Kritisch und kontrovers Wie führt man Interviews mit Politikern?

Interviews zu führen ist eine der wichtigsten Aufgaben eines Journalisten. Wir haben mit dem Journalisten, Autoren und Produzenten Friedrich Küppersbusch über die Kunst der politischen Interviewführung gesprochen.

von Johanna Hoffmeier

Porträt von Friedrich Küppersbusch 22 min
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Friedrich Küppersbusch ist seit Jahren im politischen Journalismus aktiv - unter anderem als Produzent einer politischen Talkshow. Er bezeichnet Interviews als "schief gegangene Begegnung" zwischen zwei Menschen.

Di 08.01.2019 10:14Uhr 21:42 min

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Was ist ein Interview?

Normalerweise gehören zu einem Gespräch zwei Menschen: Beide fragen, beide antworten. Ein Interview ist also ein Krüppel, weil es eine unausgesprochene Vereinbarung hat: Einer fragt, einer antwortet. Tatsächlich läuft aber das Gespräch zwischen zwei Menschen während eines Interviews weiter. Das heißt derjenige, der da Antworten gibt, fragt sich die ganze Zeit was über sein Gegenüber: Was will die von mir? Hat die böse Absichten? Hat die das jetzt verstanden? Schmeißt sie das sowieso nachher im Schneideraum wieder raus? Und auch derjenige, der, oder diejenige, die Fragen stellt, gibt Mitteilungen: Ich hab mich toll informiert. Ich finde dich sowieso schon doof. Ich möchte was anderes von dir hören. Geh mir nicht auf die Nerven, ich muss in die Redaktion. Also eigentlich findet ein Gespräch statt, von dem aber nur eine sehr verminderte, eine sehr eingeschränkte, kastrierte Form das gemeinte Produkt ist. In dem Sinne sind Interviews auch immer ein bisschen schief gegangene Begegnungen.

Was ist die Aufgabe eines guten, politischen Interviews?

Die Aufgabe eines guten politischen Interviews sind auf der Vorderbühne gute produzierte Nachrichten, also hole eine Äußerung deines Gegenübers, die einen Neuigkeitswert gegenüber dem bis dahin Bekannten hat. Ich hatte immer die Sehnsucht oder den Wunsch danach, den Menschen kennenzulernen und auch den Zusammenhang zwischen dem, was er politisch möchte, was er zum Gemeinwohl beitragen möchte, und wo das in seiner Person verankert ist, zu erkennen. Speist sich das, was er politisch bewegen möchte aus seiner Lebenserfahrung, seinen Prägungen? Steht es im Widerspruch dazu? Ist es eine intellektuelle Übung, die mit seinem ‚Sein‘ gar nichts zu tun hat. Also kann ich sowas wie die Authentizität, die Kredibilität, die Glaubwürdigkeit, die Wahrhaftigkeit dieses Menschen finden?

Worauf sollte man in einem politischen Interview achten?

Vor allem sei gut vorbereitet. Bedenke, dass es eine Begegnung zwischen Menschen ist. Du kannst super top in einer Sache vorbereitet sein, wenn du dann nicht wahrnimmst, dass du es mit einem Menschen gegenüber zu tun hast, wird das nicht funktionieren. Im politischen Interview geht es häufig um Schärfe, um Härte, um Nachhaken, um Herauskriegen, um Investigation, das sind alles mehr oder minder aggressive Begriffe. Zeig’s ihm! Oder der oder die lässt sich wirklich nicht abspeisen oder die holt den Knaller-O-Ton. Bedenke, dass in der zwischenmenschlichen Begegnung der größere Anteil immer der freundliche ist. Also überspitzt gesagt: Wenn du willst, dass ein Arschloch redet, sei erstmal nett zu dem. Man muss lernen, Leuten – die man vielleicht nicht mag, die einem im außerberuflichen Kontext komplett egal sind, mit denen man sich nie unterhalten würde – glaubhaft rüberzubringen: Ich finde das gut, dass du mit mir redest. Ich bin bereit zuzuhören. Ich bin bereit wahrzunehmen, was du zu sagen hast. Ich bin nicht gekommen, um in dich fünf Euro reinzuschmeißen, damit da unten anstatt einer Schachtel Kippen eine Schachtel O-Töne rauskommt.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Im Vorgespräch nie über die Sache reden, also immer gerne gucken: Fußballverein, European Song Contest – worüber kann ich einen Smalltalk haben, um einerseits diese menschliche Beziehung herzustellen, andererseits aber nicht eine Situation zu produzieren, die dann vor der Kamera, vor dem Mikro heißt: Wie ich Ihnen eben schon sagte…  Dass ist dann so ein bisschen Ius primae noctis, das heißt: jetzt gehen wir beide zum ersten Mal an das Thema ran, worüber wir heute reden wollen.

