Medien im Wahlkampf Das Duell ist tot - es lebe das Triell

Triell im Dreierpack statt ein zentrales Kanzlerschafts-Duell, Town-Hall-Meetings unter Corona-Bedingungen und dazu noch "Pommes mit Meinung": Die Bundestagswahl 2021 bringt auch für die Medien viele Veränderungen. Schließlich kämpfen gleich drei Spitzenkandidatinnen und -kandidaten um den Einzug ins Kanzleramt. Und noch nie war die Möglichkeit der digitalen Teilhabe und Mitwirkung für die Bürgerinnen und Bürger so groß.

Zwei Schachfiguren stehen, eine weitere wird von einer Hand hinzugefügt.
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Der für alle sichtbarste Unterschied ist das direkte Schaulaufen ums Kanzleramt. Hier konkurrieren diesmal drei statt zwei Menschen. Doch auch das klassische TV-Duell ist hierzulande noch gar nicht so alt. Seinen Ursprung hat es in den USA, wo im 19. Jahrhundert Wahlkampfdebatten zwischen den Präsidentschaftskandidaten schonmal mehrere Tage dauern konnten. 1948 gab es das erste Duell im Radio, die Premiere im Fernsehen fand 1960 zwischen Richard Nixon und John F. Kennedy statt. In (West-)Deutschland wurde zwar schon seit den 1970er Jahren über ein TV-Duell diskutiert, aber erst 2002 stiegen der damalige Kanzler Gerhard Schröder (SPD) und sein Herausforderer Edmund Stoiber (CSU) in die TV-Bütt. Und das gleich doppelt: Einmal für die Privatsender RTL und ProSiebenSat.1 und ein zweites Mal für ARD und ZDF. Bei den folgenden Bundestagswahlen bestand die heutige Kanzlerin Angela Merkel (CDU) stets darauf, dass es nur ein Duell gab. Weil natürlich alle vier Sendergruppen dabei sein wollten, interviewten so vier Fragestellerinnen und -steller die zwei Duellanten.

Drei Trielle am 29. August sowie 12. und 19. September

2021 wird es - ähnlich wie beim ersten deutschen TV-Duell 2002 - dagegen wieder mehrere Runden geben. Das erste Triell senden am 29. August RTL und der private Nachrichtensender n-tv. Dann nehmen die zu RTL gewechselte Ex-"Tagesthemen"-Moderatorin Pinar Atalay und RTL-Chefmoderator Peter Kloeppel Annalena Baerbock (Grüne), Armin Laschet (CDU) und Olaf Scholz (SPD) in die Zange.

Die Öffentlich-Rechtlichen legen zwei Wochen später am 12. September unter der Moderation von Maybrit Illner und ARD-Chefredakteur Oliver Köhr nach.

Während diese beiden Termine schon seit Mai vereinbart waren, legte Mitte August die dritte große TV-Einheit ProSiebenSat.1 nach. Auch sie bekommt die drei ins Studio - und hofft, mit dem spätesten Termin am Sonntag vor der Wahl (19. September) zu punkten. Das dritte Triell soll bei allen Sendern der Gruppe (ProSieben, Sat.1, Kabel 1) und auf dem Youtube-Kanal des ProSieben-Magazins "Galileo" ausgestrahlt werden. Die Moderation ist dabei Frauensache - neben Claudia von Brauchitsch vom Sat.1-Magazin "akte" befragt Linda Zervakis Baerbock, Laschet und Scholz. Zervakis kommt auch von der ARD, sie war bis Ende April 2021 Chefsprecherin der "tagesschau".

Dass Triell stellt dabei noch aus einem ganz anderen Grund alle Teilnehmenden vor neue Herausforderungen. Denn es kann beim echten Triell paradoxerweise dazu kommen, dass unter bestimmten Bedingungen gute "Schützen" gegenüber schlechten "Schützen" im Nachteil sind: Sie halten sich dann gegenseitig in Schach, während der schlechtere "Schütze" triumphiert. Ob sich diese in einigen Western wie "The Good, the Bad and the Ugly" aus dem Jahr 1966 verfilmte Situation auf ein TV-Triell von Politikerinnen und Politikern übertragen lässt, ist noch unerforscht.

Journalistik-Professor Michael Haller kritisiert "Belanglosigkeiten"

"Alles ist anders", sagt auch Michael Haller zur Bundestagswahl 2021. Der Journalistik-Professor hat lange das Institut für Journalismus der Universität Leipzig geleitet und verfolgt die Wahlberichterstattung seit Jahren professionell. Er sieht aktuell eine "brutale Überforderung des Polit-Journalismus, der sich im hektischen News-Gehetze verirrt und sein Publikum verwirrt". Die eigentliche Aufgabe der Medien wäre dagegen, "die zentralen Fragen großer Teile der Bevölkerung beispielsweise zum Umweltschutz und zur Sozialpolitik zu publizieren, die von den drei Kandidaten bzw. Parteien (noch) nicht hinreichend beantwortet werden. Tag für Tag konkrete, belastbare Antworten zu naheliegenden Fragen der Zukunftssicherung einfordern: Dies wäre aus meiner Sicht die neue Herausforderung der Medien. Stattdessen werden in den Interviews und Talkrunden vor allem Belanglosigkeiten bequatscht." Besonders kritisch sieht Haller Tendenzen wie beim Privatsender ProSieben, der wie bei den letzten Wahlen seine "Bundestagswahl-Show" eher unterhaltend ausrichtet. "Soweit ich sehe, versuchen die TV-Produzenten während dieser Wahlkampfzeit, praktisch jedes Format umzusetzen. Es fehlen nur noch Formate in der Art von 'Wetten das' oder 'Wer wird Millionär'."

Viele Online-Angebote zum Mitmachen

funk, das junge Angebot von ARD und ZDF ist schon Mitte August in die heiße Phase der Wahlberichterstattung gestartet. Das Politik-Format "Die da oben!" führte am 16. August Kandidatinnen- und Kandidatenchecks aus Sicht junger Menschen durch und erklärte, wer für welche Themen steht. Außerdem schauen sich die funk-Formate "So Many Tabs", "Simplicissimus", "Hand drauf" und "reporter" weitere Wahlkampfthemen innovativ und mit Beteiligung der Userinnen und User an. Bei "So Many Tabs" werden zum Beispiel die Wahlprogramme der sechs aktuell im Bundestag vertretenen Parteien mit dem Fokus auf Netzpolitik verglichen. "Hand drauf" erklärt nochmal anschaulich, wie das Ganze abläuft und bietet so Basiswissen zur Bundestagswahl.

Der MDR lässt sein Publikum ebenfalls in vielen Formaten direkt zu Wort kommen und hat dazu unter anderem eine interaktive Wünsche-Karte für die Menschen in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen angelegt. Hier können die Erwartungen an die neue Bundesregierung eingetragen und Visionen und Hoffnungen formuliert werden. Die Befragung läuft über die MDR-Online-Befragungsplattform MDRfragt, die Antworten werden interaktiv in eine Online-Landkarte integriert und in diversen MDR-Formaten im Fernsehen und Radio thematisiert. In den Wochen vor der Wahl präsentiert der MDR Nachmittag auch sein Format "Pommes mit Meinung" ganz mit Blick auf den 26. September. Vier Mal ist dann der MDR mit der mobilen Imbissbude auf Marktplätzen in Mitteldeutschland unterwegs und sucht zum Thema Wahl den Dialog mit Bürgerinnen und Bürgern.