Der Redakteur | 07.01.2020 Warum sind die Vögel verschwunden?

Seit vielen Jahren füttert Marlies Geidner-Girod aus Nöbdenitz die Wintervögel. Bis vor etwa einem Monat kam sie mit dem Füttern kaum nach. Nun aber tut sich kaum noch etwas am Futterhaus. Wo sind die Vögel hin?

von Thomas Becker

Vögel am Fettkloß
Vögel mögen selbstgemachtes Futter. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Zunächst besteht bezüglich unserer Gartenvögel kein Grund zur Panik. Die Bestände in unseren Siedlungsräumen sind seit Jahren relativ stabil, das weiß niemand besser als der NABU, der die Gartenvögel regelmäßig durchzählen lässt. Und es ist tatsächlich so lächerlich banal, wenn die Vögel nicht bei mir sind, dann sind sie halt woanders. Vielleicht beim Nachbarn oder im Nachbarort oder im Wald. Kann sein, dass das Futter dort besser schmeckt, muss aber nicht.

Das ist ganz anders als zur Brutzeit im Frühjahr, wenn die Vögel an ihr Revier gebunden sind, weil dort ihr Nest ist und sie ihre Jungen füttern müssen. Im Winter sind sie da wesentlich flexibler.

Lars Lachmann, NABU-Vogelschutzexperte
Blaumeise an selbstgemachtem Fettfutter in weihnachtlicher Ausstechform 18 min
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Warum verschwinden die Vögel plötzlich vom Futterhaus?

MDR THÜRINGEN - Das Radio Di 07.01.2020 15:22Uhr 18:22 min

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Und es kommt noch ein weiterer Aspekt dazu. Auch Standvögel sind mitunter Zugvögel, wenn auch nicht auf der Langstrecke unterwegs. Das bedeutet:  Wenn Kälte droht, fliegen unsere Meisen schon gern mal ein Stückchen nach Süden und die Meisen, die wir dann bei uns im Garten haben, sind eingewanderte Nordlichter. Den Unterschied merken wir als Laien nicht. Wir merken es nur, wenn unsere Meisen nach Süden geflogen sind und der Trupp aus dem Norden ausbleibt, weil es dort wärmer ist als gewohnt. Eine solche Fluktuation in winterlichen Gärten ist also völlig normal. Für uns interessierte und beobachtende Vogelhäuschenaufsteller ist das aber die gefühlte Wahrheit. Den Vogel, den ich nicht sehe, gibt es nicht. Wenn das so einfach wäre, müssten die Vogelexperten nur die Vögel in ihrem eigenen Garten zählen. Machen sie aber nicht, sie erheben die Daten bundesweit. Deshalb darf bei der "Stunde der Wintervögel" am kommenden Wochenende wieder jeder mitmachen.

Stunde der Wintervögel Beobachtungen können unter www.stundederwintervoegel.de bis zum 20. Januar gemeldet werden. Am Samstag und Sonntag (11. und 12. Januar) können Sie jeweils von 10 bis 18 Uhr Ihre Stundenbeobachtung telefonisch melden. Kostenlos unter 0800-1157-115.

Damit können Sie einen Beitrag leisten für das Gesamtbild. Zumindest was unsere Gartenvögel betrifft. Außerdem können Sie Ihre Sinne für die Vögel im heimischen Umfeld schärfen. Denn genau das sind die beiden Gründe für die Vogelzählung, die der NABU zweimal jährlich veranstaltet.

Im vergangenen Jahr haben da 138.000 Menschen mitgemacht und  wenn man eine so große Stichprobe hat, dann kann man wirklich sagen, ob die Vogelzahlen zunehmen oder abnehmen.

Lars Lachmann, NABU-Vogelschutzexperte

Weniger Feldlerchen, Kiebitze und Rebhühner

Nun ist es tatsächlich so, dass vor zehn Jahren im Winter noch durchschnittlich 40 Vögel pro Stunde und Garten gezählt wurden und zuletzt nur noch 37, aber die Vogelexperten würden daraus nicht direkt den Schluss ziehen, dass es tatsächlich weniger Vögel gibt. Die größeren Wanderungsbewegungen von Nord nach Süd haben wir schon angesprochen, aber es gibt noch eine zweite und zwar von der Stadt zum Wald. Denn dort finden unsere Gartenvögel in milden Wintern noch reichlich Nahrung und erst wenn der Schnee dort etwas höher liegt, nehmen sie unser Fastfood-Angebot vom Fly-in-Schalter wahr.