Der Medienwissenschaftler Michael Haller sagte, dass es in den 70er und 80er Jahren Gang und Gäbe gewesen sei, kontroverse Interviews zu führen, das habe sich geändert. Wie sehen Sie das?

Der politische Journalismus hatte nochmal davor, in den 50er Jahren, durchaus devoten, hoffärtigen Charakter. Da wurden in den Nachrichtensendungen die medizinischen Beuiltons ‚Adenauer hat Grippe‘ verlesen und man war sehr dankbar. Wir sind Kinder, Enkel, Urenkel der Wochenschau. Die Wochenschau war ein Nachrichtenmedium was komplett ohne O-Töne auskam. Da drehte nur ein Kameramann und es war sehr selten, dass die Menschen in diesem Hauptnachrichtenmedium überhaupt mal einen O-Ton, geschweige denn ein Interview, zu hören kriegten. Das Zitat bezieht sich auf die 60er und 70er Jahre, wo die gesprochene Sprache rustikaler war, wo die innenpolitischen Konfrontationen auch größer waren und bevor Werbeagenturen und Einschaltquoten ihren Siegeszug über die politische Berichterstattung einhielten. (…) Wo man früher glaubte, dass man durch einen besonders harten Kontrast, durch einen besonders deutlich formulierten Konflikt, Stimmen gewinnt, Zuschauer gewinnt, hat die empirische Sozialforschung den Politikern aber auch den Medien gesagt: Nee danke, also schon eine eigene Farbe ausstrahlen, aber alle umarmen können. Und das hat sich natürlich auch in den Interviews fortgezeichnet.

Es ist in Deutschland nochmal komplizierter, weil der politische Journalismus findet in den öffentlich-rechtlichen Sendern statt. Da ist er aber parteipolitisch. Das heißt, er referiert auch an diejenigen, die diese Sender, höflich gesagt, begleiten. Auf Deutsch gesagt: Reden wir über unsere Zahlherren. Wenn wir über Parteipolitik reden, reden wir über Leute, die die nächste Gebührenerhöhung ablehnen oder erlauben. Im privaten Bereich gibt es im parteipolitischen Sinne: nichts. Da werden gesellschaftliche Phänomene, Verarmung, Kindererziehung, Coachingformate, zwar wahrgenommen, aber Runden, wo Politiker rumsitzen gibt’s da gar nicht. Und das heißt, wir haben eine mediale Landschaft, zumindest im Fernsehen oder Radio, wo sie entweder keine Politik kriegen oder Parteipolitik. Und das ist auch eine Besonderheit in Deutschland im Vergleich zu anderen Märkten.

Inwieweit hat sich die Fernsehlandschaft in Deutschland verändert? Wo liegen vielleicht auch die Tücken?

