Der Redakteur | 09.12.2019 Musste der Erfurter Waschbär wirklich getötet werden?

Ein torkelnder Waschbär auf dem Erfurter Weihnachtsmarkt erhitzt die Gemüter: Denn das zunächst gerettete Tier wurde schließlich erschossen. War das wirklich notwendig?

Der Waschbär vom Erfurter Weihnachtsmarkt vorm Einfangen
Der Waschbär vom Erfurter Weihnachtsmarkt vorm Einfangen Bildrechte: MDR

Der Waschbär hat einen gewissen Kuschelfaktor. Deshalb wird die Diskussion in den sozialen Netzwerken vor allen Dingen auf der emotionalen Ebene geführt. Wir bekamen E-Mails mit dem Hinweis auf das nahe Weihnachten und das christliche Miteinander.

Die Stadt Erfurt und die Jägerschaft werden mit Klageankündigungen überschüttet, einschließlich ganz unchristlicher Gewaltandrohungen. Neben dieser emotionalen Ebene gibt es aber mindestens noch eine rechtliche, wenn nicht gar zwei. Es gibt zudem einen Naturschutzaspekt und einen gesundheitlichen.

Der rechtliche Aspekt

Der Waschbär wurde von der EU zur unerwünschten Art erklärt. Die entsprechende Verordnung gibt es seit 2014, die Liste mit den namentlich genannten Tieren seit 2016. Das kann man nachlesen, wenn man weiß, dass der Waschbär unter dem „Tarnnamen“ Procyon lotor Linnaeus gelistet ist.

Auf diesen rechtlichen Aspekt hat auch Frank Herrmann vom Landesjagdverband Thüringen verwiesen.

Wenn ein Waschbär, von dem wir wissen, dass er sich in der Stadt Erfurt zunehmend ausbreitet, gefangen wird, muss er getötet werden. Denn er darf nicht wieder ausgesetzt werden.

Frank Herrmann, Landesjagdverband Thüringen

Erschwerend kommt hinzu, dass das artuntypische Verhalten des Waschbären nicht zwangsläufig etwas mit dem den Konsum von Glühwein zu tun gehabt haben muss. Es könnte auch eine gefährliche Erkrankung gewesen sein. Nun wissen wir noch aus dem Heimatkundeunterricht, dass wir Wildtiere keinesfalls streicheln sollen und erst recht nicht, wenn sie plötzlich zutraulich sind.

Verwirrter Waschbär
Der Waschbär auf dem Erfurter Weihnachtsmarkt zeigte keine Scheu. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Und Waschbären – vor allen Dingen die in der Stadt lebenden – haben die Scheu vor dem Menschen mitunter verloren. Was sie nicht verloren haben, ist ihr Gebiss. Von daher sollte man sich auch nicht in Ihre Nähe begeben. Sie können eben auch Krankheiten übertragen bis hin zur Staupe, einer Viruserkrankung, die bei Katzen und Hunden oft tödlich verläuft. Alleine schon deswegen gehört die Idee mit der Einlieferung ins Tierheim nicht zu den besten Ideen des Wochenendes. Die Ansteckungsgefahr für die Insassen dort wäre einfach zu groß gewesen.

Tierrechtsanwalt sieht Abschuss kritisch

Nun mag es EU-Richtlinien und sehr gute Gründe geben, wonach invasive (also fremde) Tierarten (und übrigens auch Pflanzenarten) in ihrer Ausbreitung zu bekämpfen und auch zu beseitigen sind. Aber hier sind wir beim zweiten rechtlichen Aspekt. Aus Sicht des Tierrechtlers ist die alternativlose Tötung aus der EU-Verordnung nämlich überhaupt nicht zwingend herauszulesen. Denn wir haben immer noch ein Tierschutzgesetz.

Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen

Paragraf 1 Tierschutzgesetz
Hund im Tierheim 9 min
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Rechtsanwalt Andreas Ackenheil im Interivew mit Redakteur Thomas Becker zum erschossenen Waschbär vom Erfurter Weihnachtsmarkt

MDR THÜRINGEN - Das Radio Mo 09.12.2019 15:20Uhr 08:33 min

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Nun kann man über die Definition des "vernünftigen Grundes" streiten. Auch wenn es tatsächlich Waschbär-Rezepte gibt, ist das Tier nicht direkt Teil unserer Nahrungskette und seinen Pelz zu tragen, ist auch aus der Zeit gefallen. Allerdings ist es durchaus normal, dass sich Gesetze und Verordnungen anscheinend widersprechen, dass also Abwägungen vorgenommen werden müssen. Letztlich auch von Gerichten.

Hat zum Beispiel die Sicherheit der Menschen auf einem Weihnachtsmarkt Priorität oder ist es das Lebensrecht des Wildschweins, das in Panik zur Wildsau geworden ist? Eine solche unmittelbare Gefahrenlage sieht der Tierrechtler im Fall unseres Erfurter Waschbären aber eben gerade nicht.

Für mich werden solche Tiere häufig zu schnell getötet. Da gibt es mit Sicherheit verhältnismäßigere Maßnahmen. Gerade um die Population im Griff zu haben, wäre sicherlich das Einfangen, Kastrieren und dann ggf. wieder Aussetzen und Freilassen die geeignetere Maßnahme.

