MEDIEN360G im Gespräch mit... Christoph Reinhardt | Freien-Vertreter RBB

4. Kongress der freien Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter startet in Leipzig - der RBB hat der Freien-Vertretung mehr Rechte eingeräumt als andere ARD-Anstalten.

von Steffen Grimberg

Potraitfoto von Christoph Reinhardt 6 min
Bildrechte: MEDIEN360G / Christoph Reinhardt

Journalist und Freien-Vertreter beim rbb

MDR FERNSEHEN Do 04.04.2019 09:58Uhr 06:08 min

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Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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Christoph Reinhardt, Sie sind Freien-Vertreter beim RBB. Was hat man sich genau darunter vorzustellen?

Die Freien-Vertretung ist so eine Art Personalrat light, eben nur für die freien Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Die Festangestellten werden vom Personalrat ordentlich vertreten mit vielen Mitbestimmungsrechten und Mitwirkungsrechten. Wir haben, glaube ich, fünf Mitbestimmungsrechte. Die Öffnungszeiten der Kantine gehören dazu. Formulare, wenn's um Bankdaten von Freien geht. Da dürfen wir richtig mitbestimmen. Ansonsten wirken wir ziemlich viel mit, also wenn es um Arbeits- und Gesundheitsschutz, um neue Arbeitsmethoden geht, dann schreiben wir eine Stellungnahme. Schicken wir unserer Intendantin und dann antwortet sie uns: "Danke für die Hinweise, aber wir machen es trotzdem so, wie wir uns das vorgenommen haben". Das ist die Arbeit der Freien-Vertretung. Das ist ein bisschen blöd, um es mal ehrlich zu sagen, dass wir keine echte Interessenvertretung sind, obwohl es eigentlich im Staatsvertrag so vorgesehen ist, dass wir eine sein sollen. Was ganz gut funktioniert, was uns das auch aushalten lässt, ist: Wir können hier beraten, wenn Freie kommen und fragen: "Wie ist denn das? Ich hab gehört, es gibt so etwas wie Urlaubsgeld, oder ich war krank und jetzt bin ich fast pleite, weil ich kein Geld bekommen habe." Wir wissen, wo die Anträge sind, wissen auch wo die Fallstricke sind. Das läuft sehr gut dieses Geschäft. Viele Freie sind sehr glücklich. Beim RBB gibt es 1500 arbeitnehmerähnliche, die die Festangestellten ergänzen. Es gibt zu wenig Stellen und das wird dann durch diesen grauen Stellenplan der festen Freien ergänzt.

Gibt es so eine Freien-Vertretung in allen ARD-Anstalten oder insgesamt im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, oder ist das, was ihr habt beim RBB, schon was Besonderes?

Diese Freien-Vertretung gibt es nur hier und das Statut, was die Rechtsgrundlage ist, gibt es nur hier. Das hat sich nämlich unsere frühere Intendantin ausgedacht mit ihrem Justiziar und der Personalabteilung. Die haben das geschrieben. Insofern sind wir einzigartig und immer, wenn wir mal vor Gericht ziehen, klagen, weil irgendetwas nicht so läuft, wie wir gerne hätten, dann gucken sich die Richter das an. Die Einen fragen sich: "Sind wir dafür überhaupt zuständig? Wir sind doch hier die Personalvertretungskammer Bund? Das ist doch gar kein Bundespersonalvertretungsgesetz?" Dann sagen die Einen: "Ja macht nichts, ist so ähnlich. Deswegen fühlen wir uns schon zuständig." Und die Anderen sagen: "Nee, geht mal zum Arbeitsgericht und so." Im Moment sind wir da, was das Streiten vor Gericht angeht, blockiert, weil die eine Kammer so sagt, die andere so und das Bundesverwaltungsgericht, das in diesem Quartal noch entscheiden möchte – eigentlich im letzten Quartal. Bei den anderen Sendern ist es bei mehr als der Hälfte der Landesrundfunkanstalten üblich, dass die Freien auch durch die Personalräte mitvertreten werden. Also bei fünf Sendern, auch großen, wird ungefähr die Hälfte der Freien des öffentlich-rechtlichen Systems durch die Personalräte einfach mit vertreten. Dann gibt es Sender, da gibt es gar keine Freien-Vertretung, auch nicht einmal so etwas Ähnliches. Auch ein großer Sender, der NDR zum Beispiel, da gibt es eine Angestellte, die sich um die Freien-Angelegenheiten kümmert. Dann gibt es so Mischformen. Beim MDR gibt es eine sehr aktive Freien-Vertretung, die auch offiziell geduldet wird von der Leitung. Beim Bayerischen Rundfunk gibt es auch so ein Statut wie bei uns, nur noch viel schlechter als hier.

