Der Redakteur | 31.05.2019 Wieso sind Realschulabschlüsse nicht gleich schwer?

MDR THÜRINGEN-Hörerin Carla Fehse aus Jena interessiert, warum müssen nicht alle Schüler der 10. Klassen in Thüringen den gleichen Realschulabschluss machen. Das Niveau der Prüfung an den Regelschulen soll deutlich niedriger sein, als das der Gymnasiasten. Am Ende gibt es dann formal den gleichen Abschluss, der aber auf unterschiedlichem Niveau erreicht wurde. Sie fragt: Wie kann das sein? Thomas Becker, unser Redakteur für Hörerfragen, hat recherchiert.

von Thomas Becker

Schüler sitzen mit dem Rücken zum Betrachter in einer Prüfung
Gleicherwertiger Abschluss, unterschiedliches Niveau - wie kommen die verschiedenen Realschulabschlüsse zustande? Bildrechte: colourbox

Um mit einem Vergleich zu starten… Stellen Sie sich vor, bei der Fahrprüfung müssen einige Fahrschüler nur eine Runde auf dem Hof drehen und andere werden in den Stadtverkehr geschickt. So ähnlich verhält es sich mit dem Realschulabschluss in Thüringen. Den auf der Regelschule bekommt man nach zehn Jahren und auch auf dem Gymnasium. Und das nach unterschiedlich schweren Prüfungen.

Natürlich sind Prüfungen immer schwer. Und die Regelschüler, die sich gerade an ihrem langen Wochenende auf die Prüfungen in der kommenden Woche vorbereiten, sind auch nicht zu beneiden. Doch sie sollten diesen glücklichen Umstand zu schätzen wissen, dass sie es deutlich leichter haben auf dem Weg zu ihrem Abschluss. Und das liegt nicht nur an der Extra-Vorbereitungszeit. Hinzu kommt die heute von Lehrern leider nur anonym geäußerte Meinung, dass der dicht gepackte Lehrplan es kaum ermöglicht, die Gymnasiasten der 10. Klasse ausreichend auf die BLF-Prüfung vorzubereiten.

Interessanterweise ist die BLF, die Besondere Leistungsfeststellung, offiziell keine Prüfung, sondern "nur" eine Klassenarbeit in Prüfungslänge und unter Prüfungsbedingungen. Auch wurde in diesem Zusammenhang kritisiert, dass die Schuljahresnote und BLF-Note zu gleichen Teilen in die Gesamtnote einfließen. Das ist für eine "Klassenarbeit" schon eine sehr große Wertschätzung. Immerhin dürfen die Prüfungen in den Regelschulen in der kommenden Woche "Prüfungen" genannt werden.

Am Ende gibt es dann nach der 10. Klasse am Gymnasium und an der Regelschule den gleichen Abschluss. Theoretisch, denn praktisch sind sie nur "gleichwertig", was sich in den Formulierungen auf den Zeugnissen niederschlägt und in anderen Bundesländern immer wieder zu Missverständnissen führt. Denn der Regelschüler bekommt einen "Realschulabschluss" und ein Zeugnis ohne Abstriche, der Abschluss der Gymnasiasten ist "eine dem Realschulabschluss gleichwertige Schulbildung" und das wird auch so im Zeugnis formuliert.

Auszug aus der Thüringer Schulordnung § 67 Realschulabschluss

(1) Ein Schüler der Regelschule erwirbt den Realschulabschluss, wenn er am Ende der Klassenstufe 10 erfolgreich an einer Abschlussprüfung nach den Absätzen 2 bis 6 teilgenommen hat und den Versetzungsbestimmungen genügt.

§ 68 Bescheinigung einer dem Realschulabschluss gleichwertigen Schulbildung am Gymnasium

(1) Dem Schüler am Gymnasium wird eine dem Realschulabschluss gleichwertige Schulbildung bescheinigt, wenn er am Ende der Klassenstufe 10 erfolgreich an der besonderen Leistungsfeststellung nach den Absätzen 2 bis 8 teilgenommen hat und den Versetzungsbestimmungen genügt.