Es gibt ja viel Geklage über die Panels, über die ‚Stuhlkreise‘, Anne Will, Frank Plasberg, Maybrit Illner usw., die sind auch sehr tückisch. Zum Einen unterliegt jeder in diesem Wettbewerb: der Talkmaster seiner vermeintlich kritischen oder nachbohrenden Frage eine unausgesprochene zweite Frage: Und, würden sie nächste Woche wieder kommen oder gehen sie etwa zu einem anderen Talkmaster? Das heißt es gibt immer eine Grenze, wie weit kann ich eigentlich gehen bis der sagt: Zu dir komme ich nie wieder. Das ist dann beim Kabinettsmitglied mein Problem als Talkmaster, da kann ich mir das Studio leer quatschen. Andererseits erwartet der Zuschauer, dass ich den so schräg anquatsche, wie der Zuschauer es sagen würde: Frau von der Leyen an der Wursttheke beim Rewe, was ich ihnen immer schon mal sagen wollte… Das ist ja mein Job, dafür werde ich bezahlt. Und in dem Spannungsfeld bewegen die sich. Einerseits: ich bin im Wettbewerb, ich möchte am liebsten Frau Merkel hier haben, also haue ich mal nicht so sehr drauf. Andererseits, die Zuschauer wollen, dass ich drauf haue. Und das hat dieses geniale Format zur Folge, die Panel-Show, wo der Moderator oder die Moderatorin eine Frage los schießt und sie kann gar nicht nachfragen, weil da fünf Leute sitzen. Wenn ich jetzt merke, einer spinnt und hat aber richtig die Mütze am Brennen, dann müsste ich drei oder vier Nachfragen stellen, bei dem was der redet. Dann sitzen aber vier rum und haben schlechte Laune und zwei schreiben hinterher noch eine Beschwerde an den Rundfunkrat. Das heißt, dieses Format ist so konzipiert, dass ich immer Gretel, Hänsel, Kaspar, das Krokodil muss ich immer bekommen und dann muss ich zusehen, dass die sich untereinander kloppen, dass ich nachher sagen kann: Ja, ich war ja ein neutraler Journalist. Ganz schwieriges Format, auch mit ganz engen Grenzen, was die Erkenntnisfindung angeht.

Das One-on-one, also dieses Gespräch Journalist und Gast in dem Fall, da gibt’s ganz wenige Beispiele. Also Günther Gaus zu seiner Zeit – der berühmteste Hinterkopf Deutschlands hieß er auch, weil er sich ganz zurück genommen hat und nur sein Ohr mitgefilmt wurde; Roger Willemsen, leider auch schon verstorben, mit 0137; Maischberger bei ntv. Fast könnte man den Eindruck haben: Einer in jeder Generation. Man muss auch ehrlich sein, fast jeder Journalist wäre bereit zu sagen: Wenn ich jetzt mal mit einem super Gast eine Stunde hätte und könnte den mal so richtig und müsste nicht acht bescheuerte Musiktitel, vier Werbeblocks und zwei Verkehrshinweise zwischendurch senden, dann…hätte ich als Journalist natürlich Spaß. Ob das jemand hören will steht auf einem anderen Blatt. Man muss das auch sehr gut machen, also du musst dann auch wirklich die Leute mitnehmen können auf eine Achterbahnfahrt in dieses Gespräch, weil sonst sagen die, Fußball, dritte albanische Liga, war wieder spannender – weil das läuft ja im Konkurrenzprogramm.

Woran liegt es, dass sich politische Interviews verändert haben?

Ich glaube ein ganz zentrales Motiv ist tatsächlich: Die Professionalisierung der Beteiligten, also dass ‚Beruf Politik im Medium erlernen‘. Ich habe als Volontär mal die ehrenvolle Aufgabe gehabt, alle Weihnachts- und Silvesteransprachen der deutschen Bundeskanzler durchzugucken, soweit die im WDR-Archiv noch rumlagen – da habe ich volontiert. Wir fanden irgendwann einen Einkaufswagen voller blecherner Filmbüchsen und es hieß, das war die Weihnachtsansprache von Bundeskanzler Ludwig Erhardt – Vater der sozialen Marktwirtschaft und Nachfolger von Adenauer – und ich dachte: Mein Gott haben die damals acht Stunden gesendet, das ist ein Einkaufswagen voller Filmbüchsen und habe die alle durchgeguckt. Und je mehr ich guckte, desto mehr sah ich: ‚Ludwig Erhardt die 18.‘ und dann quatschte der wieder los. Der konnte das nicht. Säulenheiliger, Gründungsfigur dieses Landes mit vielen Verdiensten. Und die mediale Kompetenz: Ich würde mal sagen, der hätte Schwierigkeiten gehabt in der heutigen Medienlandschaft Oberbürgermeister von Reutlingen zu werden. Der wäre schon an der Lokalzeitung oder am Lokalradio gescheitert. Gab's damals aber nicht. Heute ist die Sozialisation, angefangen von Windelunion, Schülerunion, Junge Union, Ring Christlich Demokratischer Studenten…dass die mit 25 austrainierte Mastinos sind im Interview geben, im Talkshow-teilnehmen. Die können da eine ganze Menge. Also das ist enorm professionalisiert worden.

