Teaserbild Diversität Dok Leipzig
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Diversität und Dokumentarfilm Nennt es Quote oder nicht

Nur bei jedem vierten Dokumentarfilm führt eine Frau Regie. Das muss sich ändern, finden der Branchenverband AG dok, der Bundesverband Regie – und die ARD-Filmintendantin und MDR-Chefin Karola Wille.

von Steffen Grimberg

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Für Leena Pasanen war die Begegnung mit der deutschen Branchenrealität ein Schock: Als die aus Finnland stammende DOK Leipzig-Festivalleiterin 2017 für das in diesem Jahr vom 29.10. bis 4.11. stattfindende Internationale Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm eine Frauenquote von 40 Prozent einführte, hagelte es massiv Kritik. "In Finnland gilt überall Geschlechtergerechtigkeit", sagte Pasanen - und mit Quotierungen habe man gute Erfahrungen.

Die machte nun auch DOK Leipzig - schon in diesem Jahr hat man die angestrebten 40 Prozent übertroffen und ist bei einem ausgewogenen 50:50-Verhältnis der in den verschiedenen Festivalreihen gezeigten Filme gekommen. 3150 Einreichungen habe es gegeben, so Pasanen, "und bei der ersten Runde der Screenings wusste die Vorauswahl-Kommission nicht, ob die Filme von Frauen oder Männern gemacht waren". Man habe die Quote trotz der großen öffentlichen Aufmerksamkeit "nicht eingeführt, um Publicity zu kriegen", sagte Pasanen. "Jetzt bleibt es unglaublich spannend, wie es sich im kommenden Jahr entwickelt, ob 2018 nur ein Zufall war oder ob sich hier wirklich was geändert hat".  

Zahl der Regisseurinnen steigt nicht mehr

Seit 2011 nicht wirklich geändert hat sich die Zahl der Regisseurinnen beim Dokumentarfilm, machte bei einer Veranstaltung des Produzenten- und Autorenverbands AG dok bei der DOK Leipzig der Medienberater Jörg Langer deutlich: Zwar sei die Zahl der Frauen, die Regie führten, seit 2001 über ein Jahrzehnt deutlich gestiegen, habe aber aktuell eher ein Plateau erreicht. Im langjährigen Mittel 2011-2015 liege die Zahl der Regisseurinnen bei Spielfilmen bei 23 Prozent, bei langen Dokumentarfilmen bei 26 Prozent, so Langer, der gerade an einer entsprechenden Studie für die AG dok und den Bundesverband Regie arbeitet und am 30. Oktober in Leipzig erste Zwischenergebnisse vorstellte.

Branchenstrukturen schrecken ab

Dabei spricht die Zahl der Absolventinnen und Absolventen der Filmhochschulen eine deutlich andere Sprache: Hier zählt man nahezu ausgeglichen ein Verhältnis von 50 zu 50. Langers Fazit: "Die Frauen sind da und auch in den entsprechenden Berufen in der Branche tätig". Nach seiner Interpretation liegt dies neben den auch weiterhin nicht genügend familienfreundlichen Arbeitsbedingungen in der Film- und TV-Industrie vor allem an für Frauen ungünstigen Stereotypisierungen: Sie gelten im Vergleich zu Männern als wenig entschlussfreudig und durchsetzungsstark. Auch die Organisationsstruktur der Branche lasse zu wünschen übrig, so Langer: "Passen Frauen mit ihren Fähigkeiten, ihrem Potential und ihren Bedürfnissen in die konservativen und hierarchischen Strukturen, die nach wie vor die Branche bestimmen?"

Das Ziel: 40 Prozent in drei Jahren

Die MDR-Intendantin Karola Wille machte in der anschließenden Diskussion auch kein Hehl daraus, dass Handlungsbedarf besteht. "Die ARD ist in Sachen Regie kein Vorbild, da sind wir noch weit entfernt von dem, was wir wollen", so Wille, die auch Filmintendantin der ARD ist: "Wir sind auch nicht so weit, wie wir sein müssten." Entscheidend sei, dass die ARD dies nun aber endlich erkannt habe. "Wir haben das Problembewusstsein", sagte Wille, nun gehe es darum, sich auch "mutige Ziele" zu setzen. Für den MDR gab Wille das Ziel aus, bei allen Produktionen – egal ob fiktional oder dokumentarisch – den Frauenanteil bei der Regie drastisch zu erhöhen: "40 Prozent als Ziel in den nächsten drei Jahren halte ich für ein gutes Ziel", sagte Wille. Auch eine verbindliche Quote schloss die ARD-Filmintendantin nicht aus: "Die Quote ist ein Hilfsmittel, das für eine gewisse Zeit nötig sein kann", so Wille: "Eine Quote löst zwar keine Probleme an sich, kann aber die ultima ratio sein, wenn wir es anders nicht hinbekommen".

Dem stimme auch Daniel Sponsel, Leiter des Festivals DokFest München zu: "Die Quote ist ein Instrument, für das ich auch eintrete. Letztendlich entscheidend, ob sich Dinge verändern, ist aber unsere Haltung". Und wohl auch die Frage, wer Entscheidungen trifft bzw. wie diese Gremien besetzt sind: Beim DokFest Hamburg gebe es keine Quote, so Sponsel. Dennoch liege sein Festival mit einem Anteil von 30- 40 Prozent von Frauen gemachter Filme deutlich über dem Durchschnitt. Was, so Sponsel, vielleicht auch daran liege, dass im Team des DokFest zehn von zwölf MitarbeiterInnen Frauen sind.

FFA erkennt Kinderbetreuung am Set an

Wie wichtig es ist, männerdominierte Gremien aufzubrechen und möglichst paritätisch zu besetzen, unterstrich auch Christine Berg vom Vorstand der Filmförderanstalt des Bundes (FFA). Bei Deutschlands wichtigstem Filmförderer  ist der Vorstand mittlerweile paritätisch besetzt. Sie selber sei zwar "bekennende Nicht-Quoten-Frau, wir haben aber dieselben Ziele", so Berg. Und an einem Punkt könne man das bei der FFA auch schon sehen: Mittlerweile würden auch Kosten für Kinderbetreuung am Set und andere familienfreundliche Maßnahmen als förderwürdig von FFA anerkannt.

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Karola Wille

Do 01.11.2018 11:48Uhr 03:09 min

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Joerg Langer

Do 01.11.2018 11:48Uhr 03:31 min

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Lucia Eskes

Do 01.11.2018 11:49Uhr 04:14 min

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Zuletzt aktualisiert: 01. November 2018, 16:35 Uhr