tiefer Teller mit Gemüsebrühe
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Leichter leben | 02.07.2018 | 17:00 Uhr Trend oder Therapie? Warum wir beim Fasten freiwillig hungern

Fasten, Saften oder Intervallfasten – der Verzicht auf Essen hat unzählige Formen und jede hat ihre Jünger. Dabei ist gar nicht alles für alle geeignet und mancher folgt einfach einem Trend, mitunter mit unguten Folgen. Experte Andreas Michalsen, Chefarzt am Immanuel Krankenhaus Berlin und Prof. an der Berliner Charité, erklärt welche Fastenart wie funktioniert, wann es sinnvoll ist, auf Nahrung zu verzichten und welchen Nutzen unser Körper davon hat.

tiefer Teller mit Gemüsebrühe
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Was bedeutet Fasten?

Der Begriff Fasten in seiner ursprünglichen Bedeutung heißt festhalten – gemeint ist am Gebot der Enthaltsamkeit. In der katholischen Kirche gelten bei strengen Fastenregeln die Tage zwischen Aschermittwoch und Karfreitag als Zeit der Enthaltsamkeit.

Fasten heute

Heute bezeichnen wir viele Arten des Verzichts als Fasten. Manche Menschen entscheiden sich, ihr Smartphone für gewisse Zeit aus der Hand zu legen oder dem Internet und Sozialen Netzwerken fern zu bleiben. "Digital Detox" sprich digitale Entgiftung liegt – ausgelöst durch ständige Erreichbarkeit – derzeit voll im Trend. Manch andere verzichten im Sinne der Gesundheit zur Fastenzeit auf Genussmittel wie zum Beispiel Alkohol oder Süßigkeiten wie Schokolade.

Klassisch medizinisch ist das Fasten der Verzicht auf beispielsweise feste Nahrung, Alkohol, Milch, Softdrinks oder Kaffee über einen kürzeren oder längeren Zeitraum.

Wie lange wird gefastet?

Während in den vergangenen Jahren die Fastenzeit in der Regel über einige Tage gestreckt wurde, spricht man heute auch von der heilenden Wirkung teilweisen Fastens oder "Intervallfasten". Hier geht es um den Verzicht auf Nahrung und Getränke für mehrere Stunden. Erlaubt ist nur Wasser.

Wir wissen schon eine Weile, dass alle Organismen (...) vom Phasenfasten gesundheitlich profitieren

Prof. Dr. med. Andreas Michalsen SPIEGEL ONLINE

Welchen Effekt hat Fasten auf unseren Körper?

Prof. Dr. Andreas Michalsen lächelt in die Kamera
Prof. Dr. Andreas Michalsen Bildrechte: Immanuel Krankenhaus Berlin/Anja Lehmann

Fasten gilt als reinigend, so finden während des Fastens allerhand sinnvolle Veränderungen im Stoffwechsel statt. Besonders bei Zivilisationskrankheiten wie Bluthochdruck und Diabetes kann es negative Effekte auf den Körper rückgängig machen. Zudem hat Fasten eine hohe präventive Wirkung und minimiert Risikofaktoren wie Entzündungswerte sowie bedenkliche Blutfett- oder Glukosewerte, erklärt Prof. Dr. Andreas Michalsen im Gespräch mit "SPIEGEL ONLINE".

Neuesten Erkenntnissen zufolge kann sich Fasten sogar positiv auf die Krebstherapie auswirken. An einer Studie dazu arbeitet Prof. Dr. Andreas Michalsen derzeit selbst.

Das Zauberwort heißt Autophagie. Wenn wir fasten, sucht sich der Körper die Energie aus eigenen geschädigten Proteinen oder Zellorganellen und verdaut sich sozusagen selbst. Was noch nutzbar ist, wird wieder verwendet – eine Art Recycling. Bei diesem Prozess werden Bakterien und Viren bekämpft. Doch nicht bei jedem funktionieren die Fastenmechanismen in gleicher Weise.


Grundregeln des Fastens

Ein Schild weist in der Innenstadt von Kassel auf das Alkoholverbot hin
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Wer fasten möchte, sollte nicht einfach mit dem Essen aufhören und sich bei der Arbeit genauso stressen lassen, wie bisher. Es gibt einige Regeln und Empfehlungen, die man beim Fasten beachten sollte.

