Der Redakteur | 28.11.2018 Warum rettet niemand Weimar-Porzellan?

Joachim Süße aus Blankenhain fragt sich, warum die Traditionsfabrik Weimar-Porzellan aus Blankenhain einfach zugemacht wird? Gäbe es nicht eine Möglichkeit, dass Blankenhain, Weimar und Thüringen das Werk retten?

Kobaltblau und mit Goldrand – das Porzellan aus Blankenhain hat nicht nur Tradition bis in die Goethezeit, sondern steht auch noch in vielen Vitrinen, vor allen Dingen bei älteren Thüringern. Und da ist es schön, dass man immer noch etwas nachkaufen kann, wenn wieder mal eines der edlen Stücke zerschellt ist. Doch mit dem Verkauf einzelner Tellerchen kann Weimar-Porzellan nicht überleben. Dessen müssen wir uns bewusst sein. Auch ein Investor muss andere Ideen mitbringen, neue Märkte erschließen und Produkte entwickeln, die in die Zeit passen. Und da sind wir beim Grundproblem. In die Zeit passen moderne Scherben für wenig Geld, also Stapeltassen aus dem Möbelhaus. Doch dafür ist Weimar-Porzellan die falsche  Adresse.

Für billige Massenware ist das Werk nicht wettbewerbsfähig und auch die Technologien sind eher auf Feinheit, also auf das dünne, durchsichtige, weiße Porzellan ausgelegt.

Turpin Rosenthal ehemaliger Geschäftsführer Weimar-Porzellan

Nun hatte Weimar-Porzellan auch nach der Wende durchaus seine Märkte. In Osteuropa, besonders in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion, ist der Goldrand noch modern, nur diese Märkte sind mit der Krim-Krise und den Russland-Sanktionen so ziemlich komplett weggebrochen. Der Markt dort machte nämlich einen Umfang von 70 Prozent des Gesamtumsatzes aus, 10 bis 15 Prozent waren "die Scheichs" und der Rest war Westeuropa. Das lässt sich nicht so einfach kompensieren. Zumal Turpin Rosenthal fest daran geglaubt hat, dass sich politisch alles wieder einrenkt und die Geschäfte mit Russland & Co. wieder anlaufen. Doch dem war nicht so. Jedes Jahr – das bestätigt auch Insolvenzverwalter Rolf Rombach – mussten die Gesellschafter eine sechsstellige Summe nachschieben, als Überbrückung. Gespräche mit Partnern oder Investoren verliefen auch nicht erfolgreich. Versäumt wurde – und da ist Turpin Rosenthal durchaus selbstkritisch – das Sortiment rechtzeitig zu modernisieren und neue Märkte zu erschließen, die eben nicht im Osten, sondern im Westen liegen.

Wir haben leider erst 2017 das Sortiment deutlich "verwestlicht", auf Eigenkreationen gesetzt. Das Geschäft ist auch gewachsen. Aber wenn Sie den 70-Prozent-Anteil verlieren (…) und den 15-Prozent-Anteil verdoppeln, reicht das nicht.

Turpin Rosenthal ehemaliger Geschäftsführer Weimar-Porzellan

Diese Erfahrung hat auch Insolvenzverwalter Rolf Rombach gemacht. Seine Kanzlei wurde vom Insolvenzgericht zum Insolvenzverwalter bestellt. Das bedeutet: Die alte Geschäftsführung ist amtlich raus, die Suche nach Investoren liegt nun in der Hand des Insolvenzverwalters. Zwei Interessenten hat es gegeben, aber die ungünstige Unternehmensstruktur aus zwei Gesellschaften mit der insolventen Porzellanproduktion auf der einen Seite und den Immobilien (u.a.) auf der anderen, hat die Gespräche nicht vereinfacht. Trotzdem wäre das wohl der lösbare Teil der Aufgabe gewesen, denn auch Turpin Rosenthal kann sich weiterhin ein Engagement vorstellen. Das führt natürlich unweigerlich zu der Frage, warum er dann Insolvenzantrag gestellt hat. Hierfür reicht der Blick in die einschlägigen Gesetze, in diesem Fall in den Paragraphen 67 des GmbH-Gesetzes. Da kann man sehen, dass einem Geschäftsführer keine Wahl bleibt.

Bei Eintritt der Zahlungsunfähigkeit oder der Überschuldung muss man Insolvenzantrag stellen. Der Geschäftsführer macht sich sonst strafbar und zivilrechtlich haftbar den Gläubigern gegenüber.

Rolf Rombach Insolvenzgericht bestellter Insolvenzverwalter Weimar-Porzellan

Bleibt die Frage nach dem Engagement der öffentlichen Hand, die entweder ausgestreckt wird oder mal ein paar Scheine rüberreicht. Doch auch hier sind enge Grenzen gesetzt und Tradition alleine begründet keinen Anspruch auf Fördergelder, Bürgschaften oder gar Kredithilfen. Auch kann das alles nur der Überbrückung dienen, also die Krücke sein, die dem Unternehmen gereicht wird, bis es wieder aus eigener Kraft läuft. Dafür muss der Geschäftsführer oder eben jetzt der Insolvenzverwalter bestenfalls gemeinsam mit einem Investor einen Zukunftsplan erstellen, der überzeugend genug ist, um dafür Steuer- oder Fördermittel einzusetzen.