Ein Spitzenpolitiker gibt in der Woche 10, 20, 30 Interviews. Wie viele machen wir? Ein, zwei? Das ist dann fast immer wie ein Pokalspiel: Bundesligist hat Glück und kriegt einen Drittligisten zugelost. Das Publikum sieht das nicht so. Für das Publikum sind wir Journalisten immer die starke Seite. Wir sind Gastgeber. Wir sollen uns gefälligst benehmen. Also wenn wir das zweite Mal unterbrochen haben, haben wir einen Waschkorb voller Mails. Was lädst du dir denn jemanden ein und pflegelst den voll? Lass den doch mal ausreden. Obwohl wir subjektiv vielleicht Schwäche empfinden: Ich muss das in drei Minuten durchkriegen, der liefert mir hier nur Textbausteine, das habe ich alles schon gehört und er antwortet nicht auf meine Fragen.
Das ist schon sehr prismierter Boxkampf von inzwischen sehr austrainierten Spitzensportlern, in einer Sportart, die sich dem Publikum nicht vermittelt. Das Publikum ist immer noch bei: Oh ja, die unterhalten sich da. Also die spielen ein Ritual mit sehr komplizierten Regeln.

Welche Möglichkeiten habe ich als Interviewer, Worthülsen zu entlarven?

Da kommt es drauf an, vorbereitet zu sein. Eine gute journalistische Grundregel: Audiatur et altera pars. Ich weiß, mein Interviewpartner wird mir ein paar Begriffe um die Ohren hauen, dann wäre es klug von mir, vorher andere Leute anzurufen und zu sagen: Was steckt hinter den Begriffen? Ich muss das dann im Grunde schon wissen. Das politische Gespräch ist nie ein rein personenzentriertes Gespräch, wo ich mit dem arbeite, was mein Gegenüber mir liefert, wo ich auch gut zuhöre. Die eine Hälfte der Hölle ist: Wir können nicht fragen, aber die fast schlimmere Hölle ist: Wir können nicht zuhören. Der normale Journalist sagt, ich brauche zwei O-Töne für einen Nachrichtenmagazin-Film, das heißt, ich darf nicht zuhören. Ich muss nur wahrnehmen: Liefert der mir diese 30 Sekunden, die ich brauche und dann muss ich den zweiten Aspekt anschneiden. Um Gottes Willen, sag nichts Interessantes, wo ich nachhaken müsste. Auch wieder eine völlig absurde Situation.

Im Umgang mit großen Schlagworten, mit catchy phrases, mit Kampfbegriffen, hilft immer: Was heißt das konkret? Politik ist in Wahrheit immer: Deine Umgehungsstraße, mein Supermarkt; dein Fahrradweg, meine Froschwanderung; okay, was bedeutet das jetzt konkret? Wo sind sie zu Hause in ihrem Dorf vom Asylanten überfremdet? Ist es im Vorgarten, ist es auf dem Bürgersteig? Wo stehen die da bei ihnen? Zeigen sie’s doch mal? Mach es konkret – gegen Kampfbegriffe eine zweite gute, hilfreiche Regel.

Haben Sie Beispiele für besonders gelungene politische Interviews?

Es gibt ja ein paar Beispiele, die inzwischen zur journalistischen Literatur dieser Epoche zählen. Das ist Caren Miosga mit Wolfgang Schäuble, wo es ihr gelingt in diesem brutal engen Tagesthemen-Format, noch dazu über eine Schalte, das heißt sie können sich nicht die Hand geben, oder ihn zum Lachen bringen, ihn zu einer kleinen Rückschau auf seine politische Karriere zu bringen. Es gibt dieses Slomka/Gabriel, auch sehr interessant, wo Gabriel einfach brutal schlechte Laune hatte und Frau Slomka ihm einfach dabei behilflich sein konnte. Es gibt Seehofer/Kleber mit dem legendären „Das können sie alles senden“. Auch ganz interessant, das man sich bemüht in diesem kunstvollen Reigen Interview, etwas Gesprächsähnliches hinzukriegen, und wenn das vorbei ist, lassen beide Beteiligte – Journalist und Interviewgast – die Hose runter und sagen: Jetzt reden wir ehrlich. Und dann hatte Kleber die Geistesgegenwart zu sagen: „Herr Seehofer die Kamera läuft noch, können wir das Nachgespräch auch senden?“ Weil da die eigentlichen Unverschämtheiten drin waren.

