Text: Der Artikel zum Thema. Ein abstrahierter Mensch, der liest.
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Desinformation und Meinungsmanipulation Ist Europa in Gefahr?

Durch Kommunikation kommen Menschen zu ihren Meinungen, zu politischen Haltungen - und letztlich zu Wahlentscheidungen. Was aber, wenn diese Kommunikation bewusst manipuliert wird? Bei MEDIEN360G und MDR KULTUR geht es jetzt - einen Tag vor der Europawahl - um ein Phänomen, das für die offene Gesellschaft und die Stabilität Europas große Gefahr birgt: Gezielte Desinformationskampagnen im Netz. Darüber hat sich Ellen Schweda mit Lutz Kinkel unterhalten.

von Ellen Schweda

Text: Der Artikel zum Thema. Ein abstrahierter Mensch, der liest.
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Haben Fake-News-Kampagnen tatsächlich Einfluss auf Wahlergebnisse? Wie sehen solche Versuche aus? Warum finden sie im Netz Verbreitung? Und was kann und muss dagegen getan werden?

Verlässliche Zahlen gibt es nicht. Deshalb wägt Lutz Kinkel, der Leiter des Europäischen Zentrums für Medien- und Pressefreiheit, seine Worte wohl ab, wenn er gefragt wird, welche Rolle gezielte Desinformationskampagnen spielen, in der europäischen Öffentlichkeit.

Text: Diskurs - Desinformation und Meinungsmanipulation im Netz. Zwei abstrahierte Menschen, die miteinander diskutieren. 25 min
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Im Gespräch mit Lutz Kinkel

"Es gibt durch die permanente Zugänglichkeit von aufregenden Informationen ein verstärktes Bedürfnis danach. Die Forschung hat gezeigt: Je öfter man eine Fake-News hört, für desto glaubwürdiger hält man sie", so Kinkel.

MDR KULTUR - Das Radio Sa 25.05.2019 19:05Uhr 24:48 min

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"Dieses Phänomen gibt’s in allen europäischen Staaten. Unser Problem ist: Man kann zwar sehen wie oft Falschnachrichten im Netz sind… Man hat jetzt gerade eine Untersuchung gemacht bei den Gelbwesten in Frankreich. Und hat dort festgestellt, dass dort Falschnachrichten angeklickt worden sind in einem Quantum von 100 Millionen Mal. Aber was bedeutet das dann eigentlich? Heißt das automatisch, dass ich von dieser Falschnachricht beeinflusst werde? Was wir allerdings auch sehen, ist, dass diese Desinformationskampagnen, die es tatsächlich gibt, den politischen Diskurs sehr stark verunsichern und polarisieren…"

… und es lassen sich beispielhafte Geschichten erzählen, die zeigen, wie es aussieht, wenn Falschmeldungen die Willensbildung prägen. Geschichten aus dem US-Wahlkampf im Jahr 2016 zum Beispiel. Abstruse Züge konnte das annehmen:

"Da gab‘s massive Desinformationskampagnen. Zum  Beispiel, dass Hillary Clinton angeblich einen Pädophilen-Ring betreibt, in einer Pizzeria in Washington, im Keller. Diese Geschichte hatte zur Folge, dass jemand bewaffnet in diese Pizzeria gegangen ist, um mal nach dem Rechten zu sehen. Nur um dann festzustellen, dass die Pizzeria gar keinen Keller hat. Also das nur, um zu zeigen, wie weit die Folgen von Falschnachrichten gehen können – bis dahin, dass jemand zu einer Gewalttat stimuliert wird!"

