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Professionell und unverzichtbar Lokalzeitungen unter Druck

Lokalzeitungen unter Druck

Der Lokaljournalismus steckt in einem Dilemma. Er ist immer noch stark von der gedruckten Zeitung abhängig. Doch die verliert Leser. Wir haben über Herausforderungen und Perspektiven mit Journalisten vor Ort gesprochen.

Fr 21.08.2020 10:11Uhr 10:13 min

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Politik will Verlage unterstützen Zukunft der Lokalzeitung

04. September 2020, 14:45 Uhr

Deutschlands Lokalzeitungen stecken in einem Dilemma. Alle wollen ihre Informationen, weil man so am besten erfährt, was vor der eigenen Haustür passiert. Vielen Menschen ist aber gar nicht so klar, wo diese lokalen Informationen herkommen und halten deshalb Lokalzeitungen für verzichtbar. Deshalb lässt sich Lokaljournalismus immer schwerer finanzieren, sagen die Verlage. Weil Alternativen fehlen, wenn die Zeitung stirbt, will jetzt die Politik mit Fördergeldern helfen.

Auf den ersten Blick sehen Lokalzeitungen im digitalen Zeitalter alt aus: Was in der gedruckten Ausgabe drinsteht, ist zwangsläufig „von gestern“. Denn das Blatt muss ja noch über Nacht gedruckt und früh morgens zu seinen Leserinnen und Lesern gebracht werden. Doch die haben sich längst im Netz oder in anderen Medien informiert. Aber stimmt das wirklich? Nein. Denn tatsächlich stammen auch im Netz oder im Lokalradio die meisten lokalen Informationen wieder aus der Lokalzeitung.

Geht die Lokalzeitung, droht eine Nachrichtenwüste

Gäbe es die klassische Lokalredaktion nicht, würde hier also auch überwiegend eine lokale Nachrichtenwüste sein. Die Zeitung braucht aber die gedruckte Ausgabe, weil sie mit ihr immer noch am meisten Geld verdient. Zwar sind immer mehr Menschen bereit, auch online für Nachrichten und Journalismus zu bezahlen. Aber das reicht längst nicht, um die Summen aufzubringen, die eine klassische Lokalredaktion kostet. MDR MEDIEN360G hat sich bei einer  Lokalredaktion der Magdeburger Volksstimme umgesehen und mit den Verantwortlichen gesprochen.

Denn was die Bedeutung des Lokaljournalismus angeht, sind sich alle einig, sagt die Journalistik-Professorin Wiebke Möhring im MDR MEDIEN360G-Interview: „Die Bürgerinnen und Bürger wünschen sich, dass die Lokalzeitung mit den Großkopferten und den Mächtigen in ihrer Stadt offen ins Gericht geht und ihnen kritische Fragen stellt. Zugleich soll die Zeitung auch so etwas wie ein Anwalt der Region sein, also sich für die Belange der Region und ihrer Menschen einsetzen.“

Zeitung als Anwalt der Region

Mit Alltagsgesprächen oder Nachrichten und Posts aus den sozialen Medien allein sei so etwas nicht zu erreichen. „Natürlich sind persönliche Gespräche immer schon ein ganz zentraler Faktor von lokaler Kommunikation gewesen. Und ich glaube, es gibt keine bessere Quelle, um zu erfahren, was im Nachbarhaus passiert als die Nachbarn drumherum“, so Möhring, die am Institut für Journalistik der TU Dortmund arbeitet. „Alltagsgespräche und Posts, die ich in den sozialen Netzwerken bekomme, können mir aber kein umfassendes Bild davon vermitteln, was in der Stadt tatsächlich passiert.“ Verlässt man sich allein auf Facebook & Co. ist die Gefahr groß, dass man vor den Karren von  Einzelinteressen gespannt wird. „Ich kann mich nicht darauf verlassen, dass ich eine Auswahl der wirklich wichtigen Themen präsentiert bekomme. Oder das solche Themen, auch wenn sie vielleicht gerade mal nicht hochaktuell sind, trotzdem weiter verfolgt werden“, sagt Möhring. Genau das leiste der Lokaljournalismus mit seiner Kontroll- und Chronistenpflicht.

Online-Zeitungsprojekt in Halle

Angebote wie ehrenamtliche Stadtteilzeitschriften oder professionelle Blogs könnten diese Leistung nicht ersetzen, sagt Möhring. Sie sind keine Alternative, sondern im besten Fall eine Ergänzung. Selbst wenn sie inhaltlich so gut gemacht sind wie die Städtische Zeitung Halle. Diese Online-Zeitung erschien von 2017 bis März 2020. Ihr Gründer Felix Knothe erzählt bei MDR MEDIEN360G wie alles anfing und warum Lokaljournalismus unverzichtbar ist.

Doch das Geschäft wird von Jahr zu Jahr schwerer, klagen die Verlage. In den vergangenen 30 Jahren hat sich die Papier-Auflage aller deutschen Lokal- und Regionalzeitungen halbiert. Auch die Anzeigeneinnahmen gehen weiter zurück.

Corona-Krise hat negative Folgen

Die Corona-Krise hat hier noch einmal für einen heftigen Schub nach unten gesorgt. Andererseits sind die Zeitungen überall deutlich teurer geworden. Bei vielen Verlagen klingelt weiter gutes Geld in der Kasse. Die Journalistengwerkschaft DJU kritisiert, dass es keine belastbaren Zahlen gibt, welchen Zeitungen es wie schlecht geht. „Doch hier gibt es große Unterschiede“, sagt DJU-Geschäftsführerin Cornelia Berger. „Es ist nun einmal nicht dasselbe, ob ich ein Blatt auf dem platten Land bin, wo meine Abonnentinnen und Abonnenten weniger werden und weit entfernt voneinander wohnen. Oder ob ich von einer Großstadt rede, wo ein Titel wie die LVZ in Leipzig keine lokale Konkurrenz hat und die Wirtschaft boomt."

Die Politik hat der Entwicklung lange zugesehen. Jetzt scheinen die Klagen der Verlage Erfolg zu haben. Bereits 2019 hat die Bundesregierung beschlossen, die durch den Mindestlohn so teuer gewordene Zustellung der gedruckten Zeitung mit 40 Millionen Euro zu fördern. Den Verlagen war das zu wenig. „Eine so geringe Förderung löst kein einziges Problem“, sagte damals der Verlegerverband BDZV.

Politik will Zeitungen mit 220 Millionen Euro fördern

Weil sich in der Corona-Pandemie gezeigt hat, wie wichtig die Zeitungen für die Information der Menschen vor Ort ist, hat der Bund diese Summe jetzt aufgestockt. 220 Millionen Euro sind für die Zustellförderung und die „digitale Transformation des Verlagswesens“ vorgesehen. 40 Millionen davon sollen noch dieses Jahr verteilt werden. Neben Tageszeitungen sollen auch Anzeigenblätter, aber wohl keine reinen Online-Angebote wie Blogs diese Unterstützung beantragen können. Nach welchen Kriterien wer was bekommt und was genau mit der „digitale Transformation des Verlagswesens“ gemeint ist, bleibt aktuell noch ziemlich unklar. Das zuständige Bundeswirtschaftsministerium arbeitet derzeit an einem Konzept. Spätestens Ende Herbst soll es beschlossen werden. Denn die Zeit drängt.