Ein Wahlzettel
Bildrechte: MDR / Thomas Becker

Der Redakteur | 23.05.2019 Was bedeuten die Angaben auf den Briefwahl-Stimmzetteln zur Europawahl?

Udo aus dem Weimarer Land wundert sich über die eigenartigen Vermerke zum Geschlecht und dem Geburtsjahr auf seinem Briefwahl-Stimmzetteln zur Europawahl. Was haben diese zu bedeuten?

von Thomas Becker

Ein Wahlzettel
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Die Wahrscheinlichkeit, einen solchen "besonderen" Stimmzettel zu bekommen ist sehr gering. Nicht ganz so gering wie die Wahrscheinlichkeit eines Lottogewinns, aber es sind nicht viele Wähler, die am oberen Rand ihrer Stimmzettel Buchstaben von A bis M finden und dazu noch Vermerke über das Geschlecht und den Zehnjahreszeitraum, in dem sie geboren sein sollten.

Sollten - deshalb: Wenn Sie einen Stimmzettel bekommen, der nicht zu Ihren persönlichen Daten passt, dann ist etwas schiefgelaufen bei der Verteilung. In 85 von mehr als 3000 Thüringer Stimmbezirken werden solche Stimmzettel ausgegeben. Das Ziel sind repräsentative Erhebungen, um zu erfahren, wer denn nun eigentlich wie abgestimmt hat. Allerdings nicht "wer" im Sinne einer Person, sondern im Sinne einer großen Gruppe von Menschen. 

Das ist ganz wichtig: Das Wahlgeheimnis wird entsprechend der gesetzlichen Grundlagen stets eingehalten.

Günter Krombholz, Landeswahlleiter

Das geschieht schon dadurch, dass die Stimmzettel nicht anders behandelt werden als alle anderen. Also kommen diese genauso in die Wahlurne und es ist nicht nachvollziehbar, welche Frau, geboren zwischen 1950 und 1959 auf dem Zettel ihr Kreuz gemacht hat. Auch bei der Auszählung läuft alles wie bei den "unmarkierten" Stimmzetteln. Erst nach Abschluss der Auszählungen gehen die für die statistischen Auswertungen Ausgewählten einen anderen Weg. Im versiegelten Umschlag werden sie ins statistische Landesamt gebracht, wo sie erneut ausgezählt werden, jetzt aber mit der Zuordnung zu den einzelnen Geschlechtern und Geburtsjahren. Am Ende wissen wir dann, dass die jungen Frauen in der Mehrzahl die Partei X gewählt haben und die Partei Y überhaupt nicht. Bestenfalls kommt letztere dann auf die Idee, sich mal ein paar Gedanken zu machen, warum sich diese Wählergruppe mit Abscheu abwendet.

Für diese Auswertung des Wahlverhaltens werden auch keine Extradaten von irgendjemandem erhoben. Vielmehr sind es alle Wähler der 85 in Thüringen zufällig ausgewählten Wahlbezirke, die diese besonderen Stimmzettel erhalten. Dass Sie eine Frau oder ein Mann sind, das ist bei der Einwohnermeldebehörde bekannt und auch, wann Sie geboren sind. Auf dieser Grundlage bekommen Sie schließlich auch Ihre Wahlunterlagen und damit die pro Wahl einmalige Erlaubnis, wählen zu gehen.

Besser als Daumenfarbe

Ein Wahlzettel
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Das ist der modernere und zuverlässigere Weg im Vergleich zu dem mit den farbig markierten Daumen, um zum Beispiel das doppelte Wählen auszuschließen. Somit ist es ein leichtes, den entsprechenden Stimmzettel mit dem Buchstaben A bis M den hinterlegten Bevölkerungsgruppen zuzuordnen und es ist logisch, dass mit diesen Angaben alleine kein Rückverfolgen zum Wähler selbst möglich ist. Es sei denn, Sie sind die einzige Frau im Stimmbezirk in dem entsprechenden Alter. Dafür sind aber die Stimmbezirke zu groß. Und um eine solche Rückverfolgung wirklich bei allen Personen unmöglich zu machen, bilden z.B. Menschen mit dem Geschlecht "divers" keine eigene Gruppe.

Männlich und divers sind zusammengefast. Weil die Gruppe der Diversen recht klein ist und da Wahlgeheimnis eingehalten werden muss, wird statistisch gesehen, "männlich", "divers" und "ohne Angabe im Geburtenregister" in einem Buchstaben zusammengefasst."

Günter Krombholz, Landeswahlleiter

Diese statistischen repräsentativen Erhebungen haben übrigens nichts mit den Umfragen zu tun, die im Auftrag von ARD und ZDF nach den Wahlhandlungen vor dem Wahllokal gemacht werden. Dort werden ja – ebenso repräsentativ – Menschen gebeten, ihre Wahl noch einmal "nachzustellen". Aus diesen Daten berechnen dann die Statistiker die berühmten Prognosen, die uns am Wahlabend ab 18.00 Uhr die bunten Grafiken bescheren. Gewöhnlich liegen diese Prognosen schon sehr dicht am späteren Wahlergebnis. Das ist ein beruhigendes Zeichen dafür, dass solche repräsentativ erhobenen Daten ein zuverlässigeres Bild liefern als wilde Abstimmungen oder Stimmungsbilder bei Facebook, Twitter oder DSDS. Die Superstar-Show ist übrigens ein sehr gutes Beispiel für eine eben nicht repräsentative Abstimmung, also eine, die kein Gesamtbild der Bevölkerung zeichnet. 

Wenn nämlich RTL in Deutschlands Namen den Superstar sucht, dann war das am Ende nicht Deutschland, das da abgestimmt hat, sondern allenfalls eine Teilmenge der Deutschen und der Zuschauer aus anderen Ländern. Und zwar waren es nur die Menschen, die RTL gucken, darunter möglicherweise überdurchschnittlich viele Mädchen mit Zahnspange, die Jungs toll finden. Hinzu kommen auch ganz viele Fans aus den Orten der Kandidaten, die auch alle zigmal angerufen haben. So entsteht natürlich ein sehr schiefes Bild. Den Superstar gewählt hat somit definitiv kein repräsentativer Querschnitt der deutschen Bevölkerung. Bei der großen Show "Deutschland sucht die Volksvertreter" wollen wir es aber dann doch etwas genauer wissen.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 22. Mai 2019 | 16:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. Mai 2019, 15:00 Uhr

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1 Kommentar

24.05.2019 10:08 Atheist aus Mangel an Beweisen 1

Wer garantiert das ein 16 jährige statt einen Wahlzettel zur Kommunalwahl nicht noch dem zur Europawahl bekommt?
Dann würde wahrscheinlich das Umfrageergebniss zu den Grünen passen.
Ansonsten ist diese EU Wahl ein Witz.
England und Niederlande wählen 3tage vorher ausgezählt wird nicht aber Prognosen werden veröffentlicht.
Wer wo wie überwacht wo diese Wahlzettel bis Sonntag liegen?
Hier ist doch Tür und Tor für Manipulation geöffnet.