Nervenbahnen
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Leichter leben | 15.02.2017 | 17:00 Uhr Krankheitsbild Epilepsie

Mal dauert der Anfall nur wenige Sekunden und bleibt fast unbemerkt. Andere Anfälle äußern sich als leichtes Muskelzucken, Kribbeln oder kurze Bewusstseinspausen. Sie können über ein bis zwei Minuten anhalten, gehen mit einem Bewusstseinsverlust, heftigen Krämpfen und unkontrollierbaren Zuckungen einher – Epilepsie hat viele Gesichter. Doch wie kommt es zu solchen Anfällen und wie kann man sie verhindern? Dr. Thomas Dietz gibt Auskunft.

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Der Begriff Epilepsie, auch bekannt unter Krampfleiden oder Fallsucht, beschreibt eigentlich keine einzelne Krankheit, sondern die Folge einer Vielzahl von Hirnerkrankungen. Gemeinsam ist ihnen eine erhöhte Neigung zu epileptischen Anfällen.

Diese Anfälle können ganz unterschiedlich aussehen: Manche dauern nur wenige Sekunden und bleiben oft unbemerkt, wie z.B. als leichtes Muskelzucken, Kribbeln oder kleine Bewusstseinspausen. Andere halten über ein bis zwei Minuten an, gehen mit einem Bewusstseinsverlust, heftigen Krämpfen und unkontrollierbaren Zuckungen einher.

Ursachen und Risikofaktoren

Epilepsien, die auf eine bestimmte Ursache zurückzuführen sind, heißen symptomatische Epilepsie.

Die Ursachen können sein:

  • Sauerstoffmangel im Gehirn
  • Durchblutungsstörungen im Gehirn (z.B. nach einem Schlaganfall)
  • Hirnblutungen
  • Gefäßmissbildungen
  • Gehirnentzündungen, Gehirntumore
  • Hirnverletzungen, z.B. durch Unfälle
  • Stoffwechselstörungen

Diese oder andere Einflüsse hinterlassen im ungünstigen Fall eine Art Narbe im Gehirn. Sie irritiert die umliegenden Nervenzellen – sodass in diesem Hirnareal leichter Anfälle entstehen.

Befunde und Symptome weisen manchmal darauf hin, dass es eine konkrete Ursache für die Epilepsie geben muss. Man kann sie leider mit den gängigen Untersuchungsverfahren (noch) nicht ermitteln. Mediziner sprechen in dem Fall von einer kryptogenetischen Epilepsie.

Studiogast Dr. Dietz im Talk. 13 min
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Diagnose

Entscheidende Bedeutung hat die Schilderung der Symptome durch den Betroffenen. Mit einem Elektroenzephalogramm (EEG) kann die Bereitschaft zu epileptischen Anfällen eingeschätzt werden. Eine genauere Aussage ist allerdings erst dann möglich, wenn das EEG während eines Anfalls durchgeführt wird (Video-EEG).

Die Computertomografie kann diffuse Veränderungen im Gehirn oder lokale Schäden nach einem Schädel-Hirn-Trauma sichtbar machen. Deuten alle Anzeichen auf Epilepsie hin, obwohl keine Ursache festgemacht werden kann, sollte zur definitiven Abklärung noch eine Magnetresonanztomografie (MRT) durchgeführt werden.

Behandlung

Es gibt besonders geeignete Antiepileptika für verschiedene Typen von Anfällen. Zentral ist, die richtige Dosierung des Medikaments zu finden. Das Mittel sollte so hoch dosiert sein, dass es nicht zu epileptischen Anfällen kommt, aber doch so niedrig, dass möglichst geringe Nebenwirkungen auftreten. Damit die Konzentration im Körper möglichst konstant ist, wird die Dosis auf den Tag verteilt oder es werden Mittel eingesetzt, deren Wirkstoffe nach und nach freigesetzt werden, und die nur ein- oder zweimal pro Tag eingenommen werden müssen. Besteht die Möglichkeit, nach einiger Zeit auf die medikamentöse Therapie zu verzichten, dann muss sie auf jeden Fall langsam ausschleichend abgesetzt werden.

