Der Redakteur | 22.01.2019 Wie sinnvoll ist ein Tempolimit?

Seit Beginn der aktuellen Diskussion über ein Tempolimit in Deutschland ist dies ein häufig angesprochenes Thema am MDR Thüringen - Servicetelefon. Das Tempolimit bewegt uns, selbst wenn wir im Stau stehen. Deshalb beschäftigt sich heute der Redakteur mit diesem Thema, das die Nation spaltet: "Wie sinnvoll ist ein Tempolimit?“

von Thomas Becker

220 km/h zeigt ein Tacho eines PKW
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das Problem an der Diskussion rund ums Tempolimit ist, dass sie sehr emotional geführt wird. Jeder hat zwar eine Meinung, aber es sind einfach nicht genügend Fakten für alle da. Und wenn, dann sind sie nur schwer zu einem Gesamtbild zusammenzufügen. Unfallhäufigkeit, Schadstoffausstoß, Stauentstehung, überall wird das Tempolimit auf den Tisch gelegt. Ob es aber wirklich der Schlüssel zur Lösung der Probleme ist, das weiß offenbar keiner so richtig. Das ist auch der erste Kritikpunkt, den Deutschlands Stauforscher Nr. 1 angebracht hat.

Das sind oft alte Studien aus den 80ern, die da zitiert werden. Ich finde es traurig, dass man seitens des Gesetzgebers nicht versucht, aktuell konkrete Daten zu präsentieren.

Prof. Dr. Michael Schreckenberg Verkehrs- und Stauforscher Universität Duisburg-Essen

Zu wenig Daten?

Tachoanzeige bei 130 km/h
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das liegt vor allen daran, dass es sie nicht gibt. Er fordert deshalb eine neutrale Institution, die die Diskussion begleitet und die sich das Ganze unaufgeregt anschaut. Denn was ist sinnvoll? Sind es 120 oder 130? Und wofür? Retten wir mit Tempo 120 die Welt oder nur den Wald? Reduzieren wir damit die Unfallzahlen oder die Aufmerksamkeit? Kommen wir damit am Ende schneller voran oder langsamer? Die Unterschiede in der Diskussion waren auch zwischen den Experten deutlich und es ist zu befürchten, dass viele in Teilen Recht haben. So hat Professor Schreckenberg ein großes Problem damit, dass wir immer mehr abgelenkt werden im Auto. Das Telefonieren ist dabei gar nicht mehr das Thema, sondern dass viele Autofahrer in den sozialen Netzwerken unterwegs sind und gleichzeitig auf der Straße. 

Ich habe viele Untersuchungen gemacht zu Unfällen, bei denen die Ablenkung der eigentliche Grund war. Hier müssten wir unser Augenmerk darauflegen.

Prof. Dr. Michael Schreckenberg Verkehrs- und Stauforscher

Und – so seine Erkenntnisse – mit zunehmender Langeweile zum Beispiel bei ruhigen 120 auf einer dreispurigen leeren Autobahn, neigen wir offenbar dazu, uns mit anderen Dingen zu beschäftigen. Und sei es auch nur, dass die Gedanken wegdriften. Den Drang zu Tempo 30 überall in der Stadt sieht er deshalb kritisch und empfiehlt, einmal eine halbe Stunde mit Tempo 30 zu fahren. Zumal die modernen Autos mit ihren Entertainmentmöglichkeiten verlockende Angebote machen und gleichzeitig Dinge wie "Schulterblick" von elektrischen Helferlein übernommen werden. Bremsassistenten, Tempomat oder Spurhalteassistent sind weitere Dinge, die uns das Autofahren erleichtern sollen, aber eben auch die Sorglosigkeit erhöhen. Im Fußball entstehen an dieser Stelle Pokalüberraschungen, weil die Großen glauben, mit halber Konzentration ans Ziel zu kommen. Dort ist es maximal ärgerlich, im Straßenverkehr gefährlich bis tödlich.

Sicht der Rettungskräfte

Autobahn und Schild mit Tempolimit 120 km/h.
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Nun kann aber im Umkehrschluss das Rasen nicht zum Pflichtprogramm gemacht werden, nur damit sich unser Adrenalinspiegel erhöht. Und trotzdem war beim Deutschen Berufsverband Rettungsdienst e.V. die Begeisterung über die Tempolimit-Diskussion verhalten. Aus Sicht der Rettungskräfte gibt es nämlich wichtigere Probleme, die sofort angegangen werden müssten. Die Kontrollen auf Drogen und Alkohol müssten zum Beispiel verstärkt werden. Kinder würden nicht richtig gesichert, weil die Eltern im Rausch unterwegs sind und gegen Geisterfahrer gäbe es nach wie vor kein wirksames Konzept.

