Eine Wahlurne
Bildrechte: MDR/Konrad Herrmann

Der Redakteur | 19.11.2019 Geheime Wahl - Woher weiß man, wer wen gewählt hat?

Ich lese immer wieder, welche Altersgruppe bei der Landtagswahl welche Partei gewählt hat. Die Wahl ist geheim. Wie entstehen Wahlumfragen und Prognosen?, fragt Jutta Esche aus Arnstadt.

Thomas Becker macht Beckers Wochenrückblick
Bildrechte: MDR/André Plaul

von Thomas Becker

Eine Wahlurne
Bildrechte: MDR/Konrad Herrmann

Es sind keine dunklen Mächte im Spiel und auch das Wahlgeheimnis bleibt bestehen. Und trotzdem wissen wir am Ende des (Wahl-)Tages, wer sich wie verhalten hat. Ganz wichtig dabei: Sämtliche Erhebungen zum Wahlverhalten laufen getrennt vom eigentlichen Wahlvorgang ab. Das bedeutet, es gibt keine besonders gekennzeichneten Stimmzettel. Auch werden keine Daten erhoben, die zu einer Identifizierung einer Person führen könnten. Das ist auch gar nicht das Ziel solcher sogenannter Nachwahlbefragungen, denn man möchte ja nicht wissen, wie Hänschen Klein gewählt hat, sondern die große Masse. Die Wahlkorrespondenten bitten die Wähler, wenn sie das Wahllokal verlassen, die Wahl sozusagen noch einmal "nachzustellen", sprich das Kreuzchen noch einmal zu machen und rund 70 bis 80 Prozent der angesprochen Leute machen da auch mit, so die Erfahrung der Wahlkorrespondenten, die diese Erhebung durchführen.

Jeder Wähler, jede Wählerin hat das Recht, daran nicht teilzunehmen. Aber der eigentliche Wahlakt bleibt natürlich trotzdem geheim.

Dr. Nico Siegel, Geschäftsführer Infratest Dimap

Dabei experimentieren die Wahlforscher durchaus mit unterschiedlichen Methoden fernab von Zettel und Kreuz, doch es hat sich gezeigt, dass die Ergebnisse am genauesten sind, wenn der Ablauf der gleiche ist wie zuvor im Wahllokal. Deswegen sieht das Papier auch zunächst genauso aus, wie der Stimmzettel des betreffenden Wahllokals. Mit einem entscheidenden Unterschied, es werden noch ein paar zusätzliche Daten abgefragt. Wir hatten heute mehrere Rückmeldungen von Hörern, die bei den Befragungen mitgemacht haben und die dabei auch Angaben zu der Partei machen sollten, die sie beim letzten Mal gewählt haben - Stichwort Wählerwanderung - oder Angaben zum Geschlecht, der Altersgruppe und dem Bildungsabschluss oder Beruf. Daraus entstehen dann die Grafiken, die uns ab 18 Uhr im Fernsehen präsentiert werden. Ganz wichtig ist dabei natürlich die Prognose, die so präzise ist, dass - mit Ausnahme der FDP - sofort alle wissen, ob sie nun lachen oder weinen sollten. Und Dr. Siegel ist auch ziemlich stolz auf seine Zahlen.

Es gibt so gut wie gar kein sozialwissenschaftliches Phänomen, bei dem Sie eine Untersuchung durchführen und so kurze Zeit später mit der Wahrheit konfrontiert werden.

Dr. Nico Siegel, Geschäftsführer Infratest Dimap
Eine Wahlurne 14 min
Bildrechte: MDR/Konrad Herrmann

Woher wissen die Wahlstudios, wer wie gewählt hat? Wie solche Prognosen entstehen, hat Thomas Becker Dr. Nico Siegel von Infratest Dimap gefragt.

MDR THÜRINGEN - Das Radio Di 19.11.2019 11:58Uhr 13:48 min

https://www.mdr.de/mdr-thueringen/audio-redakteur-wahlen-prognosen-100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Audio

In der Tat kommt das vorläufige amtliche Endergebnis, das ja auf Basis der Auszählungen vom Landes- bzw. Bundeswahlleiter veröffentlicht wird, nur wenige Stunden nach der ersten Prognose. Und die Abweichungen sind meistens im Null-Komma-Prozent-Bereich. Interessant in diesem Zusammenhang ist auch die Frage, wie eigentlich eine solche Erhebung repräsentativ wird. Muss man dafür sorgen, dass die Gesamtbevölkerung mit all ihren Strömungen, Lehrern, Arbeitern, Kinderlosen, Klugen, Kleinen oder Philatelisten heruntergebrochen wird auf weniger hundert oder tausend Leute? Nein, das das ist keine Modelleisenbahn von Deutschland. Davon, so Nico Siegel, ist man schon lange weg. Mr. Zufall ist hier der beste Freund. Und die sogenannte "Allgemeinheit" ist die Gruppe, um die es geht. Also am Wahltag wären das die Wähler vor den Wahllokalen.

