Der Redakteur | 13.01.2020 "So klug als wie zuvor": Welche Formulierung ist korrekt?

"Ich bin so groß wie du." Aber: "Ich bin älter als du." - So hat es Renate Henze aus Apolda in der Schule gelernt. Im Alltag hört sie aber immer häufiger nur noch das "Wie". Sie möchte wissen: "Bin ich rückschrittlich?"

von Thomas Becker

Eine Hand greift nach einem Duden.
Neben dem Wortschatz kann sich im Laufe der Zeit auch die Grammatik einer Sprache ändern. Bildrechte: imago/Future Image

Zunächst müssen wir immer unterscheiden zwischen Standardsprache, Umgangssprache und Dialekten. Das heißt, dieses standardsprachlich eindeutig falsche "Wie", das in Dialekten wie selbstverständlich gesprochen wird und sich auch in die Umgangssprache einschleicht, das könnte es auch in unsere Standardsprache schaffen. Wenn wir nicht aufpassen. Und mit "wir" sind die gemeint, die als Autoren, Schriftsteller, Publizisten oder Journalisten standardsprachliche Texte veröffentlichen. Nicht standardsprachliche Texte wären dann also zum Beispiel SMS-Geschreibsel und "Twitter-LOL" oder Ortschroniken auf Plattdeutsch. Es hilft aber nicht, hilfesuchend nach dem Duden zu rufen, denn der ist keine Grammatikpolizei.

Wir schauen auf Publikationen, auf gegenwartsprachliche Texte, von denen wir annehmen, dass sie standardnah sind.

Ilka Pescheck, Duden-Verlag

"Da steh ich nun, ich armer Tor..."

Mehrere Duden-Ausgaben stehen nebeneinander. 10 min
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Redakteur Thomas Becker hat Ilka Pescheck vom Duden-Verlag zum Thema Sprach-Veränderung interviewt.

MDR THÜRINGEN - Das Radio Mo 13.01.2020 16:10Uhr 10:14 min

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Wir sind also beim Spiegel, in der Zeit, in der FAZ und bei vielen Schriften kluger Leute, die sich ebenfalls der Standardsprache bedienen. Das bedeutet: Wenn sich in solchen Publikationen eine Entwicklung über einen längeren Zeitraum hinweg verfestigt und Wörter oder Formulierungen wiederkehrend neu oder anders gebraucht werden, dann steht irgendwann "googeln" im Duden. Bis es wieder rausfliegt, weil es völlig veraltet ist. Zu unser aller Beruhigung können wir also festhalten: Es reicht nicht, etwas nur oft genug falsch zu sagen, damit es irgendwann richtig wird. Die fehlende Eingriffsmöglichkeit irgendeiner sprachlichen Oberinstanz mag man trotzdem bedauern, sie bietet aber unserer Sprache auch die Chance, sich weiterzuentwickeln. Andernfalls würden wir heute noch so sprechen wie im Mittelalter und da war bekanntlich auch nicht alles gut. Und gerade diese Als-Wie-Kombination ist ein wunderbares Beispiel für Sprachentwicklung. "Da steh ich nun, ich armer T(h)or! Und bin so klug als wie zuvor..." Goethe und Faust und als und wie am Stück, wie kommt das? Es war üblich damals. Wer aber heute sagt: "Ich bin klüger als wie du", der liegt eindeutig falsch. So entwickelt sich Sprache. Trotzdem gibt es auch Sätze, die beides erlauben. Das Wie oder das Als.

Wenn ich sage: 'Ich möchte so lange wie möglich bleiben', könnte ich auch sagen: 'Ich möchte so lange als möglich bleiben'.

Dr. Elke Galgon, Lehrstuhl Germanistische Sprachwissenschaft Uni Erfurt

Nun sind wir uns also einig, dass ein Satz wie "Sie ist größer als er" heute richtig ist in unserer Standardsprache und "Sie ist größer wie er" falsch ist. Doch es gibt noch eine weitere heute falsche Variante. Wir kennen sie noch "rudimentär", wenn wir feststellen, dass ein Mädchen gewachsen ist. Dann ist es nämlich "größer denn je". Wir haben also zu unserem "Als" und dem "Wie" noch das "Denn".