Dabei interessiert sich ein großer Teil der Schöpfer von Falschnachrichten kaum für deren Folgen. Oft geht es gar nicht um Meinungsmache. Die Schein-Sensationen werden vielfach aus einer ganz anderen Motivation heraus verfasst: 

"Es gab einen Ort in Mazedonien, der auch vielfach beschrieben worden ist, zum Beispiel in der ZEIT, der heißt Veles. Und in Veles hat sich so eine Gruppe von jungen Mazedoniern zusammengetan, die haben diese Falschnachrichten in die Welt gesetzt. Und diese Botschaften sind hunderttausend- und millionenfach geklickt worden. Damit haben diese Leute Geld verdient, obwohl sie keinerlei Interesse daran hatten, den Wahlkampf irgendwie zu beeinflussen. Und weil es funktioniert und weil es ein Business-Modell ist, glaube ich, werden wir auch so schnell Falschnachrichten und Desinformation nicht ausrotten können."

Zumal die tatsächlich gezielte Desinformation daneben durchaus ihre schwer nachweisbare Rolle spielt. In den Dokumenten des US-Sonderermittlers Robert Mueller ist nachzulesen, dass 2016 auch vom Kreml finanzierte Netz-Trolle im US-Wahlkampf ihr Unwesen trieben. Was an ihnen auffällt, ist vor allem ihre geringe Zahl. Die Inhalte, die sie produziert haben, wurden dennoch hundertmillionenfach geteilt. Wieso haben Fake-News oft eine so hohe Reichweite?

"Es gibt durch die permanente Zugänglichkeit von aufregenden und unterhaltenden Informationen auch ein verstärktes Bedürfnis danach. Und die psychologische Forschung hat gezeigt: Je öfter man eine Fake-News hört, für desto glaubwürdiger hält man sie. Das heißt also, wenn ich die drei-, vier oder fünfmal gehört, und auch aus verschiedenen Ecke gehört habe, dann sind selbst die Leute, die vorher skeptisch waren, bald überzeugt dass doch was dran sein könnte…"

Und wie ist das nun im europäischen Wahlkampf? Wie groß ist die Sorge wegen möglicher Desinformationskampagnen?

"Brüssel ist alarmiert. Man weiß natürlich: Wenn uns jetzt irgendjemand hier unsere Wahlen beeinflusst, dann kracht uns am Ende des Tages Europa auseinander."

Was aber soll getan werden? Der französische Präsident Emmanuel Macron hätte am liebsten eine "Europäische Agentur zum Schutz der Demokratie". Vorsicht – sagt da Lutz Kinkel. Die könnte schnell in den Ruf einer Zensurbehörde kommen. Klüger wäre nach seiner Auffassung die Aufklärung der Nutzenden, z.B. darüber, wem Medienunternehmen gehören und in welchen Abhängigkeiten sie stehen.

"Ein Transparenz-Label, was an Nachrichten drangeheftet wird, das fände ich gut, dann könnte sich jeder Nutzer erst mal ein Bild machen und könnte dann selber weiter denken!"

Denn darauf, wie der oder die Einzelne am Ende mit den Informationen aus dem Netz umgeht, komme es letztendlich an. Auf die Medienkompetenz. Die Lutz Kinkel zufolge, jetzt und in Zukunft, nicht genug gefördert werden könne.

"Und ich sage das nicht von Berufs wegen, sondern ich sage das auch als Staatsbürger: Haben wir erst mal Zustände, wie sie in kaputten autoritären Staaten sind, mit einer vollkommen polarisierten Bevölkerung, ist das nicht wieder gutzumachen in einer Generation. Das dauert!"

Lutz Kinkel warnt vor den Gefahren einer durch Desinformationen aufgeregten und gespaltenen Gesellschaft. Unser Diskurs im Vorfeld der Europawahl vertieft das Thema weiter. Dann geht es unter anderem auch darum, wie die Logik der Netzwirtschaft das Problem verstärkt und was man als einzelner Nutzer tun kann, um für Fake-News weniger anfällig zu sein.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Desinformation & Meinungsmanipulation im Netz – der Diskurs bei MDR Kultur | 25. Mai 2019 | 19:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 24. Mai 2019, 18:03 Uhr

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