Wenn jeder, der zu dieser Allgemeinheit zählt, die gleiche Chance hat, in die Stichprobe zu kommen, dann erreichen Sie im Endeffekt, dass anteilsmäßig genauso viele Frauen wie Männer in der Stichprobe sind, wie in der allgemeinen Bevölkerung sind.

Dr. Nico Siegel, Geschäftsführer Infratest Dimap

Und man erfährt dann natürlich auch, wie sich die Parteipräferenzen verteilen. Ganz wichtig dabei ist aber, dass wirklich jeder Wähler oder Wahlberechtigte (bei Vorwahlbefragungen) ausgewählt werden könnte. Dafür muss gesorgt werden bei der Auswahl der Wahllokale. Das bedeutet, dass man sich nicht - wie das im Internet oft geschieht - nur in bestimmten "Blasen" bewegen darf mit den Erhebungen, sprich nur in bestimmten Bevölkerungsgruppen oder Gegenden. Wenn Sie in einer Veganer-Facebookgruppe fragen, wer gerne Bratwurst isst, kämen Sie ja auch nicht auf die Idee, das Ergebnis auf ganz Deutschland hochzurechnen. 

Das geht am besten, wenn man sich das wie eine große Urne vorstellt. Jeder Mensch wird darin mit einer Kugel repräsentiert, wenn wir zufällig ziehen. Wenn ausreichend viele Befragte in der Stichprobe sind, bilden wir bestimmte Strukturen, die für das Wahlverhalten relevant sind, am besten ab.

Dr. Nico Siegel, Geschäftsführer Infratest Dimap


Tausend Personen etwa sind für repräsentative Befragungen oftmals schon ausreichend. Aber inwiefern beeinflussen diese Umfragen das Verhalten der Wähler? Ein gewisser Herdentrieb ist uns Menschen ja nicht abzusprechen. Nur ist noch nicht sicher ausgemacht, wohin die Schäfchen wirklich laufen. Eine Theorie besagt, sie laufen dem größten Schaf hinterher (man orientiert sich an der Partei mit den meisten Prozenten) oder man nimmt sich aus Mitleid des kleinsten Lämmchens an. Und es gibt noch mehr Theorien. Und es gibt auch Länder, die Wochen vor der Wahl aus diesen Gründen keine Umfragen mehr zulassen. Bei uns ist der Wahltag gesetzlich tabu, die Tage davor waren es auch mal. Allerdings beruhte das auf Freiwilligkeit der Medien, an die sich aber dann nicht mehr alle hielten. Ob das nun gut ist oder schlecht, das ist eben nicht abschließend erforscht. Die Kollegen von MDR WISSEN haben dazu einiges zusammengetragen:

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 19. November 2019 | 16:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 20. November 2019, 08:07 Uhr

3 Kommentare

Atheist vor 2 Wochen

Ich muss sagen das ich leider das Vertrauen bei Wahlen voll verloren habe.
Viel zu oft hört man von bewusst falsch ausgezählten Wahlzelltel (Bremen)
Dazu habe ich Bauchschmerzen bei den Briefwahlen besonders bei Altersheimen.
Es ist doch komisch das genau die ü60 die Linken gewählt haben sollen.
Leider haben wir keine Journalisten mehr die da mal recherchieren würden, aber die widmen sich lieber anderen Themen.

Jedimeister Joda vor 2 Wochen

Ob die Erkenntnisse zu irgendetwas taugen? Wahlen wären längst verboten, wenn sie etwas ändern würden. Ob ein zwei Kreuze Demokratie sind, ist mindestens zu bezweifeln. Es wird als Demokratie bezeichnet, aber ob die Erwählten den Willen des Wählers auch in die Praxis umsetzen ist eher unwahrscheinlich. Ein Sprichwort sagt: Wenn Du willst,daß etwas richtig gemacht wird, dann mußt du es selbst machen. Viel Glück wünscht Jedimeister Joda von einer weit entfernten Galaxis

Fakt vor 2 Wochen

Warum sollten seriöse Journalisten irgendwelchen kruden Verschwörungstheorien nachlaufen und zu einem Problem recherchieren, dass es gar nicht gibt?