Der Redakteur | 14.06.2019 Wo sind die Tischsitten abgeblieben?

Sind heute "Tischsitten" nicht mehr wichtig? Die Kinder lecken das Messer ab und niemand stört sich daran. Sind die Tischsitten von einst heute antiquiert? Das wollte Renate Henze aus Apolda wissen.

von Thomas Becker

Eine junge Frau serviert Essen an einem Tisch, an dem junge Menschen sitzen
Beim Azubi-Dinner lernen die künftigen Gastronomen, wie sie sich zu benehmen haben. Bildrechte: MDR/Florian Glatter

Die Tischsitten im Wandel der Zeiten. Der Blick in die Historie zeigt, dass erste Ansätze unserer heute üblichen Esskultur im 11. Jahrhundert aufkamen, als nämlich die Frauen mit am Tisch sitzen durften. Die Adligen machten oft den Anfang, das Volk zog nach. Händewaschen war so ein Thema, der gleichzeitige Essenbeginn am Tisch, nicht zu große Stücke nehmen, nicht mit vollem Mund sprechen - das sind alles Texte, die die Omas von heute noch drauf haben. Einiges hat sich hingegen schon überholt.

Kratze dich nicht am Leib oder Kopf und pass' auf, dass keine sechsfüßigen Tierchen an dir herumkrabbeln.

Tischsitten im Mittelalter www.luther2017.de
Barack Obama bei einem Dinner.
Beim Dinner müssen die Benimmregeln sitzen. Aber auch in einem "einfachen Restaurant" gehören die Beine nicht auf den Tisch! Bildrechte: imago/ZUMA Press

Damals musste man auch noch darauf hingewiesen werden, dass am eigenen Tellerrand Schluss ist und der Teller des Tischnachbarn eine Tabuzone darstellt. Ansonsten gehört in Deutschland nur die Hand auf den Tisch, nicht der ganze Arm, in Skandinavien hingegen ruht die linke Hand, wenn sie nicht gebraucht wird, auf den Schoß. Auf dem eigenen wohlgemerkt.

Daraus lernen wir: Die Regeln sind von der Region abhängig. Wir haben heute aber keine Gegend gefunden, in der man heute beim Essen die Beine auf den Tisch legt. Dort aber kommt - und zwar links vom Teller - die Serviette hin, wenn wir fertig sind. Das hat sich erst in jüngster Zeit verändert, sagt Horst Adam, Gastronom aus Schmölln. Er hat über viele Jahre Volkshochschulkurse in Sachen Esskultur gegeben hat und geht bis heute mit großer Freude in Schulen und bringt den Kinder dort bei, wie man eine Tafel eindeckt oder wohin die Gabel gehört oder eben die Serviette.

Das ist ein großer Affront, wenn man die Stoffserviette auf den Teller legt. Das ist auch eklig, aber die Papierserviette gehört heute auch nicht mehr auf den Teller.

Drei Frauen stoßen mit Sekt an 15 min
Bildrechte: Colourbox

Ihm ist es wichtig, den Kindern zu erzählen, warum man etwas tut oder eben nicht oder nicht mehr. Heute wird vieles lockerer gesehen und es ist auch klug, dem Bewegungsdrang der Kinder stattzugeben, wenn sie fertig sind mit dem Essen. Auch ein Kindertisch ist klug bei Familienfeiern, wenn die Kinder bis dahin die Grundregeln beherrschen und vielleicht sogar selbst erklären können, was sie bei Horst Adam gelernt haben.

Denn die Tisch-Geschichten sind so faszinierend wie überzeugend und so etwas merkt man sich dann auch fürs Leben. Warum klopfen wir zum Beispiel auf den Tisch, wenn wir einen Raum betreten - sagen wir eine Kneipe - und die Party schon im Gange ist? Das tat man früher um festzustellen, wo die Seinesgleichen sitzen und wer mit wie vielen Pferden da ist. Zweispänner - zweimal klopfen, Vierspänner - viermal. Wenn die Herren bei Tische noch zählen konnten, kam das richtige Signal zurück.

Dass der Kellner die freie Hand auf dem Rücken hat, damit er kein Gift ins Glas fallen lassen kann, das ist vielleicht vielen bekannt. Denn Giftmorde waren in der Ritterzeit offenbar an der Tagesordnung. Die abgedeckte Speise sollte mittels großer Haube (Speiseglocke) übrigens auch nicht warm gehalten werden, sondern wurde so aus dem gleichen Grund gesichert: Gegen Vergiftungen!

Und das Anstoßen, nun ja - die Geschichte mit der vorauseilenden Entschuldigung, dass man im trunkenen Zustand hin und wieder "Anstößliches" von sich gibt, die wird immer wieder gern erzählt. Horst Adam kennt das anders, auch wenn er den Kindern heute erzählt, dass sie die Gläser stilvoll am Stiel anfassen sollen und nicht am Kelch. Das Anstoßen war nämlich früher auch nur ein Vertrauensbeweis vor dem Herrn.

Man hat mit Zinn und Eisenbechern angestoßen, damit das Getränk  'rüber- und nüber' schwappte, um sicher zu gehen, dass da kein Gift drin war.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 14. Juni 2019 | 16:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. Juni 2019, 15:42 Uhr

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4 Kommentare

16.06.2019 11:22 pkeszler 4

@Klaus Schubert 2: "Sie haben vergessen zu erwaehnen dass es sich nicht gehoert das smart phone am Tisch zu haben und gelegenlich zu texten!!!"
Das Geiche gehört sich natürlich nicht im Restaurant, in der Schule, im Krankenhaus usw. Da müssen eben die Eltern mehr darauf achten und Vorbild für ihre Kinder sein.

15.06.2019 15:20 Die kurze Seite der Sonnenallee 3

Für mich gehört das Lehren von Tischsitten und überhaupt Manieren zuvörderst - damals wie heute - in die Familien. Traurig, dass dort keine gemeinsamen Mahlzeiten - am besten selbst gekocht bzw. zubereitet - mehr stattfinden. Die Kinder sitzen vom 1. bis 12. Lebensjahr in irgendwelchen Massenverwahranstalten. Wo sollen sie da Manieren und Benehmen lernen, frage ich mich. Sehen immer nur den Gartenzaun der Einrichtung und die überforderten Betreuer*innen zuzüglich einiger gelangweilter Praktikant*innen. Drei Mahlzeiten kommen vom Caterer und dürfen nur 1 Euro pro Tag kosten. Entsprechend ist es angerichtet. Schöne neue Welt.