Trotzdem  befürworten die Retter natürlich ein Tempolimit und zwar mit dem Hinweis auf die Physik und die Tatsache, dass die Kräfte auf den Körper mit jedem zusätzlichen Stundenkilometer zunehmen. Aber die Retter warnen auch  vor falschen Hoffnungen mit Blick auf die Zahlen bei den Verkehrstoten oder Schwerverletzten.

Wir stellen fest, dass über die Hälfte der 3.300 Unfalltoten ungeschützte Verkehrsteilnehmer sind. Also Fußgänger und Zweiradfahrer.

Marco König Vorsitzender Deutscher Berufsverband Rettungsdienst e.V.
Rettungswagen
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Und die sind gewöhnlich nicht auf Autobahnen unterwegs. Dort stehen übrigens auch keine Messstationen, die sicher erfassen, welche Geschwindigkeiten welche Auswirkungen haben. Physikalisch sind die 120 im 6.Gang natürlich gar nicht so schlecht, weil in diesem Drehzahlbereich die Motoren bei wenig Verbrauch und Schadstoffausstoß verschleißarm vor sich hintuckern. Aber ob das reicht, um das Klima zu retten? Im Gegensatz zum Schadstoff-Orkan der Chinesen liefern wir nur ein laues Lüftchen. Vermutlich, denn aktuell wissen wir noch nicht einmal, ob an unseren Straßenkreuzungen richtig gemessen wird. Selbst die Enzyklopädie Wikipedia scheitert in ihrer "Liste der größten Kohlenstoffdioxidemittenten" an derselben Stelle, die schon Prof. Schreckenberg kritisiert hat. Ganz oben auf der Seite ist zu lesen: "Teile dieses Artikels scheinen seit 2011 nicht mehr aktuell zu sein. Bitte hilf mit, die fehlenden Informationen zu recherchieren und einzufügen." Irgendwie fehlen offenbar auch hier die aktuellen Daten.

Wenn dann Expertenkommissionen befragt werden, dann werden diese Aussagen sofort wieder vom Tisch gewischt. Aber da sind auch Experten dabei, die für das Thema gar nicht geeignet sind. Hier sehe ich einen großen Nachholbedarf.

Prof. Dr. Michael Schreckenberg Verkehrs- und Stauforscher Universität Duisburg-Essen

Das klingt gut, allerdings muss man ehrlicherweise auch dazu sagen, dass die Experten, die solche Studien fordern, diese natürlich dann auch durchführen werden, weil sie eben die Experten sind. Es wäre aber wohl zu billig, hier ein bloßes Eigeninteresse zu unterstellen. Deswegen erscheint es am Ende doch, klug zu sein, wenn sich zunächst die klugen Köpfe zusammensetzen würden. Möglicherweise kommt am Ende ein Tempolimit heraus als ein (kleiner) Beitrag für sauberere Luft. Aber so lange der Flugverkehr weiter zunimmt und die Kreuzfahrtstinker fast bis in die Hamburger Innenstadt schippern, wird vielen Autofahrern nicht einleuchten, warum sie langsamer fahren sollen. Auch wenn der von Verkehrsminister Scheuer auf interessante Weise ins Spiel gebrachte "gesunde Menschenverstand" eigentlich sagt, dass man von Tempo 120 oder 130 schneller herunterbremsen kann als von Tempo 200 und schon das die Sicherheit erhöht. Und sicher ist noch etwas: Deutschland würde auch bei einem Tempolimit von 120 nicht zum Stillstand kommen.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 22. Januar 2019 | 16:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 22. Januar 2019, 17:13 Uhr

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6 Kommentare

23.01.2019 20:11 Alexander Seitz 6

Ich glaube ein Tempolimit ist unnütz. Es gibt so viele Staus, Baustelle und Langsamfahrstellen die unsere Geschwindigkeit ausbremsen. Wir sollten nicht die wenigen Stelle mit unbegrenzter Geschwindigkeit auch noch ausbremsen. Davon abgesehen finde ich ein Tempo 120/130 eher ermüdend und sehe darin die Unfallgefahr durch einschlafen wesentlich erhöht.

23.01.2019 14:05 Rolf Pabst 5

Im Hinblick auf die Menschen die wegen Raserei und Drängelei jährlich ihr leben lassen müssen ist es an der Zeit auch in Deutschland ein Tempolimit einzuführen das in anderen EU Ländern bereits selbstverständlich ist.