Wegweiser mit der Aufschrift "Epilepsie-Ambulanz"
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Häufige Nebenwirkungen von Antiepileptika sind Müdigkeit, Übelkeit, Gangstörung, Schwindel, Benommenheit, Blut- bildveränderungen und Leberfunktionsstörungen. Aus diesem Grund erfordert eine antiepileptische Therapie engmaschige klinische und laborchemische Kontrollen.

Grundsätzlich kommt die Epilepsie-Chirurgie nur für sehr wenige Betroffene in Frage. Wenn die Ursache der Epilepsie in einer eindeutig abgrenzbaren Veränderung im Gehirn liegt, kann eine Operation Abhilfe schaffen, sofern die Veränderung zugänglich ist. Vor einer Operation sollte man sich immer eine zweite Experten-Meinung über die Sinnhaftigkeit des Eingriffes einholen.

Manche Betroffene, denen weder die medikamentöse Therapie noch eine Operation den erwünschten Nutzen bringt, können von der Implantation eines sogenannten Vagusnervstimulators profitieren. Durch die Stimulation des Vagusnervs im 5-Minuten-Rhythmus lässt sich bei fast einem Drittel der Betroffenen die Anfallshäufigkeit um etwa die Hälfte reduzieren. Dieser Effekt zeigt sich jedoch meist erst nach einem halben, bei manchen sogar erst nach einem Jahr. Mögliche Nebenwirkungen sind Heiserkeit und Kribbeln.

Heilungschancen

Rund 70 Prozent der Betroffenen werden durch die Kombination von Medikamenten, Selbstkontrolle und anderen unterstützenden Maßnahmen anfallsfrei. Ein Restrisiko bleibt aber immer bestehen. In der Regel gelingt es zumindest, die Zahl der Anfälle stark zu reduzieren.

Selbstkontrolle

Wenn der Betroffene weiß, welche Reize, körperliche Verfassungen oder Gemütszustände bei ihm einen Krampfanfall auslösen können, sollte er diese unbedingt umgehen oder vermeiden.

Manche Betroffene erreichen so eine gewisse Kontrolle über die Anfälle. Dafür ist es notwendig, die Bedingungen für seine Anfälle und damit das Anfallsrisiko genau kennen zu lernen. Auslösende Faktoren können dann vermieden werden. Vor allem Betroffene mit fokalen Anfällen können Methoden entwickeln, die Anfälle zu unterbrechen, wenn sie sich ankündigen. Das kann auf verschiedenste Art und Weise funktionieren – mit Augenzwinkern, Zusammendrücken der Hände oder Fixieren eines bestimmten Punkts mit den Augen. Die Gehirnzellen in der Nähe des "Epizentrums" werden dadurch sozusagen überredet, nicht "mitzumachen".

Was Anwesende bei einem Anfall tun können

Wichtige Verhaltensmaßnahmen für Anwesende sind:

  • Ruhe bewahren. Ein epileptischer Anfall endet in aller Regel nach ein bis zwei Minuten.
  • Den Betroffenen nicht festhalten und ihm/ihr keine Gegenstände in den Mund schieben.
  • Verletzungen durch den Anfall verhindern oder abmindern, indem gefährliche Gegenstände aus der Nähe entfernt, Kanten oder Treppen abgesichert werden.
  • Um die Atemwege zu schützen, den Betroffenen möglichst in die stabile Seitenlage oder Bauchlage bringen, damit kein Erbrochenes in die Luftröhre oder Lunge gelangen kann.
  • Den Notarzt rufen, wenn ein Anfall länger als fünf Minuten dauert oder auf den ersten Anfall weitere folgen.
  • Nach dem Anfall beim Betroffenen bleiben, bis er klar und wieder orientiert ist.

Wichtige Adressen im Sendegebiet:

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Zuletzt aktualisiert: 09. März 2018, 11:44 Uhr