Das zeigt übrigens auch, das ist deutsches Spezifikum: Unsere Hauptnachrichtensendungen, also die Weihnachtsmessen des politischen Journalismus werden allesamt nicht in der Hauptstadt produziert. Das gibt’s in keinem anderen Land der Erde. ARD Aktuell kommt aus Hamburg, ZDF kommt aus Mainz, RTL Aktuell kommt aus Köln – in England oder Frankreich würde man sich kaputtlachen, wenn es hieße, wir machen in London oder Paris keine Sendung. Sprich: Englische, politische Formate sehen komplett anders aus. Die sind im Wesentlichen Gesprächssendungen. Wo wir eine MAZ und noch einen Beitrag und noch einen Kommentar und ganz selten vielleicht ein dreiminütiges Interview haben, macht BBC Newsnight Interview, also zwei Interviewpartner unterhalten sich untereinander. Da ist die politische Kultur viel gesprächiger.

Sollten wir uns aus diesen Interviews aus dem angelsächsischen Bereich ein Beispiel nehmen und provokativer fragen?

Wenn man über Nachrichtensendungen redet, dann redet man komischerweise über diesen Ausnahmefall, dass da ein Interview drin ist. Selbst wenn ich das nur ganz billig auf so einer Marketingebene sehe... Seid ihr bekloppt, ihr habt da super Journalisten und lasst die keine Interviews führen. Das ist ja auch absurd. Warum? Habt ihr Schiss? Beschweren sich die Politiker nachher wieder über die Gremien, wenn sie eine kritische Frage kriegen. Die alte Tante BBC, von der wir so gut wie alles gelernt haben in unserer Sportart Politischer Journalismus, würde das nicht verstehen. Und die steht auch unter erheblichem Druck. In Deutschland gab es ursprünglich so eine Art Beamtenverhältnis zur tagesschau. Da saß ein Mensch rum, der Nachrichten vorlas. In Umfragen in den 70er Jahren hielt eine Mehrheit der Deutschen den für den Regierungssprecher, weil das wahrgenommmen wurde als verlängerter Arm von Herrn Kiesinger oder Herrn Erhardt oder Herrn Adenauer oder wer da gerade Kanzler war. Dann wechselte das zu tagesthemen mit einem Anchorman oder Anchorwomen, die auch etwas erklärten, eine Haltung mitbrachten. Unvergessen Hanns Joachim Friedrichs. Und dann gab es einen nächsten Bedeutungsshift, nämlich von diesem da-erklärt-jemand-was mit Hintergründen, lässt auch ein bisschen seine Haltung erkennen, war der dritte Shift eigentlich der tages-talk. Und es ist kein Zufall, dass diese großen Talkrunden von Sabine Christiansen, von Anne Will, also eigentlich von Nachrichtenfrauen, von Nachrichten-Anchorwomen präsentiert wurden. Das ist einfach ein bisschen verpennt worden, das als den nächsten Schritt zu sehen.

Die spannende Frage ist: Was kommt eigentlich nach den Panels? Also das wär' dann die vierte Stufe, die jetzt irgendwann ansteht. Vielleicht nicht mehr, weil der politische Diskurs – zumindest für die, die offensiv und aktiv daran teilnehmen – ins Internet wechselt.

Wieviel Provokation innerhalb eines politischen Interviews ist erlaubt, um Inhalte zu generieren?

