Der Redakteur | 21.03.2019 Warum ist Ostern dieses Jahr nicht nach dem ersten Frühlingsvollmond?

Martin Lieberknecht aus Ramsla fragt: Am Mittwoch war Frühlingsanfang, am Donnerstag ist Vollmond - also der erste Frühlingsvollmond. Der Regel nach müsste am folgenden Sonntag Ostern sein. Ist es aber nicht. Warum?

von Thomas Becker

Wenn wir in den Mond schauen und versuchen mit bloßem Auge zu zu erkennen, ob nun exakt Vollmond ist oder ob vielleicht doch noch ein Eckchen fehlt, dann ist eine eindeutige Antwort schwierig. Das war eines der Probleme, vor denen die Menschen standen, die einst die Regeln für das Osterfest niedergeschrieben haben. Das war vor mehr als 1.500 Jahren, als man immerhin schon bemerkt hatte, dass die Mondzyklen alle 19 Jahre wieder mit den gleichen Kalenderdaten übereinstimmen.

Diese Erkenntnis der periodischen Wiederkehr machte man sich zunutze. Das Problem: Nach 19 Jahren ist die Mondphase am gleichen Tag wieder fast die gleiche. Die "Liste der Ostersonntage", die man damals begonnen hatte, geht zunächst von exakt 19 Jahren aus, der Mond aber ist dann allerdings immer schon 1 Stunde und 57 min weiter. Diese knappen zwei Stunden summieren sich natürlich im Laufe der Jahrhunderte und werden aber – da man das früh gemerkt hatte – von der Liste ganz gut ausgeglichen. Aber leider nicht zu 100 Prozent.

Und dann kommt noch etwas hinzu: Die Mondbahn ist nicht nur ziemlich kompliziert, sondern auch leicht ungleichmäßig. Der Mond geht nämlich ein klein wenig nach dem Mond und ist nicht so genau wie die Mathematik es gerne hätte. Beim Mond ist 1+1 eben manchmal auch 2,0001 und ein Jahr später vielleicht 1,9999 und das fällt uns an Jahren wie diesem auf die Füße.

Denn wir berechnen heutzutage Frühlingsanfang und Vollmond sozusagen minutengenau. Nur unser Ostersonntag wird nach wie vor mit den Listen berechnet, die einst die Gelehrten vor 1.500 Jahren begonnen haben. Diese Listen wurden nach den gesetzten Regeln "Erst Frühling, dann Vollmond, dann Ostern!" fortgeschrieben bis dann 1800 der Mathematiker Carl Friedrich Gauß diese Listen in eine Formel gefasst hat. Mit deren Hilfe wird das Osterdatum bis heute ausgerechnet. Und sie ist auch der Grund für das sogenannte "Oster-Paradoxon".

Nach den alten Listen wäre der erste Frühjahrsvollmond 2019 schon am 20. März gewesen. Und Frühlingsbeginn ist im ganzen Ostersystem quasi per Definition erst der 21. März.

Georg Berger Oberlandeskirchenrat a.D. Landeskirchenamt Hannover

Dass der Mond tatsächlich aber erst kurz nach Mitternacht erst zum Vollmond wurde, wussten weder die Liste noch der Gauß. Das "Oster-Paradoxon" tritt immer dann auf, wenn sich Frühlingsbeginn und Vollmond zu dicht auf den Pelz rücken.

Aufgrund der Seltenheit seiner Wiederkehr scheint auch das Wissen über dieses Phänomen nicht überall sehr ausgeprägt. Klaus Merhof, der Chefredakteur vom Evangelischen Pressedienst Nord, war vor Jahren schon einmal der Frage auf der Spur, wer eigentlich festlegt, wann Ostern ist und nach welchen genauen Regeln das Datum bestimmt wird. Damals versagten einige seiner Ansprechpartner.

Der damalige Pressesprecher der Evangelischen Kirche in Deutschland sagte mir: Wieso? Ostern steht doch im Kalender.

Klaus Merhof Chefredakteur Evangelischer Pressedienst Nord

Und wer schreibt das Datum da hinein? Die Frage überforderte auch die Kalenderverlage, die stets an den nächstgrößeren Verlag weiterreichten. Irgendwann bekam Klaus Merhof den Hinweis, dass im Astronomischen Rechen-Institut Heidelberg jemand sitze, der das ausrechne. Am Ende ist das Ganze nur ein kleiner Teil der Arbeit dort und natürlich eine Sache für den Computer. Und auch in Heidelberg wird die Gauß'sche Osterformel für die Berechnung verwendet - aber nicht nur dort.

In Straßburg steht im Münster die astronomische Uhr und diese enthält eine mechanische Realisierung dieser Rechnung - ein mechanischer Computer sozusagen.

Robert Schmidt Astronomisches Rechen-Institut Heidelberg

Das heutige Uhrwerk stammt aus dem Jahr 1842 und zeigt nicht nur die Erdbahn, sondern auch die Mondbahn und die Bahnen der damals bekannten Planeten an. In der Silvesternacht läuft dann das Räderwerk an, das letztlich die beweglichen Feiertage errechnet. Den nächsten "Fehler" macht das Uhrwerk dann 2038. Dann steht das nächste "Oster-Paradoxon" an.

Oster-Formel nach Carl Friedrich Gauß

Zur Erklärung: Carl Friedrich Gauß hat die sogenannte Modulo-Rechnung benutzt. Das bedeutet, man muss nur mit dem Rest einer Division weiterrechnen. Dabei geht man von dem Jahr aus, um das es geht - also in diesem Fall 2019. Man muss eine ganze Reihe von Variablen ausrechnen, die im Kern eben nur Reste einer einfachen Division sind. Die Ergebnisse setzt man dann in weitere Formeln ein und am Ende kommt der Tag heraus, auf den Ostersonntag fällt. Nicht ausgerechnet werden müssen zwei benötigte Konstanten. Für die Jahre 2000-2099 hat Gauß diese Konstanten mit M=24 und N=5 angegeben.

a = Jahr 2019 geteilt durch 4 - 2016 geht auf (4x504) es bleibt ein Rest von 3
b = Jahr 2019 geteilt durch 7 - 2016 geht auf (4x288) es bleibt ein Rest von 3
c = Jahr 2019 geteilt durch 19 – 2014 geht auf (19x106) es bleibt ein Rest von 5
d = (19c + M) geteilt durch 30 – 19x5 + 24 =119/30, die 90 geht auf (3x30), Rest 29
e = (2a + 4b + 6d + N) durch 7 – 2x3 + 4x3 + 6x29 + 5 = 197/7  196 geht auf, Rest 1
f = (c+11d+22e)/451 – 5 + 11x29 + 22x1 = 346 geteilt durch 451 = 0,7… also 0 

Nun setzt man es in diese Formel ein:

22 + d + e - 7f = 22 + 29 + 1 – 0 = 52

Da der März nicht so viele Tage hat, liegt Ostern also im April. Der Rest ist einfach: Man zieht von der 52 die 31 Märztage ab und kommt auf den 21. April.

Die Berechnung ist das eine. Die Bekanntgabe der Feiertage war früher genauso wichtig und wird bis heute immer am 6. Januar im Vatikan zelebriert. Mit Gesang. Hier finden Sie die Notenvorlage der "Festankündigung an Epiphanie (6. Januar) für das Jahr des Herrn 2019“:

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 21. März 2019 | 16:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 22. März 2019, 10:15 Uhr

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