Klar! Die Banken werden mal wieder gerettet, die Porzellanfabrik nicht! Aber möglicherweise sind die Banken auch besser in der Lage, ihre Unverzichtbarkeit glaubhaft zu machen.  Was nicht geht, ist, dass die Stadt Weimar oder die Stadt Blankenhain aus Verbundenheit und Traditionsbewusstsein zum Unternehmer werden. Natürlich gibt es immer Möglichkeiten einer Unterstützung, zum Beispiel im Bereich der Infrastruktur. Aber in diesem Fall wäre das nur eine Aufgabe von Blankenhain, die Stadt Weimar ist da raus.  

Es handelt sich um ein Blankenhainer Unternehmen. Wirtschaftliche Verflechtungen mit Weimar bestehen nicht. Gespräche zwischen Unternehmensführung und Stadt (z.B. Amt für Wirtschaft) hat es bisher nicht gegeben.

Andy Faupel stv. Pressesprecher der Stadt Weimar

Damit liegt der Schwarze Peter also beim Blankenhainer Bürgermeister  Jens Kramer, der ihn aber auch nur ungern entgegen nimmt. Zuschüsse, Kredite oder was auch immer kann und darf Blankenhain nicht aufbringen.

Aus städtischer Sicht ist es leider nicht möglich, da es nicht zu den städtischen Aufgaben gehört, ein Unternehmen derart zu unterstützen. Es wäre sicher möglich eine Landesbürgschaft zu beantragen, allerdings bräuchten die auch Sicherheiten, aber die sind aufgrund der Struktur nicht gegeben.

Jens Kramer Bürgermeister von Blankenhain

Damit ist auf der nach unten begrenzten Skala der Hoffnung der Nullpunkt fast erreicht. Rolf Rombach sitzt aber trotzdem nicht in seinem Büro und lässt die Uhr runterlaufen. Er führt weiterhin Gespräche mit Firmen, die von ihrem Geschäftsfeld her in der Lage sein könnten, einen Betrieb wie Weimar-Porzellan in ihr Unternehmen einzubinden. In diesem Zusammenhang sei auch an die heutige Wortmeldung aus der Belegschaft erinnert, die sich einerseits geärgert hat, dass in der Berichterstattung der Eindruck entstanden ist, man habe nur für die "Oma-Vitrine" gearbeitet. Anderseits war auch der Vorwurf an die alte Geschäftsführung herauszuhören, dass aus Sicht der Kolleginnen und Kollegen falsche Entscheidungen getroffen wurden.  

Wir haben auch für Markendesigner gearbeitet und sind auch schon in die moderne Richtung gegangen. Es sind Aufträge da, es ist nicht die Masse, aber es ist nicht so, dass gar nichts mehr kommt.

Mitarbeiterin von Weimar-Porzellan

Aber leider reichen diese Aufträge nicht aus, um das Unternehmen wirtschaftlich weiterzuführen, so Rolf Rombach. Deswegen kann er auch keine neuen Aufträge annehmen. Das mag auch an der Gesamtsituation in der Branche liegen. Diese befindet sich in einer Lage, die Turpin Rosenthal als "nicht gut und auch nicht schlecht" bezeichnet. Das heißt: Man kommt zurecht, für große Sprünge reicht es aber nicht. Die wären aber nötig. In Zahlen: Sechsstellige Beträge mindestens, für Investitionen in Neuentwicklungen, für Material usw. und ein guter Plan müsste auch dabei sein. 

Ich habe immer noch eine Resthoffnung von 10 Prozent (…). Ich habe es schon als Insolvenzverwalter erlebt, das man am letzten Tag noch eine Einigung getroffen hat.

Rolf Rombach Insolvenzgericht bestellter Insolvenzverwalter Weimar-Porzellan

Eines ist aber auch klar und das geht an die Adressen von allen, die jetzt aus den Löchern kriechen, den Untergang bedauern und Vorwürfe adressieren: Auffallend war nämlich, dass bei der Aufzählung der Marktanteile Thüringen keine relevante Rolle gespielt hat. Es waren die Russen, die Scheichs und ein bisschen der Westen, an dessen Anteil wir allenfalls eine kleine Aktie hatten. Und auch wenn Turpin Rosenthal den Werksverkauf als "stark" bezeichnet hat, so war er eben doch nicht stark genug, um das Unternehmen tragen zu können. Der Geiz ist heute stärker als der Goldrand. Und selbst wenn man – um den Mitarbeitern nicht Unrecht zu tun – den "Goldrand" durch "Design" und "Qualität" ersetzt, wird es leider nicht besser.  

Man ist nicht bereit, für eine Wertarbeit den entsprechenden Preis zu zahlen.

Rolf Rombach Insolvenzgericht bestellter Insolvenzverwalter Weimar-Porzellan

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 28. November 2018 | 16:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 28. November 2018, 16:45 Uhr

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1 Kommentar

29.11.2018 14:32 Albrecht 1

Ja das ist wirklich schade, wir haben noch ein Service vom Weimar Porzellan, es ist immer wider eine Freude das Porzellon aufzudecken. Hoffen wir das der Insolvenzverwalter eine Lösung findet. Wir drücken die Daumen