Das könnte man alles jetzt durchaus dem Klima in die Schuhe schieben, so wie auch die Beobachtung, dass  der Star als Zugvogel es angesichts unserer milderen Winter nicht mehr für nötig hält, wenigstens bis Frankreich zu fliegen. Er überwintert oft schon in Westdeutschland, während es bei uns im Osten im Winter kaum Stare gibt. Ausnahme: große Städte wie Berlin. Das ist eine Entwicklung, die die Vogelexperten interessiert, aber relativ entspannt zur Kenntnis nehmen. 

Spatzen am Futterhaus: In der Morgensonne am Mittwoch tummelten sich Sperlinge an einem Futterhaus in Wanzleben. 3 min
Bildrechte: Hagen Uhlenhaut

Alle Vögel sind schon da – ober eben schon weg. So unterschiedlich sind die Beobachtungen in Thüringen.

MDR THÜRINGEN - Das Radio Di 07.01.2020 15:24Uhr 03:17 min

https://www.mdr.de/mdr-thueringen/audio-hoerertoene-voegel-100.html

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Beängstigend hingegen ist die Entwicklung bei den Feldvögeln, also von der Feldlerche über den Kiebitz bis zum Rebhuhn. Dort haben Vogelexperten seit 1980 einen Rückgang um ein Drittel ausgemacht, der durchaus mit der Verknappung des Lebensraumes zu tun hat. Hier arbeiten die Vogelexperten gemeinsam mit der Landwirtschaft an Lösungen.

Das "Abholzen" von Windrädern wird da aber nicht dazu gehören, denn dann müssten wir auch unsere Katzen einsperren und zwar hinter Gittern und nicht hinter vogelfeindlichem Glas. Katzen werden - so NABU-Vogelschutzexperte Lars Lachmann - mit Millionen getöteten Vögeln pro Jahr in Verbindung gebracht. Das ist bei fast 15 Millionen Katzen in Deutschland nicht sehr verwunderlich. Fensterscheiben sind mit 100 Millionen Opfern dabei (es helfen einfache Aufkleber). Dagegen sind die Windkraftanlagen mit Größenordnungen von 100.000 bis 200.000 getöteten Vögeln nicht das allergrößte Problem für unsere Vogelwelt.

Gleichwohl sind es größere Vogelarten, besonders Greifvögel, die den Flügelschlägen zum Opfer fallen und damit dann doch wieder punktuell zu einem größeren Problem werden. Denn diese Vögel gibt es nicht so zahlreich und so fällt ein Greifvogel, der vom Windrad erwischt wird, eben mehr ins Gewicht, als der Spatz, den die Katze fängt. Deswegen ist der Schutz des Rotmilans beispielsweise schon ein wichtiges Thema bei der Planung neuer Windräder. Die Zahlen sind übrigens – auch wenn es um Vögel und Windräder geht – nicht aus der Luft gegriffen. Das Bundesamt für Naturschutz hat im Rahmen des Programms "Progress" systematische Totfundsuchen durchgeführt bzw. durchführen lassen. Und die Experten sind bei ihrer systematischen Suche vor Ort eben zu ganz anderen Zahlen gekommen als Windkraftgegner auf ihrer Suche bei Google und Facebook.

Neben den Windrädern müssen wir übrigens auch Elstern und Sperber aus der Schuld nehmen. Klar, der Sperber ist ein Greifvogel, der sich fast nur von Kleinvögeln ernährt, aber das ist eine ganz natürliche Geschichte. Das hat es schon immer gegeben und ist kein Grund dafür, dass die Vögel im eigenen Garten vielleicht weniger geworden sind. Unsere Gartenvögel fliehen übrigens vor dem Sperber, das heißt: Nicht alle, die verschwunden sind, wurden von ihm gefressen. Klar, die Beobachtung einer solchen Jagd ist nichts für schwache Nerven. Doch so ganz schuldlos sind Sie mit Ihrem Vogelhäuschen an einem solchen Mordanschlag nicht. Wer ein Vogelhäuschen aufhängt, der füttert damit auch den Sperber an, sagt der Vogelexperte. Und - ja, auch das gehört zur Wahrheit - die eigene Miezekatze natürlich ebenso!

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 07. Januar 2020 | 16:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. Januar 2020, 14:13 Uhr

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