Ein guter politischer Journalist ist wie alle anderen Mordkommissionen auch: Good cop, bad cop. Es ist unverzichtbar erstmal positiv klar zu machen: Ich möchte mit dir reden, ich anerkenne, dass du hier bist. Das kann schwer sein, wenn man es mit einem richtigen Linksextremisten, Rechtsextremisten oder sonstwie unsympathischen Menschen zu tun hat und dann heißt es gleichzeitig: Dreh die Lampe um, nimm dir die Kippe und den Kaffee weg und: Du warst es! Und dann streiten wir darüber. Es atmet sehr stark. Ich muss immer wieder auch klar machen, dass ich das wertschätze, dass ich das Positive sehe an dem, was ich da bekomme an Auskunft, um gleichzeitig wieder zu springen. Also am ehesten mit diesem Bild: guter Polizist, böser Polizist. Der eine sagt: Ich weiß du warst es nicht. Jetzt erzähle doch mal, die anderen waren Schuld oder? Und dann muss man eben raus und dann kommt der Kollege und der sagt: Wir können auch anders!

Inwieweit ist der Interviewte ein Interviewpartner? Wie sollte die Rollenverteilung aussehen?

Ich glaube, Partner ist wirklich ein guter verbaler Tumormarker für das, was schief geht. Es gibt natürlich eine unausgesprochene, klammheimliche Übereinkunft, eine Verabredung zwischen Journalist und Gast, Journalistin und Gesprächspartnerin, nämlich: Wir beide wollen hier zusammen etwas produzieren und zwinkern uns zu und sagen: Ja war genau 29,5, das wird die tagesschau wohl brauchen können. Und es war alles drinnen, was in der dpa-Meldung auch drin war. Dann haben wir aber eigentlich Volkstheater gespielt. Wir haben in der Rolle des Journalisten, in der Rolle der Politikerin wegen meiner einen O-Ton produziert, wo auch eine Schauspielerin hätte sprechen können. Von daher, wenn ich jetzt hier das Gefühl habe, es ist eine Partnerschaft, das hat auch immer mit Geltungsbedürfnis zu tun, mit dem Geltungsbedürfnis des Journalisten mit dem Minister auf du-und-du, mit dem Geltungsbedürfnis des Ministers, also ich will geil aussehen, ich will bessere Umfragewerte haben – das sind alles diese Sackgassen, in die man laufen kann. Duell? Ja, wenn man jetzt sehr kompetitiv dran geht, kann man das so machen, kann man das so empfinden. Ich plädiere für Begegnung.

Also ich glaube, dass auch die Nachricht "Ja wir müssen diese politische Forderung stellen, aber es bricht mir das Herz", dass das eine interessante Nachricht ist. Oder "Ich beuge mich da dem Fraktionszwang", oder "Ich habe meinen Gedanken da auch noch nicht fertig", "Ich habe ein Problem erkannt im Wahlkreis, aber sorry…". Wenn wir dahin kämen: Politik im Verlauf. Wir sind Reporter. Wir dokumentieren nicht fertige Sachen, sondern im günstigsten Fall bilden wir ab, was geschieht.

Welche Tipps haben Sie für ein gelungenes, politisches Interview?

Bleib bei deinem Interesse. Also wenn man dann das erste Interview mit dem Ortsbürgermeister, Landrat beispielsweise hat – in der Regel fängt man nicht mit Kabinettsmitgliedern der Bundesregierung an – dann gibt’s sicher auch drei Leute in der Redaktion, die sagen: "Dann musst du aber fragen" oder "Dann musst du diesen Streit um den Sportplatz ansprechen" und "Was ist eigentlich mit der Etatüberziehung". Dann hast du schon 40 Fragen im Gepäck für die 10 Minuten, die du den vielleicht interviewst. Du kannst nur scheitern. Und dann versuchen, ehrlich zu sich selber zu sein und sagen: Was will ich eigentlich selber wirklich von dem wissen und dann auch die Prügel aushalten, wenn man diese ganzen wichtigen Umgehungsstraßen und Sportplatzfragen nicht gestellt hat und sagt: "Doch ich bin dem ein bisschen näher gekommen, ich war nach dem Interview schlauer als vorher. Wir haben kein Ritual getanzt, wo wir beide so dumm rausgehen, wie wir reingegangen sind. Ich bin meinem eigenen Magnet-Organ, was Brieftauben in der Nase haben, das ist sehr sensibel bei Menschen, weil das noch viel leichter zu unterdrücken und von der Außenwelt wegzuwischen ist, und da drauf zu achten. Vielleicht reden alle jetzt über Dieselabgabe, aber mich interessiert eigentlich…".

Zuletzt aktualisiert: 11. Januar 2019, 15:26 Uhr

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