Grünes Ampelmännchen sitzend auf dem Schriftzug Ostquote
Bildrechte: MEDIEN360G

"Zur Sache, Leipzig" Im Osten was Neues

Die Gretchenfrage stellt Lars Vogel von der Universität Leipzig gleich zu Beginn: Wer ist heute bitteschön noch ein Ossi? Für den Politikwissenschafts-Professor ist das statistisch zumindest klar: Wer spätestens bis 1976 in der damaligen DDR geboren wurde, hat noch genügend entsprechende Sozialisation mitbekommen – und es bis heute nicht wirklich an die Spitze geschafft. Denn den Ton geben immer noch die Repräsentanten des alten Westens an – auch in den Medien, die das Bild vom Osten prägen.

von Steffen Grimberg

Grünes Ampelmännchen sitzend auf dem Schriftzug Ostquote
Bildrechte: MEDIEN360G

In den Vorständen aller Dax-Unternehmen gibt es ganze drei Ostdeutsche, von rund 140 BotschafterInnen sind es keine zehn, und bei Bundeswehrgenerälen kommt auf 100 aus dem Westen einer "Made in the East". Zusammengestellt hat diese Zahlen die Wochenzeitung "Die Zeit", die am 23. Mai in Leipzig zum Thema "Braucht Deutschland wirklich eine Ost-Quote" diskutieren ließ. Schon 2017 hatte die "Zeit" dem Thema "Ostdeutsche in Führungspositionen" ein Dossier gewidmet.

Eliten rekrutieren sich aus sich selbst

Die Zahlenreihe ließe sich beliebig um Angaben aus der bunten Welt der Medien ergänzen: ChefedakteurInnen, IntendantInnen und anderes gehobenes Sendepersonal, KorrespondentInnen oder MeinungsführerInnen in den Kommentarspalten der überregionalen Zeitungen sind ganz überwiegend Menschen mit West-Biografie. "Die Eliten rekrutieren sich aus sich selbst", kommentierte Vogel nüchtern, lediglich in der Politik sei "der Osten einigermaßen repräsentativ vertreten".

Dem konnte auch Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff nur beipflichten – gerade weil er trotz seines hohen Amtes auch immer wieder mal nachrangig bedient wird: "Das geht bis in VIP-Listen irgendwelcher Veranstaltungen hinein, auf denen wir schlicht nicht draufstehen", da reiche als Feigenblatt dann der eher mal Berücksichtigung findende Stasi-Beauftrage, "der ist ja meistens aus dem Osten", lästerte Haseloff.

Gemischte Teams beim MDR

Neben Vogel, Haseloff und dem Redaktionsleiter des Leipziger "Zeit im Osten"-Büros, Martin Machowecz, diskutierte auch MDR-Intendantin Karola Wille im Paulinum der Universität Leipzig mit. Sie wurde gleich nach Gründung des Mitteldeutschen Rundfunks zur stellvertretenden Juristischen Direktorin der ARD-Anstalt berufen. "Wir waren gemischte Teams", erinnerte sich Wille, wobei den "Ossis" meist der Posten als StellvertreterIn der aus dem Westen geholten ChefInnen vorbehalten war. 2011 wurde Wille dann gegen einen von der tonangebenden sächsischen Medienpolitik unterstützten West-Kandidaten, den damaligen Chefredakteur der "Leipziger Volkszeitung" Bernd Hilder, zur Intendantin des MDR gewählt.

Für Reiner Haseloff sind ARD und ZDF "Westfernsehen"

Während im MDR nach Willes Angaben bis zu den Abteilungs- und Redaktionsleitungen hinab ein gutes Ost-West-Verhältnis mit einem deutlichen Ost-Überhang von rund 70 Prozent besteht, sieht das für die öffentlich-rechtlichen Anstalten insgesamt zumindest nach Reiner Haseloffs Sicht ganz anders aus: "Die Öffentlich-Rechtlichen sind Westfernsehen geblieben", vor der Wende sei die ARD für ihn "Hort der Freiheit" gewesen, nun komme Ostdeutschland überwiegend mit negativen Ereignissen vor.

Ganz so dramatisch mochte das Karola Wille zwar nicht formulieren, doch sie hatte schon im vergangenen Jahr in einem Gastbeitrag für die "FAZ" der ARD ins Stammbuch geschrieben, diese müsse "allen Regionen eine unverwechselbare publizistische Stimme" geben: "Daran müssen wir immer wieder arbeiten. Dazu gehört auch, dass ostdeutsche Geschichten und die vielen Facetten der ostdeutschen Lebenswirklichkeit zum festen Bestandteil unseres ‚Wir‘ gehören, wie es der Bundespräsident am 3. Oktober in diesem Jahr formulierte", so Wille in der FAZ.

Drei Minuten "Ostblock" in der Tagesschau?

Doch hier passiere im Westen zu wenig: "Es gibt Informationslücken, die sind verheerend", meinte Haseloff und schlug vor, doch einfach "drei Minuten in jeder Tagesschau" für den Osten und seine Themen zu reservieren.

"Das Bild des Ostens muss differenzierter werden", unterstrich auch Wille bei der Leipziger Diskussion: "Es darf nicht auf Arbeitslosigkeit, Rechtsextremismus und vergleichbare Themen beschränkt sein – der Osten ist vielfältiger."

Und er macht sich bemerkbar, wie auch die "Zeit"-Diskussion zeigte. "Zeit"-Leipzig-Chef Martin Machowecz sieht sogar ein "neues ostdeutsches Selbstbewusstsein", was sich auch in der Abstimmung im Publikum manifestierte. Denn die rund 200 Gäste hatten sich schon kurz nach Beginn deutlich positiver als von den Veranstaltern – neben "Zeit" und "Zeit"-Stiftung die Universität Leipzig – erwartet zur Frage "Braucht Deutschland wirklich eine Ost-Quote?" positioniert: Rund 50 Prozent bejahten den Satz. Der Rest blieb skeptisch.

Zuletzt aktualisiert: 28. Mai 2018, 12:47 Uhr