Mann beendet ein Puzzle auf einer Klippe mit dem letzten Teil an einer Angel
Bildrechte: IMAGO

Konstruktiv Probleme lösen Lösungsorientierter Journalismus kann nicht alles - aber viel

Nur schlechte Nachrichten verkaufen sich gut, heißt es. Wenn Berichte aber auch zeigen, wie man Probleme konstruktiv angeht, kann die Welt besser werden, halten Anhänger von "lösungorientiertem Journalismus" dagegen.

Mann beendet ein Puzzle auf einer Klippe mit dem letzten Teil an einer Angel
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Haben kritische Journalisten dazu beigetragen, die Welt schlechter zu machen, als sie ist? Haben sie ihr Publikum durch zu starke Betonung von Missständen davon überzeugt, dass die Probleme der Gesellschaft unlösbar sind? Diese Fragen stellen sich viele Journalisten spätestens seit dem Brexit und dem Wahlsieg von Donald Trump.

Medienschaffende in den USA und Europa diskutieren seit einigen Jahren, wie sich Berichterstattung verändern muss, damit Menschen konstruktiv an Gesellschaft beteiligen können und positiv miteinander sprechen. Die Stiftung "Solutions Journalism Network" etwa arbeitet seit 2013 an Konzepten, wie Journalismus konstruktiver, "lösungsorientierter" mit Problemen umgehen kann.

Ein Beispiel dafür ist eine Geschichte von New-York-Times-Reporterin Tina Rosenberg. Im Jahr 2000 schrieb sie darüber, dass die US-Regierung zusammen mit Pharmaunternehmen die Preise für lebensrettende Medikamente gegen AIDS künstlich oben hielt. Menschen in Entwicklungsländern konnten sich die Arzneien dadurch nicht leisten.

Weil ihr Redakteur den Bericht zwar interessant aber zu deprimierend fand, fügte sie einen weiteren Aspekt hinzu: Brasilien baute die Medikamente günstig nach und verteilte sie an Bedürftige. Die Geschichte machte so viel Druck auf die US-Regierung, dass diese daraufhin ihre Politik änderte und dafür sorgte, dass die AIDS-Medikamente für alle Entwicklungsländer erschwinglicher wurden. Dem Beispiel folgten später viele weitere Geschichten, die nach einem ähnlichen Muster zu wichtigen Veränderungen führten. In Deutschland hat sich "Perspective Daily" dieser Art von Berichterstattung verschrieben.

Allerdings hat der konstruktive Journalismus gewisse Grenzen, schreibt der Berliner Medienwissenschaftler Klaus Beck in der Zeitung Tagesspiegel und beim Portal des European Journalism Observatory. Mit Blick auf mehrere Forschungsarbeiten sieht Beck keine Belege dafür, dass lösungsorientierte Berichte bei ihrem Publikum zu besserer Informiertheit oder zu mehr Mitgefühl geführt hätten. Allerdings verbesserte sich offenbar die Stimmung der Leser, die nach der Lektüre mehr Lust auf weitere Information hatten.

Zu einer ähnlichen Analyse gelangt Karen McIntyre, Forscherin und Dozentin an der Virginia Commonwealth Universität in den USA. Sie testete die Effekte von lösungsorientiertem Journalismus auf die Leser in einem Experiment, bei dem diese verschiedene Versionen einer extra für den Versuch erstellten Geschichte lesen sollten.

In einer Variante wurde ein Missstand berichtet, aber keine Lösung präsentiert. Eine zweite Version zeigte neben dem Problem eine nur ineffektive Lösung auf. Die dritte schließlich lieferte einen effektiven Lösungsvorschlag. Dabei zeigte sich, dass sich alle Leser nach der Lektüre eines Berichts über ein soziales Problem schlechter als zuvor fühlten.

Die Version mit der Problemlösung führte aber dazu, dass sich deren Leser etwas weniger schlecht fühlten, als die anderen. McIntyres schätzt, dass Journalismus, der Problemlösungen vorschlägt, daher einige negative Effekte von Berichterstattung über soziale Probleme abschwächt. Sie erhöhte aber nicht den Wunsch, selbst zur Lösung des beschriebenen Problems beizutragen.

Zuletzt aktualisiert: 24. Januar 2018, 16:19 Uhr