Der Redakteur | 29.04.2019 Warum geben Politiker keine Live-Interviews mehr?

Unser Hörer Heinz-Dieter Hoppe aus Nordhausen schreibt: "Seit geraumer Zeit fällt mir auf, dass Politiker aller Parteien keine Liveinterviews in Nachrichtensendungen mehr geben. Es heißt immer, 'dieses Gespräch haben wir vor der Sendung aufgezeichnet'. Warum ist das so?" Unser Redakteur hat Antworten eingeholt.

von Thomas Becker

Denken wir mal ein paar Jahre zurück. Da gab es Situationen im ZDF-heute journal oder in den Tagesthemen, da wurde es am Abend wieder hell. Zumindest bei den zugeschalteten Gesprächspartnern irgendwo in der deutschen Provinz. Gestört hat es selten jemanden bzw. der Shitstorm war noch nicht erfunden. Heute gehört es zu Transparenz dazu, dass offensichtliches und logisches noch einmal ausgesprochen wird: "Das Gespräch haben wir vor der Sendung aufgezeichnet." So weit, so schlecht, denn der anspruchsvolle Zuschauer von heute möchte das bitteschön schon vorher wissen und nicht hinterher, und Tagesthemen-Moderator Ingo Zamperoni möchte ihm diesen Wunsch auch erfüllen.

Das haben wir neulich mal ausprobiert. Das funktioniert auch recht gut, ist aber eine kleine Herausforderung für die Regie.

Marcus Bornheim, 2. Chefredakteur ARD aktuell (Tagesschau/Tagesthemen)

Die Diskussion darüber ist auch noch nicht abgeschlossen, der Transparenz wegen zeigt man mittlerweile schon, dass der Tagesschau-Sprecher Beine hat, und das hatte zu Beginn auch für Diskussionen gesorgt. Bei Anfragen bezüglich aufgezeichneter Interviews schwingen allerdings immer Unterstellungen mit: Da könnte etwas geschnitten - also manipuliert und vertuscht werden und am Ende rauscht es im Blätterwald, auch wenn Marcus Bornheim darauf verweist, dass gerade Zeitungsinterviews gern mehrfach zwischen Redaktion und Pressestelle des Interviewgebers hin und hergehen, bis dann nun endlich alle zu verstanden worden sind, wie es gemeint war. Das hat natürlich auch etwas damit zu tun, dass beim gedruckten Wort die zweite Ebene fehlt, die Geste oder der ironische Unterton, der alles Gesagte ins Gegenteil verkehrt.

So gesehen ist das Live-TV-Interview eigentlich die ehrlichste Interviewform. Deswegen fragen Tagesthemen und Co. auch immer die Live-Termine an, also die Tagesthemen betreffend nach 22:15 Uhr. Das ist eine Zeit, wo der Konsument auf der Couch sitzt und der Politiker oftmals noch in irgendwelchen Runden. Die öffentlichen nächtlichen Entscheidungsrunden, nach denen am Morgen übermüdete Politiker Durchbrüche verkünden sind nur die Spitze des Eisberges. 21:00 Uhr nach Abschluss des Bürotages finden solche Runden häufig statt und oftmals wird da gerade das heiße Thema diskutiert und da kommen ARD, ZDF, RTL oder Sat1 immer etwas ungelegen. Deshalb antworten die Pressestellen der Politiker in geschätzten 75 bis 80 Prozent der Fälle, Interview geht klar, aber wir würden gern vor 21:00 Uhr aufzeichnen. Und gewöhnlich wird das Gespräch dann auch genauso 1:1 gesendet. Wenn es jedoch zeitlich aus dem Ruder läuft und aus fünf Minuten zehn werden, oder wenn selbst der Kleber nichts nützt und irgendwie alles auseinanderfällt, dann muss eben geschnitten werden.

Und es gibt noch weitere Gründe, warum ein Interview aufgezeichnet werden muss. Während bei Politikern die Öffentlichkeit und Medienpräsenz zur Berufsbeschreibung gehört und auch nicht abgewählt werden kann, nehmen die Tagesthemen-Macher der ARD Rücksicht darauf, wenn ein "Normalbürger" um seine Expertenmeinung gebeten wird. Das heißt: Politiker müssen (eigentlich) Live-Auftritte absolvieren, Experten dürfen. Ungeübte sollen eben nicht vorgeführt werden.

Es gibt junge und neue Wissenschaftler im Bereich Wirtschaft, Politik, Medizin usw. und dann machen die ihren ersten Tagesthemen-Auftritt und packen es einfach nicht, auf den Punkt zu formulieren. Und dann hat der Zuschauer auch nichts davon.

Marcus Bornheim, 2. Chefredakteur ARD aktuell (Tagesschau/Tagesthemen)

Auch ganz praktische Gründe verhindern oftmals einen Live-Auftritt in den Tagesthemen. Die meisten Gesprächspartner werden ohnehin zugeschaltet, dafür haben die ARD-Anstalten viele Studios im Land, aber selbst der Weg nach Erfurt ist weit, wenn man aus Hildburghausen kommt und so ganz nebenbei muss das Studio ja auch noch frei sein. Das ist auch in anderen Regionen so zum Beispiel Eifel:

Dann fragen wir  den SWR in Mainz, könnten wir heute Abend um 22:15 Uhr ein Studio haben? Dann sagen die nein, wir haben nur den Slot von 21:00 Uhr bis 21:15 Uhr und dann kommt das 3. Programm.

Marcus Bornheim, 2. Chefredakteur ARD aktuell (Tagesschau/Tagesthemen)

Und im Anschluss an das Interview sagt Ingo Zamperoni: "Das Gespräch haben wir vor der Sendung aufgezeichnet".

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 29. April 2019 | 16:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 29. April 2019, 18:48 Uhr

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7 Kommentare

01.05.2019 12:24 part 7

Das Geschwätz von Gestern interssiert zwar weiterhin so manchen Politiker nicht, wohl aber die Zuhörerschaft, die zudem den Beitrag auch noch medial weiterhin abrufen kann. Viel einfacher ist es bei brisanten Themen an die Pressestellen zu verweisen, wo man sich ahnungslos gibt oder die Frage abbügelt.

30.04.2019 16:11 W. Merseburger 6

Liebe Redakteure des MDR Thüringen, ich begrüße ihre Entscheidung, dass sie den Artikel @4 gelöscht haben. Diese Arten von Agit.-Prop. bewirken genau das Gegenteil von dem was vielleicht bezweckt werden sollte.