Blick auf den Marktplatz in Suhl
Der Marktplatz in Suhl Bildrechte: dpa

Der Redakteur | 21.10.2019 Wie abgehängt ist Thüringen?

Harald Werner aus Suhl hat sich beim Redakteur mit dieser Frage gemeldet: Es ist immer wieder von "abgehängten Regionen" die Rede. Genannt werden da explizit Ostthüringen, Nordthüringen und Südthüringen. Welche Kriterien liegen dem zugrunde? Warum "muss" ich mich in Suhl abgehängt fühlen?

von Thomas Becker

Blick auf den Marktplatz in Suhl
Der Marktplatz in Suhl Bildrechte: dpa

Nein, es ist nicht alles schlecht. Auch nicht in den angeblich "abgehängten Regionen" Nordthüringen, Ostthüringen und Südthüringen. Allerdings ist es auch nicht so, dass wir uns entspannt im Sessel zurücklehnen sollten. Wenn schon, dann im Bett. Aber der Reihe nach.

Dutzende Wissenschaftler haben an der Studie mitgeschrieben und -gerechnet, die das Institut der deutschen Wirtschaft im Sommer herausgegeben hat. Diese Studie wird gern zitiert, wenn den drei genannten Regionen der Stempel "abgehängt" aufgedrückt wird. Es geht in der Studie schon im Titel um die "Zukunft der Regionen in Deutschland" in ihrer ganzen Vielfalt, gepaart mit Gleichwertigkeit. Bedeutet: "Gleich" wird es niemals werden, weil sich das Hausberg-Biotop für Berlin-Marzahn genauso wenig umsetzen lässt, wie der fünfminütige U-Bahn-Takt in Mengersgereuth-Hämmern.

Für die Studie wurden drei große Bereiche analysiert: Demografie, Infrastruktur und Wirtschaft. Diese wiederum sind in Kriterien "zerlegt", die einzeln betrachtet werden. Bei der Wirtschaft sind es Arbeitslosenquote, BIP je Einwohner, Kaufkraft und die Überschuldung privater Haushalte. Bei der Infrastruktur sind es Breitbandausstattung, Ärztedichte, die Kommunale Verschuldung oder die Immobilienpreise und bei der Demografie sind es die Geburtenrate, die Lebenserwartung, das Durchschnittsalter und die Zahl der Einwohner.

Dr. Ralph Henger 11 min
Bildrechte: MDR/Institut der Deutschen Wirtschaft

Und genau da sind unsere großen Thüringer Probleme zu finden. Wir sind salopp gesagt zu alt, zu wenige und - das ist der Bereich Infrastruktur - unser Internet ist zu langsam. Das sind allerdings alles Probleme, die andere Regionen auch haben, bei denen aber noch viel schwierigere wirtschaftliche Probleme hinzukommen, nebst hoher Arbeitslosigkeit und Verschuldung. Da geht es  in Thüringen so manchem "abgehängten" Dorf richtig gut, das mit neuen Straßen und Gehwegen punkten kann und mit einem sanierten lebendigen Ortskern. Und genau das muss auch erreicht werden, so die Autoren der Studie.

Viele Gemeinden machen das schon sehr gut, überall wo Kooperationen gut funktionieren, engagierte Bürgermeister und Bürger zusammenarbeiten, da klappt das wunderbar.

Ralph Henger, Institut der deutschen Wirtschaft, Mitautor der Studie

Vitale Dorfkerne und Strukturen, in denen man leben möchte, statt leerer Läden und halbfertiger Gewerbegebiete oder Neubaugebiete am Ortsrand für die zugezogenen "Neureichen". Hier wurde in den vergangenen 30 Jahren auch viel falsch gemacht. Auch die Abwanderung der jungen Leute in die großen Städte und Ballungszentren hat man über Jahrzehnte quasi gefördert, weil eben dort die Bedingungen und Strukturen geschaffen oder erhalten worden sind, die es auf dem Dorf schon lange nicht mehr gibt.

Hier fordern die Wissenschaftler ein Umdenken, das auch schon stattfindet bei der Auflegung von Förderprogrammen für den ländlichen Raum. Salopp gesagt: Statt die neue Wohnscheibe auf teurem Gelände in der Innenstadt zu fördern, sollten mit dem Geld lieber zehn Ortskerne auf dem Land in Schuss gebracht werden. Denn die Bereitschaft junger Leute aufs Land zu ziehen oder dort zu bleiben, ist durchaus gegeben, zumal oft die Arbeitsplätze sogar vorhanden sind bzw. geschaffen werden könnten. Und auch eine Firma passt bei ihren Ansiedlungsplanungen auf, nicht in der völligen Pampa zu landen. Das Stichwort "lebenswert" tauchte dabei immer wieder auf. Was bietet eine Gemeinde, dass man sich dort als Familie wohlfühlen kann? Den sanierten Ortskern hatten wir schon. Die schöne Landschaft haben wir in Thüringen sowieso. Und der Rest ist die Aufgabe der Politik oder von uns allen.

Es geht um Daseinsvorsorge, um Schulen und Kindergärten, aber es geht auch um eine lebendige Gemeinschaft.

Prof. Dr. Peter Dehne Hochschule Neubrandenburg, Mitautor der Studie

Quelle: MDR THÜRINGEN/dr

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 21. Oktober 2019 | 17:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 22. Oktober 2019, 08:27 Uhr

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