Der Redakteur | 24.04.2020 Bringt Studie in Neustadt neue Informationen über das Corona-Virus?

Infektionsforscher des Jenaer Uniklinikums möchten in Neustadt am Rennsteig so schnell wie möglich eine Studie starten. Warum sind die Daten so wertvoll? Thomas Becker hat nachgefragt.

Quarantäne Neustadt am Rennsteig
Quarantäne für einen ganzen Ort: Neustadt am Rennsteig wurde für zwei Wochen komplett gesperrt. Niemand durfte raus und niemand rein. Bildrechte: MDR / Michael Hesse

Es ist eine Riesenbitte, die Mathias Pletz hat. Der Direktor des Instituts für Klinische Infektiologie an der Uniklinik Jena hätte nämlich ein paar Fragen an die Neustädter. Gut, ein kleiner Pieks ist auch dabei und ein Abstrich - man kennt das vom Arztbesuch fürs Labor. Diesmal ist es für die Wissenschaft und für - wir wollen nicht zu hoch greifen - die ganze Welt. Nicht mehr und nicht weniger. Denn es gibt nicht so viele Orte, die 14 Tage abgeschieden von der Außenwelt mit dem Virus leben mussten. 900 Personen aller Altersgruppen, die sich eben nicht größtenteils auf einer gemeinsamen Party angesteckt haben, sondern im Alltag, im Laden, auf Arbeit, zu Hause.

Wir würden Blut abnehmen, um zu gucken, wer Antikörper gebildet hat, wir werden Fragebögen ausfüllen und wir werden Abstriche machen, weil wir gelernt haben, dass manche Personen das Virus möglicherweise über Wochen oder Monate noch ausscheiden können.

Prof. Mathias Pletz, Direktor des Instituts für Klinische Infektiologie an der Uniklinik Jena

Bei vielen Dingen stehen wir erst am Anfang mit unserem Wissen und das weltweit. Jeder Baustein ist wichtig, und in Neustadt am Rennsteig liegen sehr viele Bausteine. Übertragen Kinder das Virus? Das ist so eine Frage, bislang gibt es nur Vermutungen. Sind also die Schulschließungen richtig gewesen? Wie sind die Zahlen der Herdenimmunität wirklich? In Neustadt gab es keine Party wie in Heinsberg, die sozusagen als Brandbeschleuniger gilt. Entsprechend sind die Ergebnisse der Studie von Neustadt am Rennsteig auch aussagekräftiger für ganz Deutschland und darüber hinaus. Denn eines ist auch klar: Vorbei ist es nicht, bis wir einen Impfstoff haben, droht eine zweite Welle, mindestens. Da wäre es gut, zu wissen, welche Maßnahmen sinnvoll sind und welche nicht.

Wenn wir noch Viren nachweisen können, werden wir den genetischen Code entschlüsseln und können vielleicht sogar ausrechnen, von welcher Person auf welche Person das Virus übertragen wurde.

Prof. Mathias Pletz, Direktor des Instituts für Klinische Infektiologie an der Uniklinik Jena

Deswegen gibt es viele Fragen zu Kontaktpersonen, um herauszufinden, welche Rolle Schmierinfektionen spielen. Oder: Welche Rolle spielt das Zusammenleben in der Familie? Welche Rolle spielt das Gespräch über den Gartenzaun? Natürlich interessieren sich die Wissenschaftler nicht für die Gesprächsinhalte und die Daten werden auch alle anonymisiert. Das heißt: Es wird immer mit Pseudonymen gearbeitet, die Liste der Klarnamen wird nur so lange aufgehoben, bis alle (Nach-)Fragen geklärt sind. Darauf können die Neustädter vertrauen. Auch darauf, dass die Daten der Gesundheitsämter in guten Händen sind, denn diese sind eine wichtige Basis für die Studie. Und Vertrauen ist hier ganz wichtig, deshalb die Riesenbitte von Mathias Pletz auf einen kleinen Vertrauensvorschuss.

Beginn der Studie spätestens Anfang Mai

Los geht’s schon Anfang Mai - spätestens. Und das ist ein wahnsinnig schnelles Tempo. Normalerweise ist der Vorlauf bei solchen Studien ein Jahr, jetzt sind es nur ein paar Wochen. In diesen Zeiten wachsen viele über sich hinaus und es entsteht auch ein Zusammenhalt, den viele Menschen so vermisst hatten in den vergangenen Jahren. Die Hilfe untereinander hat in Corona-Zeiten stark zugenommen, die kleinen Gesten sind oft unbezahlbar. Auf eine kleine große Geste hofft nun das Team um Prof. Pletz und das hat am Ende vielleicht Erkenntnisse, die uns allen das Leben wieder ein Stück weit leichter machen. 

Zur Finanzierung der Studie Das Land Thüringen hat die Finanzierung der Studie zu Quarantäne-Daten aus Neustadt am Rennsteig im Ilm-Kreis zugesichert. Das sei sicher, sagte der Sprecher des Thüringer Wissenschaftsministerium Stephan Krauß MDR THÜRINGEN auf Anfrage. Sein Haus unterstütze den Fördermittelantrag der Wissenschaftler.

Es werde für die Studie von Kosten in sechsstelliger Höhe ausgegangen, aber die genaue Summe müsse erst ermittelt werden. Vorzugsweise soll das Projekt aus Mitteln des Corona-Sondervermögens gefördert werden. Über diesen Fonds muss nach Angaben des Sprechers jedoch der Landtag entscheiden.

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Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Der Vormittag mit Haase und Waage | 24. April 2020 | 16:40 Uhr

1 Kommentar

Mario Hana vor 26 Wochen

Also ehrlich gesagt kann ich mir beim allerbesten Willen nicht vorstellen, dass die Neustädter hier freiwillig großartig an der Studie teilnehmen, es sei denn, sie werden mit Waffengewalt oder viel Geld gezwungen ;-) So wie die Landrätin des Ilm-Kreises mit ihnen umgesprungen ist, wie sie sie quasi "kriminalisiert" und lächerlich dargestellt hat, dürfte ihre Beliebtheit dort gegen Null gehen, ich glaube das Verhältnis ist da leicht gestört. Und es ist ja letztendlich IHRE Studie, also sie würde dafür wieder die Lorbeeren ernten. Und selbst die bisherig vorliegenden Daten dürften ja wohl nach DSGVO ohne Einverständnis der Betroffenen ja nicht ohne Weiteres weiterverwendet werden. Und - warum sollte einer, den die Landrätin mit einem saftigen Bußgeld und Anzeige überzogen hat, da jetzt freiwillig für sie mitmachen wollen? Und mal ehrlich, ein sechsstelliger Betrag aus dem Corona-Fond, wäre bei denen besser aufgehoben, denen jetzt der Verlust ihrer Existenz droht.