitale Muster zu erkennen und dann mit einer Datenbank abzugleichen, ob hier zum Beispiel unerwünschte Inhalte auftauchen ("Titten!") oder urheberrechtlich geschütztes Material.

Die Filter sind relativ stumpfsinnig. Die vergleichen halt das Muster und wenn ein Muster bekannt vorkommt, wird es nicht veröffentlicht. Und damit kann man schon die Meinungsfreiheit eingeschränkt sehen, weil diese Filter eine Tendenz haben, zu viel zu sperren.

Professor Florian Gallwitz, Medieninformatiker FH Nürnberg

So kann es passieren, dass beispielsweise eine Sendung wie die ZDF-"heute-Show" plötzlich eine Satire nicht mehr hochgeladen bekommt, weil dort ein Videoschnipsel drin vorkommt, der einen nackten Menschen zeigt oder zu einem urheberrechtlich geschützten Video gehört. Satire erfordert nun mal eine gewisse Intelligenz, künstliche Intelligenz ist da aktuell aber zu doof. Und auch eine Bilderkennungssoftware, die dafür sorgen soll, dass nacktes Fleisch ins Netz wandert, kann Schwierigkeiten haben, eine weibliche Brust von einer reifen Mandarine zu unterscheiden.

Stichworte wie "Nutten" können dazu führen, dass eine Reportage zum Thema gesperrt wird, Hintergrundmusik auf einer Demo kann dazu führen, dass ein Video nicht hochgeladen wird, wegen der Musikrechte. Obwohl die in diesem Fall gar keine Rolle spielen. Und wenn das Stadion "Never walk alone" singt, könnte der begeisterte Fan auch Schwierigkeiten bekommen, sein Tribünen-Handy-Video hochzuladen, wenn die Sangesfreudigen halbwegs die Töne treffen und die Software den Titel als solchen erkennt.

Nun geht zwar die digitale Welt nicht unter, wenn es das eine oder andere schwachsinnige Video nicht bis ins Netz schafft, aber der Ansatz ist: "Wehret den Anfängen". Denn niemand weiß, was noch kommt. Vielleicht ein Oppositionsfilter, der andere Meinungen aussortiert, der Kollege Erdogan würde sich freuen. So ganz nebenbei weiß auch keiner, was die Filter da eigentlich treiben. Vieles haben sich Konzerne wie Google oder Facebook patentieren lassen, was auch dazu führt, dass es Anbieter kaum schaffen, selbst solche Systeme zu entwickeln, ohne Patentrechte zu verletzen. Den Vertretern der Kreativen ist das relativ egal.

Für die Kreativschaffenden bringt die Richtlinie eine echte Verbesserung, weil sie erstmals einen Anspruch gegen die Plattformen haben, dass ihre Inhalte fair vergütet werden. Für die Nutzer der Plattform, also die, die die Inhalte hochladen oder Videos anschauen verbessert sich die Situation insofern, das nun klargestellt ist, dass die Plattform und nicht der Nutzer die Verantwortung übernehmen muss und Lizenzverträge für die Inhalte abschließen muss.

GEMA-Justiziar Dr. Tobias Holzmüller

Das bedeutet: Die Filter sind nicht vorgeschrieben, sie sind nur die logische Folge der Regelung im Artikel 13 der EU-Urheberrechtsverordnung.

Das nächste Problem: Lizenzverträge und Filter werden sich unter Umständen nur die Großen leisten können. Das kann auch niemand wollen. Hinzu kommt, dass wegen der unklaren Algorithmen ohnehin niemand weiß, warum ein Werk eigentlich gesperrt wurde. Wenn das System melden würde, "Sie haben da zwischen Sekunde 9 und Sekunde 15 einen Beatles-Song verwendet" oder "Das Wort ‚Nutte‘ darf nicht im Text enthalten sein", dann könnte der geneigte Künstler sein Werk ja entsprechend anpassen, aber dass so etwas kommt, daran glaubt nicht einmal der IT-Experte. Er sieht ohnehin bei der ganzen Diskussion viel Unwissen. Viele Diskutierende aus Politik und Gesellschaft kennen kaum den Unterschied zwischen Copyright und Urheberrecht, werfen aber mit den Begriffen ständig umher. Das Copyright gibt es nämlich in unserem Recht gar nicht direkt, es ist in etwa mit unserem Nutzungsrecht vergleichbar, das übertragbar ist. Das Urheberrecht ist es aber nun gerade nicht, weil der Komponist der Urheber bleibt, auch wenn ein anderer seine Melodien pfeift. Und am Ende steht dann auch noch das Bild mit den Kanonen und den Spatzen.

Es gibt wenig Zahlen dazu, wie viele urheberrechtlich geschützte Daten überhaupt auf YouTube landen und die nicht kontrolliert sind. Ich sehe keine Notwendigkeit, wegen der relativ geringen Problematik, wegen des relativ kleinen Prozentsatzes, die Meinungsfreiheit infrage zu stellen.

Professor Florian Gallwitz, Medieninformatiker FH Nürnberg

Quelle: MDR THÜRINGEN

Ramm am Nachmittag

Zuletzt aktualisiert: 18. März 2019, 18:12 Uhr

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