Verzichten Sie auf alles, was nicht lebensnotwendig ist und Ihren Körper belastet, zum Beispiel Nikotin und Alkohol, Kaffee oder entbehrliche Medikamente. Benutzen Sie auf keinen Fall Abführmittel und Appetitzügler.

Nichts essen, viel trinken

Während des Fastens dürfen Sie konsequent nichts essen, dafür aber viel trinken. Wählen Sie zwischen Tee (kein Schwarztee), Gemüsebrühe, Obst- oder Gemüsesäften und Wasser. Nehmen Sie täglich mindestens zweieinhalb bis drei Liter Flüssigkeit zu sich.

Zur Ruhe kommen

Lösen Sie sich vom Alltag. Nutzen Sie freie Tage, um sich einmal vollständig "auszuklinken". Die so gewonnene Ruhe hilft Ihnen bei Ihrer Selbstreflexion. Auf diese Weise können Sie schwelende Krisen oder Probleme besser lösen.

Den Druck nehmen

Was machen Sie gerne? In eine Kuscheldecke gewickelt ein Buch lesen? Ausgiebig baden? Verhalten Sie sich ganz natürlich und verbringen Sie Ihre Zeit mit Dingen, die Ihnen gut tun. Geben Sie Ihren unmittelbaren Bedürfnissen nach und unterwerfen Sie sich keinem Druck von außen. Versuchen Sie, ein Gleichgewicht zwischen Entspannung und Bewegung zu finden.

Ausscheidungsprozesse in Gang halten

Eine Fastenkur beginnt in der Regel mit einem Einlauf. Dazu nimmt man 40 Gramm Glaubersalz (Apotheke) auf einen halben bis Dreiviertelliter Wasser. Danach sollte man sich drei bis vier Stunden in der Nähe einer Toilette aufhalten. Achten Sie auch darauf, dass Sie ausreichend schwitzen. Das heißt auch: Während des Fastens ist eine intensivere Körperhygiene als gewöhnlich notwendig.


Wer darf fasten und wer nicht?

Wer fasten kann

Wer gesund ist, dem hilft die jährliche Entschlackungskur, gesund zu bleiben und sich selbst neu zu erfahren. Auch bei bestimmten Erkrankungen kann eine Fastenkur helfen. Das gilt vor allem für Betroffene mit:

Eine Scheibe Brot neben einem Glas Wasser
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  • Stoffwechselstörungen: Darunter fallen Adipositas (Fettsucht), Bluthochdruck, Diabetes Typ II (Altersdiabetes), Herz-Kreislauf- und Gefäßerkrankungen sowie Gicht.
  • chronischen Erkrankungen: Hierzu zählen Allergien, Asthma, chronische Gelenkerkrankungen, Migräne, Neurodermitis und Erkrankungen des Verdauungsapparates.
  • physischen und psychischen Erschöpfungszuständen: Zu dieser Gruppe gehören leichte Depressionen, Anzeichen des Burn-Out-Syndroms und andere Stressreaktionen, die Sie von Ihrem Körper kennen – etwa Verspannungen, Schlafstörungen oder Magen-Darm-Probleme.

Wer nicht fasten sollte

Trotz seiner Heilwirkung ist Fasten nicht für alle gesund. So sollten Kinder und Jugendliche sowie Schwangere und Stillende auf keinen Fall auf Nahrung verzichten. Auch bestimmte körperliche und seelische Beeinträchtigungen verbieten das Fasten. Dazu zählen:

  • Bettlägerigkeit
  • Pflegebedürftigkeit
  • körperliche und geistige Immobilität
  • auszehrende Erkrankungen
  • Magersucht und Bulimie
  • schwerwiegende psychische Erkrankungen und seelische Labilität
  • rasch fortschreitende Herzkranzgefäßerkrankungen
  • Kortisontherapie
  • Schwangerschaft und Stillperiode
  • Diabetes mellitus Typ I
  • erhöhter Harnsäurespiegel
  • Niereninsuffizienz/Dialyse

Wer sich nicht sicher ist, ob er fasten darf, sollte unbedingt vorher einen Arzt fragen.

Zuletzt aktualisiert: 02. Juli 2018, 10:04 Uhr