Tabuthema Sterben Sterbehilfe – selbstbestimmtes Ende in Würde

Ist ein Mensch unheilbar krank, ist der Gedanke an Sterbehilfe manchmal nicht weit. Das selbstbestimmte Ende ist umstritten. Klar ist hingegen die rechtliche Lage. Teil zwei unserer Wochenserie zum Tabuthema Sterben.

Sterbehilfe 5 min
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Do 31.01.2019 12:39Uhr 05:10 min

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Während Politiker in Deutschland seit Jahren über aktive Sterbehilfe diskutieren, scheint sich die Bevölkerung bei diesem Thema relativ einig zu sein – laut einer Umfrage aus dem Jahr 2014 würden 70 Prozent der Befragten im Falle schwerster Krankheit eine Möglichkeit haben wollen, solche Sterbehilfe in Anspruch nehmen zu können. Dennoch, das Thema spaltet die Gesellschaft wie kaum ein anderes.

Unterschiede in der Sterbehilfe

Es gibt mehrere Arten der Sterbehilfe

  • Bei der aktiven Sterbehilfe führt eine andere Person den Tod des Patienten herbei. Dabei greift derjenige aktiv ein, indem er dem Kranken beispielsweise eine Überdosis eines Schmerz- oder Narkosemittels verabreicht. Diese andere Person handelt dabei zwar ausdrücklich nach dem Wunsch des Patienten, ist aber dennoch der Aktive bei dieser Art der Sterbehilfe.
  • Bei der indirekten Sterbehilfe geht es vor allem darum, die Schmerzen zu lindern. Dabei geht der Arzt das Risiko ein, dass der Patient möglicherweise schneller stirbt, weil er ihm starke Schmerzmittel verabreicht hat.
  • Wenn Ärzte oder andere Personen einem Patienten ermöglichen, sich durch von ihnen verschriebene oder zur Verfügung gestellte Maßnahmen selbst zu töten, spricht man von Beihilfe zum Suizid.
  • Bei der passiven Sterbehilfe wird darauf verzichtet, das Leben künstlich zu verlängern. Eine künstliche Ernährung, Bluttransfusion oder Beatmung werden also bewusst nicht verabreicht.

Sterbehilfe 1 min
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Werner Billing bekennt sich zu einem selbstbestimmten Lebensende. Der Bestatter berichtet aus seinem Berufsalltag.

Di 29.01.2019 09:30Uhr 00:29 min

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Der rechtliche Aspekt in Deutschland

  • Die aktive Sterbehilfe ist in Deutschland ausschließlich durch das Strafgesetzbuch geregelt. Diese ist strafbar, auch wenn der Patient explizit geäußert hat, dass er sterben möchte. Wer trotz des gesetzlichen Verbots aktiv beim Sterben hilft, begeht den Straftatbestand der "Tötung auf Verlangen".
  • Bei der Beihilfe zum Suizid verhält es sich anders. Da eine Selbsttötung straffrei ist, ist auch die Beihilfe dazu theoretisch nicht strafbar. Andererseits gibt es in diesem Fall andere rechtliche Regelungen wie die zur "unterlassenen Hilfeleistung", die wiederum strafrechtlich verfolgt wird. Außerdem legt die Musterberufsordnung der Ärzte fest, dass ein Mediziner nie Beihilfe zum Suizid leisten darf.

Patientenverfügung

  • Den Umgang mit der sogenannten Patientenverfügung trat mit einem Gesetz 2009 in Gesetz in Kraft. In ihr können Menschen für den Fall vorsorgen, dass sie einmal nicht mehr selbst Entscheidungen treffen können, etwa wenn sie im Koma liegen: In der Patientenverfügung legen sie fest, welche medizinischen Eingriffe sie wünschen und welche nicht. Demnach müssen sich Ärzte und Angehörige an den Willen des Patienten halten, selbst wenn die Krankheit nicht unbedingt zum Tod führt.
  • Patientenverfügungen müssen schriftlich verfasst sein oder in einer ähnlich eindeutigen Art der Aufzeichnung vorliegen – wie beispielsweise als Video. Allerdings kann man in einer Patientenverfügung nicht einfordern, dass einem jemand beim Suizid hilft; dies bleibt weiterhin strafbar.

