Schlafstörungen
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Leichter leben | 18.09.2017 | 17:00 Uhr Aggressiver Schlaf: Was steckt dahinter?

Immer mehr Menschen schlafen schlecht – Mediziner gehen davon aus, dass rund zehn Millionen Deutsche unter chronischen Schlafstörungen leiden. Und nicht alle schlafen friedlich. Manche schlagen im Schlaf um sich, schreien und verletzen sich oder ihren Partner. Dieter Kunz, Chefarzt der Klinik für Schlafmedizin und Chronomedizin am St. Hedwigs Krankenhaus Berlin spricht über die große Bandbreite an schlafbezogenen Störungen und Behandlungsmöglichkeiten.

Schlafstörungen
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Schlecht einschlafen, mitten in der Nacht aufwachen, schnarchen, um Luft ringen. Wer nachts schlecht schläft, ist damit nicht allein: Millionen Menschen in Deutschland leiden an Schlafstörungen. Die Ursachen sind meist sehr vielfältig und erfordern unterschiedliche Behandlungsmaßnahmen.

Wirksame Therapien von Schlafstörungen

Leichte Schlafstörungen lassen sich oft mit hochdosierten Phytopharmaka, also mit Pflanzenpräparaten, erfolgreich behandeln. Als besonders vielversprechend gilt die Kombination von Hopfen mit Baldrian und Melisse. Die pflanzliche Therapie wirkt oft erst nach vier, fünf Wochen. Doch die Welt der Schlafkräuter umfasst noch viel mehr: Die Süßorangenblüte hat beispielsweise den Vorteil, dass sie auch noch lecker schmeckt. Außerdem hilft sie nicht nur zum Einschlafen, sondern lockert auch die Muskulatur.

REM-Schlafverhaltensstörung

'Business-Mann Balancieren auf dem Seil hoch in den Himmel'
Männer erkranken wesentlich häufiger an einer REM-Schlafstörung als Frauen. Bildrechte: Colourbox

Wer nachts im Schlaf spricht oder schreit, um sich schlägt, Tritte verteilt und bisweilen sich und seinen Bettpartner verletzt, ist nicht von Natur aus aggressiv. Vielmehr leiden die Betroffenen unter einer sogenannten Traum‐Schlaf‐Verhaltensstörung. Sie tritt im REM‐ oder Traumschlaf und darum vor allem in der zweiten Nachthälfte auf. Die Erkrankung wurde 1986 erstmals beschrieben und beginnt meist jenseits des 50. Lebensjahrs. Die Erkrankung ist selten, nur eine von 200 000 Personen erkrankt daran. Männer (87,5 Prozent) sind wesentlich häufiger betroffen als Frauen.

REM ist die Abkürzung für "Rapid-Eye-Movement". Schnelle Augenbewegungen vollführen alle Schläfer während der nächtlichen Traumphasen. Bei Gesunden ist die quergestreifte Muskulatur oder Bewegungsmuskulatur während des REM-Schlafs komplett gelähmt. Bei Menschen mit einer REM-Schlafstörung ist dieser Schutzmechanismus gegen Verletzungen gestört. Die Muskelerschlaffung ist im Schlaf aufgehoben. Gleichzeitig kommt es zu aggressiven, oft gewalttätigen Trauminhalten. Die Patienten treten und schlagen um sich, um sich gegen Personen und Kreaturen im Traum zu verteidigen. Oft attackieren sie aus dem Schlaf heraus den Bettpartner, verletzen sich selbst durch einen Sturz aus dem Bett oder schlagen gegen die Bettkante.

Frühzeichen für neurodegenerative Erkrankungen

Die REM-Schlaf‐Verhaltensstörung ist ein Frühzeichen für einige neurodegenerative Erkrankungen. So entwickeln 60 bis 70 Prozent der Patienten, die darunter leiden, nach 10 bis 30 Jahren Morbus Parkinson oder die seltenere neurodegenerative Erkrankung Multisystematrophie (MSA). Eventuelle Anzeichen von neurodegenerativen Erkrankungen sollten nach der Diagnose unbedingt abgeklärt werden.