Andreas Ackenheil, Tierrechtsanwalt

27 Waschbär-Tötungen im Jahr 2018

EIn Waschbär sucht an einer geöffneten Mülltonne nach Futter.
Waschbären sind vielerorts zur Plage geworden. Bildrechte: imago images / Nature Picture Library

Derzeit sieht es so aus, als wäre unser Erfurter Waschbär einer gewissen Routine zum Opfer gefallen ist. Er gehört einfach nicht zu einer schützenswerten Art, im Gegenteil: Er ist vielerorts zu Plage geworden. Davon können Leute ein Lied singen, die schon einmal einen Waschbären im Dachboden oder gar in der Wohnung hatten. Die Schäden gehen schnell in die Tausende und nicht jede Versicherung erstattet die Schäden. Das kommt ganz auf den Vertrag an.

Unabhängig davon lassen sich Fäkalien- und Uringestank und die Schäden an Haus und Gut ohnehin nicht so einfach mit Geld beseitigen. Entsprechend haben Betroffene die Diskussion heute überhaupt nicht verstanden, die die Maßnahmen vom Wochenende ausgelöst hatte.

Die Feuerwehr, als Teil der Stadt Erfurt, übergab das Tier routinemäßig dem Stadtjäger und der hat die EU-Verordnung als Legimitation genommen, den Waschbären "tierschutzgerecht" zu töten. 27 Mal ist das in Erfurt in diesem Jahr bereits geschehen, sagt die Stadt. Medial geräuschlos.

Viele Tiere stammten nicht aus dem öffentlichen Raum, sondern von privaten Grundstücken. Die Grundstückseigentümer hatten die Stadt um Hilfe gebeten, weil sie Probleme mit den agilen Tieren und Allesfressern hatten.

Pressemitteilung der Stadt Erfurt

Üblicherweise wird das Tier dann vergraben. Der Gang zum Amtstierarzt wäre vielleicht im Falle unseres angeblichen Trunkenboldes die bessere Idee gewesen. Soweit auch die Einsicht beim Thüringer Jagdverband angesichts der entstandenen Aufregung.

Jagd Hochsitz 9 min
Bildrechte: dpa

Landesjagdverbands-Geschäftsführer Frank Herrmann im Interview mit Redakteur Thomas Becker zum erschossenen Waschbär vom Erfurter Weihnachtsmarkt

MDR THÜRINGEN - Das Radio Mo 09.12.2019 15:20Uhr 09:24 min

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Wäre Sterilisation eine Option?

Was unseren bedauernswerten Waschbären betrifft, könnten Amtstierarzt und das in dessen Auftrag arbeitende Thüringer Landesamt für Verbraucherschutz, Abteilung Veterinäruntersuchung, für Aufklärung sorgen. Angesichts der Außentemperaturen besteht nämlich durchaus noch die Hoffnung, festzustellen, ob das Tier tatsächlich krank war.

Die Jäger können das Tier in Bad Langensalza im Landesamt vorbeibringen. Den Untersuchungsauftrag des Veterinäramtes (Amtstierarztes), auf dem auch angekreuzt werden muss, auf was untersucht werden soll, den könnte man auch noch nachreichen.

Verena Meyer Thüringer Landesamt für Verbraucherschutz

Aber das Ganze ist natürlich auch immer eine Kosten- und Kapazitätsfrage angesichts der zunehmenden Plage. Wie will man also deutschlandweit künftig im Waschbären verfahren? Einfangen und auf Krankheiten untersuchen? Und dann je nach Ergebnis sterilisieren oder töten? Oder was ist der Plan? Und wer bezahlt ihn? Und wer schützt dann unsere Singvögel und nicht nur die?

Denn natürliche Feinde hat der Waschbär keine. Und das ist das Grundproblem. Er stört eben das Gleichgewicht unserer Natur. In welchem Maße, darüber wird ebenso eifrig gestritten. Im Falle unseres Erfurter Torkelbären könnte das Ergebnis einer Laboruntersuchung allenfalls noch zur Beruhigung des aufgebrachten Internets beitragen. Sicher ist das aber auch nicht.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 09. Dezember 2019 | 11:25 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 10. Dezember 2019, 14:13 Uhr

2 Kommentare

MDR-Team vor 5 Wochen

In der Abteilung Veterinäruntersuchung des Thüringer Landesamts für Verbraucherschutz (TLV) werden Rinder, Schweine, Schafe, Ziegen, Pferde, Nutzgeflügel, Fische, Bienen sowie Haus-, Heim- und Wildtiere auf das Vorhandensein von Krankheitserregern untersucht. Näheres ist auf der Webseite des TLV nachzulesen: https://www.thueringen.de/th7/tlv/tiergesundheit/index.aspx

Rasselbock vor 5 Wochen

Hmm, die Zeilen stimmen mich nachdenklich und so muss ich fragen: Wird in diesem Institut das gejagte Stück, der Jagende oder beides untersucht? Und auf was? Und was passiert wenn der Jagende positiv getestet wurde? :-)