Statt 'Sie ist größer als er' hätte man in veralteter Form gesagt: 'Sie ist größer denn er'. Das war mal verbreitet.

lka Pescheck, Duden-Verlag

Starker Medienkonsum hat Auswirkungen auf Hirn-Entwicklung

Nun können wir uns weiterhin über falsche Formulierungen ärgern, besonders, wenn der Nachwuchs dabei ist, unsere Sprache zu verbiegen. Aber möglicherweise sind diese Entgleisungen nur ein Zeichen für ein viel schlimmeres Problem.

Neurobiologen haben festgestellt, dass Affen einfache Sätze leichter verstehen können als kompliziert gebaute Sätze. Das hängt damit zusammen, dass sie ein bestimmtes Sprachareal im Gehirn nicht ausgebildet haben. Das sogenannte Broca-Areal.

Dr. Elke Galgon, Lehrstuhl Germanistische Sprachwissenschaft Uni Erfurt
Der Haupteingang der Universität Erfurt. 16 min
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Im Interview: Dr. Elke Galgon, Lehrstuhl Germanistische Sprachwissenschaft der Universität Erfurt

MDR THÜRINGEN - Das Radio Mo 13.01.2020 16:10Uhr 15:47 min

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Dort werden grammatische Strukturen entschlüsselt. Und jetzt wird es bitter: Wir laufen unter Umständen Gefahr, uns zum Affen zu machen. Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Kognitionswissenschaften und US-Wissenschaftler haben festgestellt, dass übermäßiger Medienkonsum im Kindesalter die Entwicklung bestimmter Hirnareale verhindert. Vielleicht ist ja auch das Broca-Areal betroffen. Und man weiß noch nicht genau, ob das letztlich reparabel ist. Angesichts der sprachlichen Fähigkeiten vieler Schulabgänger könnte man vermuten, dass die Monteure beim Reparieren des Broca-Areals keinen Erfolg hatten. Neudeutsch: "…kein Erfolg hatten". Analog dazu: "Ich gebe dir ein Euro" - auch das ist falsch. Ich gebe dir einen Euro, das wäre richtig. Und die vielbeworbenen günstigen Artikel in der Werbung sollten - auch wenn alles ganz billig ist - demzufolge auch einen Euro kosten, damit wenigstens die deutsche Sprache noch einen Restwert hat. "Eine Autofahrerin beleidigte ein Fußgänger." Dieses Beispiel brachte Elke Galgon ebenfalls ins Gespräch. Dabei müsste es auch hier heißen: "Eine Autofahrerin beleidigte einen Fußgänger." Sonst ist es nämlich gar nicht so klar, wer eigentlich beleidigt wurde. Die Autofahrerin, der Fußgänger oder nur die deutsche Grammatik.

Es muss einen systematischen Grammatikunterricht geben. Und der ist in den letzten Jahren einfach vernachlässigt worden. Und wenn man die Grammatik seiner Muttersprache nicht beherrscht, dann ist es umso schwerer, Fremdsprachen zu erlernen. Die Ergebnisse sind leider katastrophal und wir haben an der Uni mit diesen Studierenden große Probleme.

Dr. Elke Galgon, Lehrstuhl Germanistische Sprachwissenschaft Uni Erfurt

Viele Kinder sind der Herausforderung, den Sinn von Texten zu erschließen, nicht gewachsen. Das zeigte uns Pisa zuletzt. Grammatikunterricht sollte auch deshalb nicht in der Grundschule enden, sondern weitergeführt werden bis in die gymnasiale Oberstufe, so Elke Galgon. 

Wenn sich nicht in naher Zukunft etwas ändert in unserem Schulunterricht, dann wird mir angst.

Dr. Elke Galgon, Lehrstuhl Germanistische Sprachwissenschaft Uni Erfurt

Quelle: MDR THÜRINGEN/mm

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 13. Januar 2020 | 16:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. Januar 2020, 14:00 Uhr

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