Therapie möglich, aber wenig erforscht

Zur Behandlung werden Antidepressiva, das Benzodiazepin Clonazepam oder Melatonin eingesetzt, wobei für die Substanzen noch große Therapiestudien fehlen. Am Berliner St. Hedwig Krankenhaus setzen die Ärzte Melatonin bei einer REM-Schlaf‐Verhaltensstörung seit über 20 Jahren ein – mit guten Erfolgen. Es dauert etwa 10 bis 14 Tage, bis das Hormon wirkt. Der Vorteil: Wenn die Patienten Melatonin nach einer gewissen Zeit wieder absetzen, kehrt die Symptomatik bei vielen erst nach Wochen oder Monaten zurück, bei einigen Patienten überhaupt nicht mehr. Möglicherweise ist Melatonin mehr als eine rein symptomatische Behandlung – und beeinflusst den Krankheitsprozess als solches.

Schlafphasen und Schlafrhythmus

Frau drückt liegend mit einer Hand auf einen Wecker
Tief- und Traumschlaf wechseln sich beim Menschen etwa im 90-Minuten-Rhythmus ab. Bildrechte: colourbox

In der ersten Nachthälfte liegt der Schwerpunkt beim Tiefschlaf, in der zweiten Nachthälfte beim Traumschlaf. Da der Tiefschlaf der erholsamste Schlaf ist, ist vor allem die erste Nachthälfte wichtig, um zu regenerieren. Nach dreieinhalb, vier Stunden haben wir den meisten Tiefschlaf hinter uns und den größten Schlafdruck abgebaut.

Unser heutiger Schlafrhythmus zwischen 23 und 7 Uhr ist erst in den modernen Zeiten entstanden. Früher ging man nach Sonnenuntergang ins Bett, schlief bis Mitternacht, war dann ein, zwei Stunden wach. Die zweite Runde Schlaf dauerte bis zum Morgengrauen. Es ist also auch heutzutage völlig in Ordnung, wenn sich jemand seinen Nachtschlaf so eingerichtet hat, dass er durch Strickpausen, Hörbuch oder Radio hören oder Fernsehen unterbrochen wird. Keiner muss sich also unter Druck setzen, wenn er zwischendurch mal aufwacht.

Warum nehmen Schlafprobleme zu?

Als eine wichtige Ursache für Schlafstörungen sehen Forscher den veränderten Tag-Nacht-Rhythmus an, der auf den Einsatz von künstlichem Licht zurückzuführen ist. Wissenschaftler sprechen von Lichtverschmutzung. Straßenlaternen, leuchtende Werbetafeln, Schaufenster und beleuchtete Wohnungen lassen Großstädte auch in der Nacht erstrahlen. Das hat Folgen. Licht und Dunkelheit helfen dem Körper zu wissen, ob er schlafen oder wach sein soll. Das künstliche Licht stört den Hormonhaushalt und damit die innere Uhr. So verschiebt Licht am Abend die Ausschüttung des Schlafhormons Melatonin und damit den qualitativ guten Schlaf nach hinten.

Wo gibt es Hilfe?

Schlafmediziner und Schlaflabore helfen, die Ursachen für den Patienten herauszufinden. Vielen Patienten hilft es bereits, sich ihres eigenen Schlafrhythmus bewusst zu werden.

Unser Experte:

Dr. Dieter Kunz

Dr. Dieter Kunz

Schlafmediziner
Chefarzt der Klinik für Schlafmedizin und Chronomedizin
Schlafambulanz
St. Hedwigs Krankenhaus
Große Hamburger Straße 5-11
10115 Berlin

Zuletzt aktualisiert: 28. September 2018, 09:48 Uhr