Wie, glauben Sie denn, ist insgesamt so der Stellenwert oder das Selbstwertgefühl der Freien im öffentlich-rechtlichen Rundfunk?

Also Stellenwert publizistisch ist natürlich immens hoch. Ich kann keine Zahl sagen, aber gefühlt 90 Prozent aller Dinge, die über den Sender gehen, werden von Freien hergestellt, zugeliefert. Das was man bekommt von öffentlich-rechtlichen Sendern machen Freie und das sorgt natürlich auch dafür, dass man das Los, das Dasein als Freier ganz gut ertragen kann, weil man ja wichtig ist. Im Innenverhältnis sind die Freien im Wesentlichen frustriert. Wir kriegen in ganz vielen Fällen deutlich weniger Geld als die Festen. In allen Fällen haben wir keinen Kündigungsschutz, keinen Bestandsschutz. Aber das sind schon echte Benachteiligungen. Meine Festangestellte Kollegin hat wie ich zwei Kinder auch im Alter meiner Kinder und sie kriegt 135 Euro Familienzuschlag dafür. Meine Kinder kriegen die Hälfte. Sind wir ganz stolz darauf, dass wir die Hälfte kriegen, weil wir bis letztes Jahr überhaupt 0 Euro gekriegt haben. Und das nagt. Wir sind Mitarbeiter zweiter Klasse. Intern spürt man das und wir trösten uns damit, dass wir so wichtige Dinge machen, die sonst keiner kann.

Die Rosa-Luxemburg-Stiftung hat eine Studie über die Bedingungen der freien Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Auftrag gegeben, die Ende Januar vorgestellt wurde. Hat sich dadurch was verändert? Wie waren da so die Reaktionen, was ist bei Ihnen angekommen?

Wir waren sehr gespannt, was da rauskommt und waren vom Ergebnis, ich will nicht sagen, enttäuscht, aber es war genau das, was wir seit Jahren auch gesehen haben und gesagt haben, jetzt aber mit Zeilen unterfüttert. Das ist so wirklich das Gute an der Studie, die hätte es eigentlich schon Jahre früher geben müssen. Sie zeigt eben das, was ich eben angedeutet habe, also dieses Gefühl schlechter gestellt zu sein, als die Festen. Das zieht sich durch. Ich glaube über 90 Prozent haben angekreuzt: nein wir sind nicht gleichberechtigt, wir sind schlechter gestellt. Und das einfach mal zu Papier gebracht zu haben, das ist gut, weil man es nicht immer nur behaupten muss und dann sage: ja, aber der Jauch, der ist auch freier Mitarbeiter und kriegt zu viel und Oliver Kahn kriegt Millionen für kaum Leistung. Die Allermeisten, um die es uns geht, sind hier ganz normale Arbeiter im Weinberg und schaffen was und kriegen weniger Geld und weniger Anerkennung dafür. Also insofern sorgt die Studie ein bisschen für mehr Transparenz. Wir versuchen das so zu nutzen, dass es auch denen da oben in der ARD, die die Transparenz herstellen könnten, sagen - das steht glaube ich auch in der Studie: 30 unterschiedliche Tarifverträge, 12 unterschiedliche Honorarrahmen. Die einen kriegen für den Tag als freier Redakteur 180 Euro. Die anderen 380 Euro, völlig ohne Begründung. Da ist die Studie ganz gut. Einfach mal zu zeigen: Liebe ARD, liebes ZDF, liebes öffentlich-rechtliche System, ihr seid im öffentlichen Auftrag unterwegs und ihr müsst auch erklären, warum zahlt ihr dem dieses Honorar und jenem das andere Honorar, und es muss nach außen auch kommunizierbar sein.

Letzte Frage: Was ist denn so die Kardinalforderung, oder was brennt so auf den Nägeln, dass Sie sagen würden: "Da müssen wir jetzt sofort ran, da muss eine Lösung her, da müssen wir uns darum kümmern"?

Freie in den Personalrat haben wir im letzten Jahr in unserer Schluss-Resolution beschlossen und das ist bisher uneingelöst. Da gibt es keine wirklichen Fortschritte. Die Deutsche Welle verhandelt über ein Statut. Das Deutschlandradio verhandelt über ein Statut. Beim BR ist das Statut eingeführt worden. Das wichtige Ziel ist, dass es auch vergleichbare soziale Standards und Honorar-Standards gibt. Mehrarbeit muss vergütet werden. Es muss auch an Feiertagen Zuschläge geben oder bei Nacht- und Frühschichten Zuschläge geben. Vergleichbarer Arbeits- und Gesundheitsschutz, das ist das große Ziel und das wird auch auf dem Kongress eine große Rolle spielen.

Zuletzt aktualisiert: 18. September 2018, 11:43 Uhr