Kommunikation als Medium Wenn Kinder mit den Händen sprechen

Wenn gehörlose Kinder in hörende Familien geboren werden, bedeutet das eine besondere Herausforderung für die Eltern. Manchmal müssen sie sogar eine neue Sprache lernen - das Gebärden. Wie funktioniert das im Alltag?

von Johanna Kiesler

Die Kinder tuscheln mit den Händen

Wenn Erwin in seiner Kita in Ilmenau nach dem Mittagsschlaf von seinen Träumen erzählt, dann macht das kein Geräusch. Er ist das einzige gehörlose Kind hier. Aber nicht das einzige, das gebärdet.  

Wenn die mittags auf den Betten liegen und wir sagen, die sollen leise sein, dass die anderen schlafenden Kinder nicht gestört werden, dann fangen die an und gebärden untereinander. Und dann ist es witzig, weil das können sie ja machen. Sie sind ja leise und stören die anderen Kinder nicht.

Heike Bolle Erzieherin
Der vierjährige Erwin ist das einzige gehörlose Kind in seiner Kita.
Der vierjährige Erwin ist das einzige gehörlose Kind in seiner Kita. Bildrechte: MEDIEN360G / Johanna Kiesler

Als Erwin noch nicht ganz ein Jahr alt war, wurde ihm ein Cochlea Implantat eingesetzt, das ihm eigentlich das Hören ermöglichen sollte. Doch schnell stellte sich heraus: es funktioniert bei ihm nicht. Gebärdensprache ist für ihn deshalb die einzige Möglichkeit, zu kommunizieren.

Regelmäßig kommt eine Fachkraft der sprachlichen Frühförderung in die Kita, um Erwin die Gebärdensprache beizubringen. Sie verbringt einige Stunden in seiner Gruppe und gebärdet dann nicht nur mit Erwin, sondern auch mit den anderen Kindern. So lernen alle ein bisschen mit. Manchen besonders schüchternen Kindern hilft das sogar. Auch wenn sie eigentlich sprechen könnten, fällt ihnen die Gebärdensprache hin und wieder leichter. Und nicht zuletzt profitieren natürlich auch die Erzieherinnen von dem persönlichen Gebärdensprachenunterricht. Sie lassen sich neue Vokabeln zeigen und können so von Mal zu Mal besser mit Erwin kommunizieren.

"Manchmal verstehe ich nicht, was mein Sohn mir sagt"

Natürlich spricht auch Erwins Familie mit ihm Gebärdensprache. Aber im Alltag dauert das häufig länger und braucht Konzentration. Deshalb passiert es schnell, dass seine Eltern und sein Bruder unwillkürlich in die Lautsprache wechseln, besonders dann, wenn sie gerade nicht mit Erwin sprechen. Oft haben sie ein schlechtes Gewissen deswegen, erzählt Erwins Mutter, Christiane Hildebrandt: "Man weiß dann, er bekommt nur 30% von dem mit, was man sich so alltäglich unterhält und es wäre eigentlich besser, wenn man ständig gebärdet".

Doch um wirklich alles gebärden zu können, fehlen ihnen häufig die Vokabeln. "Manche Sachen kann man ja nachgucken. Also wenn ich was sagen will, weil mir die Worte fehlen, dann kann ich in einer App gucken, es gibt so eine Zeichen-App, da kann ich dann das Wort eingeben und es zeigt mir dann das Bild dazu, also ich kann mir dann schon helfen. Aber:

Wenn er gebärdet, dann gibt es kein Mittel, wo ich jetzt nachschlagen kann, was hat er mir jetzt gesagt. Manchmal verstehe ich auch nicht, was er mir sagt. Manchmal sage ich, ja, stimmt, aber ich weiß dann nicht, was er mir jetzt gesagt hat.

Christiane Hildebrandt Mutter von Erwin

Um die Gebärdensprache endlich richtig zu lernen, haben Erwins Eltern einen Hausgebärdensprachkurs für Angehörige beantragt, doch der wurde vom zuständigen Jugendamt bisher abgelehnt. Die Begründung: Es gäbe keine einheitliche Bundesgesetzgebung, die so etwas regelt.

Für die Erziehung eine schwierige Voraussetzung.

Wenn keine Möglichkeiten da sind, heißt es: selbst aktiv werden

Auch die sechsjährige Anna ist gehörlos und verständigte sich von Anfang an mit Gebärdensprache. Sie besucht die bilinguale Klasse einer Gemeinschaftsschule in Erfurt.

Die sechsjährige Anna besucht eine bilinguale Schule in Erfurt.
Die sechsjährige Anna besucht eine bilinguale Schule in Erfurt. Bildrechte: MEDIEN360G / Johanna Kiesler

Hier lernen hörende und gehörlose Kinder gemeinsam. Auch sogenannte Coda-Kinder (Abkürzung für "Children of deaf adults"), also hörende Kinder gehörloser Eltern, gehören zu Annas Mitschülern. Ein solches Gruppeninklusionsmodell ist in Deutschland bisher einmalig. Der Unterricht wird von zwei Lehrkräften gehalten: Eine kommuniziert in Lautsprache, die andere gebärdet. Auch muttersprachlicher Gebärdenunterricht gehört zum Konzept, erklärt Heike Gruchmann: "Kinder brauchen gehörlose Vorbilder wie mich für ihre Identitätsbildung. So sehen sie, es gibt auch erwachsene Gehörlose, von denen sie lernen können. Unter Hörenden haben Kinder oft das Gefühl, nichts zu können. Wenn ich da bin, gibt ihnen das ein Stück Normalität."

Das Konzept geht auf eine Initiative des BILING e.V. zurück - ein Verein, den Annas Vater zusammen mit anderen Eltern gegründet hat. Den Mitgliedern geht es vor allem darum, dass gehörlose Kinder die gleichen Möglichkeiten haben sollen wie hörende.

"Wir haben festgestellt, dass überall Angebote fehlen, im sozialen Bereich, im Alltag, z.B. im Museum,  im Zoo, in der Bibliothek, nirgendwo gibt es bilinguale Angebote. Gebärdensprache wird überhaupt nicht angeboten. Deshalb haben wir den Verein gegründet."

Auch außerhalb der Schule kommuniziert Annas Familie fast ausschließlich mit Gebärdensprache, egal ob Anna am Gespräch beteiligt oder einfach nur dabei ist. Sie legen viel Wert darauf, ihre Tochter einzubinden. Annas Vater erlebt aber auch hin und wieder Momente, die ihn traurig machen:

Wenn Hörende da sind, wird natürlich viel gesprochen, man bekommt es nicht hin, alles zu dolmetschen und dann fühlt man sich, als wenn man das Kind von dieser Kommunikation ausspart. Das ist immer eine sehr schwierige Situation.

Manuel Löffelholz Vater von Anna

Die Familien von Anna und Erwin treffen sich regelmäßig. Über den Verein haben sie auch Kontakt zu anderen gehörlosen Familien. Sie tauschen Erfahrungen aus, üben gemeinsam die Gebärdensprache und organisieren bilinguale Veranstaltungen für ihre Kinder. Sie wissen: Gehörlose, die in einer hörenden Welt aufwachsen, müssen vor allem eines lernen: Eigeninitiative.