Debatte am 24. Oktober 2018 | Leipzig "Braucht unsere Demokratie öffentlich-rechtliche Medien in der digitalen Informationswelt?"

Zwölf Facetten der Demokratie beleuchtet eine Veranstaltungsreihe des Studium Universale der Universität Leipzig. Den Auftakt dieser Reihe macht die Frage nach Sinn und Nutzwert von öffentlich-rechtlichem Rundfunk.

von Annett Stiebritz-Stepputat und Johanna Kiesler

Unter der Fragestellung „Braucht unsere Demokratie öffentlich-rechtliche Medien in der digitalen Informationswelt?“ setzten sich eine Frau und fünf Männer mit den Pro- und Contra-Argumenten auseinander. Die Form – eine in Deutschland weniger geläufige, nämlich die klassische englische Debatte, bei der die Vertreter beider Seiten abwechselnd ans Pult treten und sich durch geschickte Argumentation zu übertrumpfen versuchen. Wer das Pro und wer das Contra vertreten sollte, wurde an dieser Stelle übrigens zugelost. Am Ende entschied das Voting des Publikums, wer überzeugender war.

In der Debatte um den öffentlich-rechtlichen Rundfunk übten sich in der Kunst des Streitens:

Auf der Pro-Seite

1. Prof. Dr. Timo Meynhardt (Dr. Arend Oetker Lehrstuhl für Wirtschaftspsychologie und Führung an der HHL)
2. Boris Lochthofen (Direktor des MDR-Landesfunkhauses Thüringen)
3. Nils Seidel (Student der Juristenfakultät an der Universität Leipzig und Mitglied der Leipziger Debattier- & Disputations-Gesellschaft e.V.)

Auf der Contra-Seite

1. Prof. Dr. Sonja Ganguin (Professur für Medienkompetenz- und Aneignungsforschung an der Universität Leipzig)
2. Christopher Franzen (Geschäftsführer Frank Otto Medienbeteiligungs GmbH & Co. KG)
3. Dr. Alexander Fink (Assistant Professor, Institute for Economic Policy an der Universität Leipzig)

Die Veranstaltung fand am Mittwoch, 24.10.2018 im Paulinum der Universität Leipzig statt und ist auf dieser Seite nachsehbar.

Die Debatte

Die Diskussion eröffnete Prof. Meynhardt für die Pro-Seite. Er verwies hinsichtlich der Digitalisierung auf eine "unüberschaubare Komplexität" und eine "pluralisierte Informationsverteilung" und die damit verbundene Bedeutung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Stellvertretend für sein Debattierteam warnte er: "Wenn alle an sich denken, ist noch nicht für alle gesorgt." Eine Demokratie funktioniere nur, wenn auch kleine Stimmen Gehör fänden. Der private Rundfunk könne nicht sicherstellen, dass das Gemeinwohl nicht unter die Räder komme.

Für die Contra-Seite hielt Dr. Fink dagegen, die Funktionsfähigkeit einer Demokratie hänge nicht von einem öffentlich-rechtlichen Rundfunk ab. Er sprach von einem "öffentlich-rechtlichen Rundfunk-Einhorn" und meinte damit eine Idealvorstellung eines effizienten, neutralen Systems, die mit der Realität, wie er sagte, nicht viel gemein habe. Den öffentlich-rechtlichen Rundfunk mit dem real existierenden Sozialismus vergleichend, argumentierte er, dass auch hier die Idee zwar gut, aber nicht umsetzbar sei. Im Sinne der Debatte forderte er eine Umstellung von einer Pflichtgebühr hin zu einer nutzungsabhängen Finanzierung.

Als Teil der Pro-Seite argumentierend erwiderte Lochthofen, es sei gerade eine große Stärke des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, nicht zuerst an Effizienz denken zu müssen. Nur so sei es möglich, in Zeiten großen ökonomischen Drucks regionale Berichterstattung zu leisten, barrierefreie Sendungen anzubieten und Aufträge an vor Ort ansässige Firmen zu erteilen. Insbesondere um die Interessen von Menschen im ländlichen Raum oder Menschen mit Interessen abseits des Mainstreams würde sich ohne öffentlich-rechtlichen Rundfunk wohl keiner kümmern.

Schließlich kritisierte Franzen im Sinne der Contra-Seite, dass bei den öffentlich-rechtlichen Sendern eine Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit klaffe. Er nannte einige Beipiele, anhand derer er bei Sendern wie der ARD und dem ZDF einen verantwortungslosen Umgang mit Gebührengeldern bemängelte und warf dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk eine zu große Nähe zur Politik vor.

Kritische Fragen des Publikums richteten sich anschließend an beide Lager der Debatte und betrafen unter anderem die (schwierigen) Arbeitsbedingungen für freie Journalisten beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk, die (unausgewogene) Zusammensetzung der Rundfunkräte und die (krimilastige) Auswahl der Inhalte.

Nach den Abschlussplädoyers von Seidel und Prof. Ganguin, die die Aufgabe hatten, die wichtigsten Argumente ihrer Seite noch einmal zusammenfassend auszuführen, wurde das Publikum aufgerufen, per Handzeichen abzustimmen.

Das Ergebnis fiel recht eindeutig aus: Von 160 teilnehmenden Zuschauern stimmten 135 für die Argumentation im Sinne des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, 25 für die Argumentation dagegen.

Zuletzt aktualisiert: 25. Oktober 2018, 16:13 Uhr