Hinzu kommt: Der "gleichwertige" Abschluss der Gymnasiasten beinhaltet eine zusätzliche schriftliche BLF in Physik, Biologie oder Chemie, die es für die Regelschüler nicht gibt. Beide haben noch den Deutschaufsatz, die Realschüler schreiben in der Fremdsprache, die Gymnasiasten haben hier eine mehrteilige mündliche Prüfung. Also können wir nur die Mathematik für einen direkten Aufgabenvergleich heranziehen: Während die Gymnasiasten einen Teil der BLF-Pflichtaufgaben ohne Hilfsmittel bestreiten müssen, dürfen die Regelschüler, die ihren Realschulabschluss machen, für die ganze Prüfung ihren Taschenrechner verwenden. Dafür haben sie - ja, Prüfungen sind immer schwer - auch noch die deutlich leichteren Aufgaben.

Ein Vergleich der ersten Pflichtaufgaben vom Vorjahr:

Die BLF 2018 startet mit einer etwas aus der Art geschlagenen Sinus-Funktion und einer negativen Kosinus-Funktion. Beide müssen ohne Hilfsmittel gezeichnet werden. Anschließend gibt es Schnittstellenberechnungen zweier linearer Funktionen, deren Gleichungen man zuvor im Koordinatensystem ermitteln muss und dann geht's in den Bereich minus x hoch 4. Für all das sind - wie gesagt - keine Hilfsmittel erlaubt. Die auch mit Taschenrechnern ausgestatteten Regelschüler hingegen starten mit einer Prozentrechnung, bei der man zunächst einen Wert mit dem Winkelmesser aus einem Kreisdiagramm ablesen und dann einige landwirtschaftliche Prozentaufgaben lösen muss. Wieviel sind 48,5 Prozent von 396 Tonnen? Und dann hat sich noch die Anbaufläche um 13 Prozent vergrößert. Das Thüringer Bildungsministerium sieht diese Unterschiede im Schwierigkeitsgrad gerechtfertigt:

Man ist in der 10. Klasse am Gymnasium auf einem anderen Niveau. Es wird auf einem anderen Niveau unterrichtet. Insofern sind die Unterschiede notwendig in den verschiedenen Schularten.

Frank Schenker, Sprecher Thüringer Ministerium für Bildung, Jugend und Sport

Nun wäre das sogar nachvollziehbar, wenn das am Ende im Abschluss für Außenstehende zweifelsfrei nachvollziehbar wäre und es nicht auch noch Nachteile für die geben würde, die den schwereren Weg zu ihrem Realschulabschluss gehen mussten. In einem geschilderten Fall soll die Bundeswehr das "dem Realschulabschluss gleichgestellte" Zeugnis eines Sportgymnasiasten, der in der 11. Klasse in eine Bundeswehrausbildung wechseln wollte, nur als Hauptschulabschluss (Klasse 9) anerkannt haben. Ein ähnlicher Fall in Bayern führte zu einer "Ehrenrunde". Also, der Schüler aus Thüringen musste nach dem Umzug der Eltern die 10. Klasse trotz bestandener BLF (Zitat: "Was ist das denn?") noch einmal absolvieren, damit er dann das gleiche Niveau habe, wie seine bayrischen Mitschüler. Das kann eigentlich so nicht sein, entgegnet da Frank Schenker und schickte den Beweis gleich schriftlich. Denn die Kultusminister der Länder haben das ganz anderes beschlossen.

Am Gymnasium kann am Ende der Jahrgangsstufe 10 nach den Bestimmungen der Länder der Mittlere Schulabschluss oder ein ihm gleichgestellter Abschluss erworben werden. (…) Die Abschlüsse und Berechtigungen (…) werden gegenseitig generell anerkannt.

(Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 03.12.1993 i.d.F. vom 25.09.2014)

Seine Empfehlung, wenn es nach einem Umzug in ein anderes Bundesland oder zum Start einer Ausbildung Schwierigkeiten geben sollte: direkt an das Thüringer Ministerium wenden. Die Adresse: Poststelle@tmbjs.thueringen.de Dann wird auch direkt geholfen, denn die Vereinbarung ist eindeutig und man kann nur tätig werden, wenn man die konkreten Fälle auch kennt.

Wir haben ein großes Interesse daran, dass die Leistungen, die an unseren Schulen erbracht werden, auch anerkannt werden. Da lassen wir auch keine Ausnahmen zu, das würde ja das ganze System in Frage stellen.

Frank Schenker, Sprecher Thüringer Ministerium für Bildung, Jugend und Sport

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 31. Mai 2019 | 16:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 31. Mai 2019, 17:13 Uhr

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.