Sterbehilfe in anderen Ländern

Frauenhand hält Injektion neben Tropf
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  • In den Niederlanden sind, anders als in Deutschland, sämtliche Arten der Sterbehilfe straffrei. Der Arzt muss jedoch Vorgaben erfüllen. Er muss etwa zu dem Schluss kommen, dass der Patient aus eigenem Antrieb und nach reiflicher Überlegung sterben möchte.
  • Zudem muss der Arzt definitiv feststellen, dass der Sterbewillige keine Aussicht auf Besserung seines Zustandes hat und dass er seine Leiden kaum erträgt. Fällt dann die gemeinsame Entscheidung, dass Sterbehilfe eingeleitet geleistet werden soll, muss ein zweiter Arzt zustimmen. Ähnliche Regelungen gelten in den benachbarten Ländern Belgien und Luxemburg.
  • In der Schweiz ist die aktive Sterbehilfe strafbar, die anderen drei Formen hingegen – also die indirekte und die passive Sterbehilfe sowie der assistierte Suizid – sind erlaubt. Der Schweizer Berufsverband der Ärzte sieht einerseits die Beihilfe zur Selbsttötung nicht als Aufgabengebiet eines Mediziners an, andererseits soll ihm zufolge der Mediziner den Willen des Patienten respektieren. Deshalb wird in der Schweiz der assistierte Suizid toleriert. Schweizer Organisationen wie Dignitas vermitteln Patienten auf Wunsch an Ärzte in der Schweiz, die bereit sind, zum Tode führende Medikamente zu verschreiben.
  • In Österreich sieht die rechtliche Lage ähnlich aus wie in Deutschland: Die passive und die indirekte Sterbehilfe sind erlaubt, sofern sie den Wunsch des Sterbenden widerspiegeln. Auch in Österreich können Patientenverfügungen verfasst werden, deren Erklärungen bindend sind. Allerdings ist auch dort die aktive Sterbehilfe strafbar – und anders als in Deutschland ist die Beihilfe zum Suizid eindeutig nicht erlaubt, sie wird wie die aktive Sterbehilfe bestraft.

Pro und Contra

  • Befürworter und Gegner der Sterbehilfe beharren auf ihren Argumenten. Die Gegner führen an, dass es nicht rechtens sei, über Leben und Tod zu entscheiden. Außerdem verbiete der Hippokratische Eid den Ärzten, Sterbehilfe zu leisten.
  • Ein Argument, welches immer genannt wird gegen die Sterbehilfe: Die Schmerztherapie sei mittlerweile sehr wirkungsvoll, sodass der Patient bis zum natürlichen Lebensende nicht leiden müsse. Zudem sei das Netz an Hospizdiensten so dicht, dass das Sterben menschenwürdig gestaltet werden könne.


  • Die Befürworter hingegen sind der Meinung, dass jeder Mensch das Recht haben sollte, über seinen eigenen Todeszeitpunkt und die Todesart selbst zu entscheiden.
  • Darüber hinaus würde eine klare rechtliche Regelung, die die Sterbehilfe erlaube, eine verlässliche Grundlage für Mediziner bilden. Sie könnten dann die entsprechenden Medikamente auf jeden Fall straffrei verschreiben. Damit würde das Leiden von unheilbar Kranken verkürzt werden, so das Argument der Befürworter.

Sind Hospize eine gute Alternative zur Sterbehilfe?

Hospize leisten nicht "Hilfe zum Sterben", sondern "Hilfe im Sterben", d.h. Sterbebeistand oder Sterbebegleitung. Sterbehilfe in diesem Sinne besteht in erster Linie aus der Unterstützung Sterbender durch Zuwendung, Pflege und schmerzlindernde Behandlung, um so das Sterben in Würde und mit liebevoller Umsorgung zu ermöglichen. Dies schließt auch umfassende ärztliche Betreuung ein. 

Über die Autorin Inna Buckup, Jahrgang 1970, seit 1997 freie Autorin und Redakteurin für den MDR.

Weiterführende Informationen

Über dieses Thema berichtet der MDR im Fernsehen MDR um 4 | 28.01.-01.02.2019 | 16:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. März 2019, 10:31 Uhr